Nicht nur fühlen wie verrückt – Collapse Under The Empire

Verstehen strapaziert den Geist meist über. Wir ergründen die Umwelt des Alltags, interpretieren hinein wie herum, konstruieren Mutmaßungen. Setzen einen Großteil der Hoffnung auf die Sprache, dass sie Erklärungen zu schultern vermag. Und begreifen trotz aller Kommunikation wenig. Auch Musik ohne Textebene scheint oft eine heikle Angelegenheit, sie teilt uns Dinge mit, die wir uns nicht einfach so zusammenreimen können. Instrumentale Klänge türmen sich vor dem grüblerisch überforderten Hirn auf, während unser Herz sich längst schon an selbige schmiegt. Warum kündet ein Heer inbrünstig schmachtender Streicher von großen Gefühlen? Warum legt Moll einen Schleier über die Seele? Wir verstehen nicht, fühlen freilich wie verrückt.

Photo Credit: Thomas Duffé

Post-Rock in seiner Essenz ist das gegenwärtig eloquenteste Genre instrumentaler Kunstfertigkeit. Da es sich Zeit lässt, ausführliche E-Mails schreibt, wo sonst oft nur mehr einer Twitter-Kürze gefrönt wird. Post-Rock verwirrt eben, weil er vertrackt agiert, keineswegs das Offensichtliche postuliert, all die üblichen 08/15-Emotionswallungen immer ein Stück weit konterkariert. Sich letztlich sogar auf halber Strecke zwischen Hirn und Herz dauerhaft einnistet. Als besondere Vertreter dieser Zunft möchte ich heute das Hamburger Duo Collapse Under The Empire loben. Weil sie all dies vorbildlich machen, wie ihr neues Album Shoulders & Giants belegt. Die Formation ist tief im Konzept des Post-Rock verankert, bricht Genre-Grenzen nicht völlig auf, denkt nicht vor, aber sehr, sehr clever mit.

Fakt bleibt, dass ein Track wie Giants alle Register ziehen, sowohl düster kantig schlottert als auch entzückend melodisch umschmeichelt. Dies auf kompakte 5 Minuten zu verdichten, erscheint mir sehr gelungen. Auch da das Duo längst nicht nur sattsam bekannte, rödelnde Gitarren aufbietet, bei manchen Tracks magisch reines Piano einsetzt, das inmitten brachialster Dynamik nicht untergeht. Oder eben elektronische Akzente platziert, etwa die wie Störfeuer wirkenden Beats von The Sky Is The Limit. Mit der Fülle des Sounds wird nie leichtfertig oder verschwenderisch umgegangen. Collapse Under The Empire kreieren eine Atmosphäre, die nicht nur Stimmungen bedient, sondern vielmehr Synapsen ankurbelt. Disclosure spricht mit schroffer Klarheit, hämmert sich mit einer fassbaren Bedrohlichkeit in den auditiven Cortex.

Das ist des Pudels Kern, die überzeugende Stärke von Chris Burda und Martin Grimm, dass sie den mitunter vagen Suggestionen des Genres, den An-, Ent- und Verspannungen eine fokussierte und beredte Prägnanz entgegenstellen. Nicht nur ein Kribbeln im Bauch erzeugen, wenn Gitarren lieblich plärren. Wenn trotz bester Intentionen manch instrumentaler Post-Rock Opfer der eigenen Formelhaftigkeit wird, dann liegt der Übereifer nahe, besonders gefinkelte Klänge in die Welt zu setzen. Und hier halten sich Collapse Under The Empire im Zaum, legen den Fokus auf eine elaborierte Botschaft, entfachen eine fantastische Dystopie, ein Sci-Fi-Mosaik von ausgesuchter Frostigkeit, in dessen Düsternis sich auch Lichtstrahlen der Hoffnung mengen.

Shoulders & Giants ist von ausdrucksstarker Erzählkunst geformt, schwingt nicht nur in den üblichen lauten und leisen Wellen, fiebert nie in schweißtreibenden Melancholien. Gibt dem Fühlen Gedanken mit, bietet Vorstellungen und Inspirationen ohne Worte. Genau dies, werte Leser, ist die hohe Schule instrumentalen Schaffens! Eben darum scheint das Werk von Collapse Under The Empire sehr beeindruckend.

Shoulders & Giants ist am 21.10.11 auf Sister Jack erschienen.

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