Release Gestöber 14 (The Maccabees, Ladytron, Damien Jurado)

Schnelllebigen Zeiten sind das. Das Ablaufdatum von Musik sinkt rapide. Was dieser Tage schon 2 Monate Veröffentlichung auf dem Buckel hat, wird nicht mal mehr ignoriert. Außer es gibt eine neue Single-Auskopplung oder ein aktuelles, vermeintlich künstlerisch wertvolles Video zu bestaunen. Dann wird bei prominenten Musikern ein Zirkus veranstaltet, der viel über das Marketing anno 2011 aussagt, jedoch wenig musikalischen Mehrwert bietet. Um dauernd im Gespräch zu bleiben, muss man entweder eine völlig abgedrehte Pop-Ikone mit überbordendem Talent zur Selbstdarstellung sein (Lady Gaga) oder aber die Kunst des Dissens perfektionieren (Liam Gallagher). Sonst wird ein Album bestenfalls einen Monat vor und einen Monat nach Erscheinungstermin beachtet. Vielleicht wird noch einmal ein wenig Staub von der Platte geblasen, wenn eine Tour in hiesigen Gefilden ansteht. Doch dann ist vorläufig Schicht im Schacht, bis ein neues Werk den selben Zyklus durchläuft. Eine Si­sy­phus­ar­beit!

Heute schauen wir uns zwei kommende und eine vergangene CD-Erscheinungen an. Weil sie gut sind. Und weil man über gute Werke auch Monate vor und erst recht nach Veröffentlichung noch wunderbar schwelgen wie schwadronieren darf und soll.

The Maccabees

Mein Zeitgefühl hat einen ordentlichen Knacks erhalten, als ich unlängst auf NME die Nachricht eines neuen Tracks von The Maccabees vernahm. NME sprach von einer Comeback-Single. Da runzelte sich meine Stirn arg. Hatte die Band nicht erst 2009 die sehr gute Platte Wall Of Arms mit dem noch besseren Lied Love You Better veröffentlicht? Um von einem Comeback zu sprechen, sollte eine Band doch in der Regel die Anstandsfrist von 5 Jahre der Trennung einhalten, mindestens jedoch einen handfesten Streit samt Aufmischung im Bandgefüge anbieten. The Maccabees melden sich jedenfalls zurück und werden ihr Album Given To The Wild im Januar 2012 veröffentlichen. Der erste Vorbote Pelican präsentiert sich als die Sorte Song, der die Puppen tanzen lässt. Man darf also zurecht großer Dinge harren.

Ladytron

Nur da wir Gravity The Seducer bislang nicht mit einer enthusiastischen Rezension bedacht haben, soll das keineswegs bedeuten, dass wir dem am 09.09.2011 veröffentlichten Album von Ladytron nicht begeistert gegenüber stehen. Weil das britische Quartett in Sachen Electro-Pop zu den in jeder Hinsicht begabtesten Vertretern zählt. Gravity The Seducer stellt dem Surrealen Glanz und Glorie eines exzellenten Retro-Sounds gegenüber, geht mit einer wahren Bilderflut schwanger. Schallt so hintergründig und unterschwellig wie Pop nur klingen kann, zugleich derart ätherisch wunderlich, wie man es in elektronischen Gefilden selten vernimmt.

Überwältigend empfinde ich die sireneske Kühle im düsteren Korsett von Ambulances. Einer dieser Tracks, der mich mit Synthies Frieden schließen lässt, der mir den Glauben schenkt, dass die 80er kein verlorenes, bis heute übel nachwirkendes Jahrzehnt bedeuten müssen. White Elephant schlafwandelt bizarr exotisch und orchestral verbrämt. Neben den atmosphärisch angelegten Tracks, zu denen ein eingängiges und kryptisches Mirage zählt, findet sich auch bereits erwähnter Pop-Faktor, mal schmissiger (Ace Of Hz), mitunter geradezu stupend wie etwa Moon Palace. Die schönste Zeile des Albums verbirgt sich im schwülen 90 Degrees: „I don’t know where you’ve been/ Out on the sand with medusa/ And not busy with fighting gravity, the seducer„.

Ladytron – Selections from ‚Gravity The Seducer‘ by nettwerkmusicgroup

Ladytron haben mit dem mittlerweile fünften Studioalbum Gravity The Seducer eine von A bis Z einnehmende, ästhetisch knisternde und stets packende Platte fabriziert, die gegenüber landläufigem Electro-Pop die besseren Hooklines und eine ausgetüfteltere musikalische Vision aufzubieten hat. Ein Pflichtalbum für jedermann, der beim Anblick von Synthies nicht Reißaus nimmt.

Damien Jurado

Gestern im Wartezimmer der Arztpraxis. Eine gestylte Endzwanzigerin betritt den Raum. Rote Strümpfe, ein pinkfarbener kurzer Rock, dazu eine kräftig grüne Jacke und ein blauer Schal. Nun halte ich es für vorbildlich, wenn jemand die eigene Farbenblindheit offensiv zur Schau stellt. Und ich zweifle auch keine Sekunde daran, dass die junge Dame durchaus Verehrer hat, die gewagte Farbkombinationen als liebenswerten Spleen erachten. Ähnliches gilt für die Musik. Sogar die irrwitzigste Musik findet ihre Anhänger. Warum auch nicht? Längst wird das schräg Anormale zur bestimmenden Normalität. Doch existieren auch Künstler, deren Lieder keine Marotten aufbieten. Deren virtuoses wie traditionelles Songwriting sich nicht als schiere Geschmackssache, sondern als nicht klein zu redende Kunst definiert. In diese Kategorie fällt Damien Jurado. Seine Platte Saint Bartlett war eines der Meisterwerke des Jahres 2010. Dieser Tage nun hat das Label Secretly Canadian das Nachfolgealbum Maraqopa für den 21.02.2012 angekündigt. Als einziger Wermutstropfen entpuppt sich der Umstand,  dass bei Veröffentlichungen dieses Labels  in deutschen Gefilden – im Vertrieb von Cargo – stets mit dem einen oder anderen Monat Verzögerung zu rechnen ist. Eine erste Kostprobe bietet der Track Nothing is the News. Nicht nur als Stream, sondern sogar als kostenloser Download erhältlich! Ein wirklich solider Vorgeschmack, ich fiebere dem Album bereits entgegen. Denn integre Singer-Songwriter von diesem Schlage sind ein Geschenk des Himmels.

„Nothing is the News“ by Damien Jurado by DOJAGSC

SomeVapourTrails

2 thoughts on “Release Gestöber 14 (The Maccabees, Ladytron, Damien Jurado)

  1. Ui, der Maccabees Song ist ja wirklich ziemlich unschlecht.

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