Release Gestöber 16 (The Deep Dark Woods, Tindersticks, BADBADNOTGOOD, Zip Tone)

2011 nähert sich dem musikalischen Ende. Jetzt beginnt jedermann, der in diesem Jahr das eine oder andere Album für sich entdeckt hat, schon mal mit dem Bilanzieren. War es ein guter Jahrgang oder doch nur ein Mehr an Altbekanntem? Ich für meinen Teil bin noch heftig am Entdecken und mehr denn je der Überzeugung, dass das, was von führenden Magazinen als das Beste verkauft wird, höchstens einen kleinen Teil dessen widerspiegelt, was sich in musikalischer Hinsicht so auf Erden tummelt. So möchte ich den verbleibenden Wochen des Jahres noch jede Menge feiner Musik vorstellen. Für Bestenlisten ist es zu früh, es gibt noch sehr viel zu entdecken.

The Deep Dark Woods

Beginnen wir doch gleich einmal mit einem Album, welches zweifelsohne zu den besten Platten des Jahres zählt. Wer Folk oder Alternative Country liebt, muss das Album ohne Wenn, ohne Aber, ohne die klitzekleinste Einschränkung verehren. Die kanadische Band The Deep Dark Woods mag in hiesigen Breiten mit Unbekanntheit geschlagen sein, aber man vertraue mir, ich weiß, was ich tue und rate dringendst zur Entdeckung des Albums The Place I Left Behind. Ich werde in den nächsten Wochen noch öfter von dieser Platte schwärmen. Wer seine eigene Jahresbestenliste für 2011 mit einem wirklich feinen Werk aufpeppen möchte, der sollte noch rasch dem Zauber von The Place I Left Behind erliegen.

The Deep Dark Woods – West Side Street by Sugar Hill Records

Tindersticks

Manch tolles Album hört man Monate nach Erscheinungsdatum und erstarrt sofort vor Ehrfurcht. Anderen Platten wiederum darf man voll Vorfreude harren. Zum Beispiel The Something Rain der Tindersticks. Die Band rund um Edel-Stimme Stuart A. Staples wird ihr neuestes Werk am 17.02.12 auf City Slang veröffentlichen. Einen ersten Vorgeschmack liefert das Video zum Song Medicine.

Auch Konzerttermine gibt es bereits zu vermelden:

07.03.12 Berlin – Volksbühne
12.03.12 Köln – Gloria
15.03.12 Lausanne (CH) – Pully, Theatre de L’Octogone
16.03.12 Zürich (CH) – Kaufleuten

BADBADNOTGOOD

Nun zu einem weiteren Album, über welches ich nicht gerade übermäßige Berichterstattung vernommen habe. Wohl auch, weil man in Zusammenhang mit diesem Album das Wort Jazz erwähnen muss. Und dies verscheucht sogar aufgeschlossene Musikliebhaber. Dabei muss Jazz keineswegs das suspekte Laster des kultivierten Mannes in den mittleren Jahren sein. Wenn etwa Jazz auf (instrumentalen) Hip-Hop trifft, wie im Falle des kanadischen Trios BADBADNOTGOOD, dann entwickelt dieser entspannte Sound eine Anziehungskraft, die jedweder Beschreibung spottet. Das im September veröffentlichte Werk BBNG ist ebenso ein Genuss wie das jüngst erschienene BBNGLIVE. Wie die Band Cover neuinterpretiert und kräftig improvisiert, lässt mein musikbesessenes Herz vor Freude hüpfen. Warum die Formation alles als Gratis-Downloads unters Volk bringt, entzieht sich bei dieser Klasse freilich meinem Verständnis.

Auf bandcamp finden sich die Links zu den kostenlosen Alben-Downloads.

Zip Tone

Wir befinden uns ja in der durchaus privilegierten Lage, Alben lange vor Veröffentlichungstermin einfach so unter dem Türspalt durchgeschoben zu bekommen. Da sind musikalische Verbrechen ebenso darunter, wie schlichtweg wundervolle bekannte und unbekannte Künstler. Und manchmal denke ich mir, dass die Ansätze zwar ansprechend scheinen, die Umsetzung jedoch unspektakulär bis mangelhaft wirkt. Zumindest jedoch falsch akzentuiert. Wie im Falle von Zip Tone. Nun bin ich atmosphärischem Pop durchaus aufgeschlossenen, gerne darf auch sirenesk in abgehoben elektronischen Klängen geplanscht oder sogar softem Trip-Hop zugesprochen werden, aber wenn die Chose ab und an in New-Age-Klimbim abtaucht, wurde doch die eine oder andere Chance vertan. Denn prinzipiell schätze ich das Potential von Zip Tone überdurchschnittlich ein. Würde ich das Projekt von Kerstin Leidner als völlig uninteressant einstufen, kämen mir keine Worte über die Lippen. So jedoch möchte ich ein ein paar Zeilen zu dem Album Sandman verlieren.

Das A und O einer feinen Platte ist eine alles überragende Stimme oder schlichtweg virtuoses Songwriting, zumindest aber ein Kompromiss auf guten Niveau. Zip Tone kann eine feine, ätherische Stimme aufbieten, die nur ab und an ein wenig zu gestelzt wirkt, allzu brav tönt. Auch einige der Kompositionen scheinen, wenn man ihnen die hin und wieder übertriebene Entrücktheit verzeiht, durchaus mit Potential versehen. Alone beispielsweise bleibt stimmlich kräftig, wo viele Sängerinnen in hoffnungsloser Fragilität dahinseufzen würden. Dieser Track besitzt fraglos Charme. Auch Autum’s Atmosphere entwickelt sich stetig und kitschfrei, nimmt einen ansprechenden Beat auf, wenngleich die eine oder andere Synthie-Einsprengselung des Guten zuviel ist. Darin steckt eine keineswegs abgenudelte Exotik. Mitunter jedoch klingt die Sache so pathetisch wie beliebig (Falling), leblos wie gezeichnete Fantasy, ein Traumtänzerprojekt. Der gute Track Another Sandman wiederum bleibt gefühlvoll, ohne gleich gefühlsschwanger zu sein. Das Dilemma dieser Scheibe, zwischen künstlicher Ergriffenheit und schön schwebenden Emotionen zu schwanken, führt einmal mehr vor Augen, dass manch ordentliche Grundvoraussetzungen nicht zwangsläufig zu einem sehr guten Ergebnis führen müssen.


zip tone – alone HD-Quality__(c)2010 von zip_tone_music

Zip Tone vermag mit einzelnen Songs zu betören, die Platte selbst überzeugt jedoch nicht. Ein fokussierter Produzenten, der Sandman mehr Understatement sowie subtile Theatralik eingeimpft hätte, wäre für Sandman eine echte Wohltat gewesen.

Sandman ist am 09.12.11 auf Next Vice erschienen.

 

SomeVapourTrails

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