Release Gestöber 15 (Sharon Van Etten, My bubba & Mi, Ivy)

Wir husten und schniefen uns heute einmal zu den nächsten Plattenvorstellungen. So schade, dass die schönste Jahreszeit der Welt, jene nämlich, die jeden Morgen die inbrünstige Hoffnung auf Schneefall birgt, zugleich auch die ist, in der man allzu leicht einen wunden Hals sein Eigen nennt. So wollen wir also mit einem dreifachen Hatschi! an die Arbeit schreiten.

Sharon Van Etten

Photo Credit: Dusdin Condren

Wer qualitativ hochwertige deutsche Blogs liest, wird die Nachricht bereits auf das klienicum vernommen haben. Wer sogar amerikanische Hype-Postillen nach Musik durchforstet, wird bei Pitchfork Notiz genommen haben. Die zurecht als aufgehender Stern angesehene US-Singer-Songwriterin Sharon Van Etten veröffentlicht Anfang Februar in den Staaten ihr neues Album Tramp. Van Etten hat auf unserem Blog bereits mehrfach großes Lob erfahren. Jeder, der ihrem Album Epic (2010) nicht das eine oder andere Highlight abgetrotzt hat, muss mit sehr tauben Ohren geschlagen sein. Don’t Do It war für uns einer der unwiderstehlichsten, hintergründigsten und eindringlichsten Track des Vorjahres. Deshalb erwarten wir von dieser Liedermacherin ein weiteres, aus dem Dickicht der Veröffentlichungen herausragendes Album, dass auch Monate nach dem Erscheinen noch entzückt und fesselt – ohne Unterlass Gehör findet. Der erste Track Serpents wird der Erwartungshaltung gerecht. Auf Pitchfork ist selbiger als kostenloser Download verfügbar.

Tramp erscheint in Nordamerika am 07.02.12 auf Jagjaguwar. (Ein deutscher Release-Termin ist noch nicht bekannt.)

My bubba & Mi

Seien wir einmal völlig wirtschaftlich in der Herangehensweise. Ein Laden der 5 verschiedene Sorten Brötchen anbietet, und läge der Unterschied auch nur darin, dass diese mal mit Kürbiskernen, mal mit Sonnenblumenkernen bestreut sind, solch ein Laden könnte die Geschmäcker von sehr viel mehr Kunden befriedigen, als wenn sich sein Sortiment ledigliche auf Schrippen beschränkte. Doch wie chancenreich wäre dann erst ein Angebot, dass fast ein Dutzend unterschiedlicher Brötchen umfasst? Ähnliches gilt auch für ein musikalisches Werk. Ein einzelner Song mag manchmal arg wenig sein und eine Platte voll Inspiration muss man auch erst gebacken kriegen. Da bietet sich also der überschaubare Rahmen einer EP für Gehversuche an. Genau dies Format hat das skandinavische Duo My bubba & Mi mit der EP Wild & You gewählt. Die Chose klingt nach Folk, durchaus auch mit Hillbilly-Flair. Alles ohne Zuckerguss, dafür mit Zeilen wie „If he don’t give me kisses soon and many/ I’ll drop and wiggle down the street like a penny„. Songs wie Oh Kiss No oder Through & Through will ich als hörenswert hervorheben, das mit Abstand beste Lied ist jedoch der fast schon anachronistische Titeltrack Wild & You. Hier bieten My bubba & Mi einen Sound an, wie man ihn nicht an jeder Straßenecke offeriert bekommt. Solch kauzig-charmante Attitüde trifft meinen Geschmack. Bleibt also zu hoffen, dass die beiden Damen ihr Repertoire demnächst aufstocken und ein Album veröffentlichen. Einen neugierigen Kunden hätte sie bereits auf der Türmatte stehen.

Wild & You ist am 07.10.11 auf Sinnbus erschienen.

Ivy

Ich bin im September angekommen. Nicht in irgendeinem September, sondern im neunten Monat des Jahres 2011. Zumindest was das Erlauschen der diesjährigen Veröffentlichungen angeht. Und da stechen für mich Ivy mit ihrem Comeback-Album All Hours durchaus hervor. Gelegentlich erinnert der Electro-Pop der Scheibe an Tracks der Marke Saint Etienne. Allmusic nennt das Album eine „cool, late-night club affair“ und solch Beschreibung wird der Intention der Platte überaus gerecht. Fascinated ist der eleganteste Track des Werks, subtil wie grazil. Nicht zuletzt wegen Sängerin Dominique Durand, der man jederzeit anmerkt, dass sie keine überwuselte Zwanzigjährige ist. Nehmen wir etwa den Titel Suspicious, minimalistisch im Sound, eigentlich ein Fall für die angestaubte Heimorgel von Bontempi, aber was Durands Vortrag daraus macht, das bezaubert.

IVY – World Without You by nettwerkmusicgroup

Die Magie der Platte will ich dennoch nicht völlig auf den Gesang beschränken. Denn Songs wie World Without You oder Make It So Hard scheinen fraglos bestrickend gemacht, fluffig eingängig. Letzterer fährt das elektronische Element zurück, doch sind die eher auf Gitarre fokussierten Lieder – von erwähnter Ausnahme abgesehen – die schwächsten der Scheibe. All Hours schillert nämlich gleich einer Discokugel, wenn sehr relaxter Club-Sound ertönt (How’s Never). Dann merkt man Ivy Abgeklärtheit und Instinktsicherheit an, interpretieren sie doch sehr gute Songs noch besser, ringen nicht völlig genialem Songwriting oft ein gutes Lied ab. Insgesamt mangelt es dem Album nicht an Highlights, Distant Lights wäre in diesem Zusammenhang noch zu nennen, weshalb ich natürlich zu einem positiven Fazit kommen muss. Einziger wirklicher Schönheitsfehler scheint die grotesk-retroeske Ästhetik des Musikvideos Fascinated zu sein. Gerade im Bereich Elektro-Pop habe ich sonst viel mehr zu bekritteln. Ivy sei nicht zuletzt deshalb allen Lesern ans Herz gelegt.

All Hours ist am 23.09.11 auf Nettwerk erschienen.

SomeVapourTrails

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