Die neandertalerhafte Keule der Kritik – Lana Del Rey

Nimmt unsere mediale Destruktivität nicht oftmals pathologische Züge an? Wir jubeln hoch, stellen uns als winzige Mosaiksteinchen des Erfolgs zur Verfügung, nur um früher oder später den Trend, die Sache oder eine Person nach allen Regeln der Kunst desavouieren, mit Hohn und Häme zu übergießen. Die Medien bauen Idole auf, generieren Prominenz, gestehen Relevanz zu, ehe sie dann plötzlich mit großer Trotzigkeit und Selbstgefälligkeit die Keule der Kritik schwingen. Nur dann wird von neandertalerhaftem Verhalten abgelassen, wenn sich der Kult, der Star nach bestimmten Vorstellungen verbiegt. Vor mehr als einem halben Jahr beispielsweise war Lana Del Rey ein noch unbeschriebenes Blatt, welchem Blogger, Feuilleton und schließlich Massenmedien mit überwiegend wohlwollenden Worten begegneten. Nach jedem weiteren veröffentlichten Song wurde die Sängerin zur nächsten großen Hoffnung des Pop Mal für Mal eindringlicher hochstilisiert. Die Vehemenz, mit welcher sich so viele als Entdecker Lana Del Reys selbst auf die Schulter klopften, erstaunt ein bisschen. Nicht wenige fühlten sich als Väter des Erfolgs, die einem der unzähligen, namenlosen Talente zum Durchbruch verholfen haben. Zunächst Blogs und auf Trendigkeit spezialisierte Online-Musikmagazine, später die Radiohaudegen sowie überaus seriöse Musikjournalisten. Jedermann wollte einen gewichtigen Beitrag geleistet haben.

Photo Credit: Nicole Nodland

Doch allmählich kippte die Stimmung, vermutlich als ruchbar wurde, dass Lana Del Reys Debüt bei Universal erscheinen würde. Dann vermutete man Kalkül hinter dem rasanten Aufstieg, fühlte sich vor den Karren einer perfiden, weil nicht sofort als Werbefeldzug erkennbaren Kampagne gespannt. Dieser Tage nun erscheint Born To Die und all das frühere Lob ist manchmal dezenten Verächtlichkeiten gewichen. Würde man nun zum Vaterschaftstest bitten, lediglich die dem Massengeschmack verpflichteten Vertreter ihres Standes würden noch enthusiastisch die Hand heben. Der Rest übt sich in einer Kindesweglegung, welche sich auch – aber eben nicht nur – durch eine gewisse Enttäuschung erklären lässt. Und hier kommt der zugegeben menschliche Makel der Destruktivität ins Spiel, der ein Album auch deswegen abwertet, weil es die Gier nach Überraschungen nicht befriedigt. Weil es im Kern die bereits bekannten Songs auffährt, keine Handvoll an weiteren Sensationen im Köcher beherbergt.

Born To Die steht in der Tradition der allergrößten Pop-Platten. Weil es sich genau der Mittel bedient, die Pop erst groß gemacht haben. 5 Hits stehen beinahe ebenso viele gute Songs zur Seite, dazu noch 3 Lückenfüller, fertig ist die Scheibe. Pop-Alben hatten noch nie die Ambition durchgängig überirdischen Niveaus, Pop handelt berechtigterweise im Sinne des Kommerz und spart sich den einen oder anderen Kracher lieber für das nächste Album auf. Born To Die forciert schmachtende, aufgeplusterte Liebesballaden. Das war schon immer so, dies funktioniert auch gegenwärtig, wird auch in Zukunft Erfolgsgarant sein. Daran kann ich nichts Verwerfliches finden. Wann zierte das Genre denn jemals ein besonders ausgestaltetes Problembewusstsein, das sich Umweltschutz oder Kinderarbeit an die Fahnen geheftet hätte? Pop begleitet Gefühle, nie Ideale. Das Genre gebiert Stars, deren Image eine gewollte Künstlichkeit an den Tag legt, in den besten Fällen ein faszinierendes Image kreiert. So passt es ins Bild, dass Lana Del Rey eigentlich Elizabeth Grant heißt und sich mit ihrem gewählten Künstlernamen einen mondän-exotischen Glanz verleiht. Während sich manch Kollegin als futuristisches Chamäleon verdingt, fällt Del Rey auf die Vergangenheit zurück. Wenn sie ihre Musik als Hollywood Pop und Sad Core charakterisiert, sollte uns Hörer der ab und an biedere Glamour nicht überraschen. Da Pop, der erfolgreich sein möchte, auch immer ein gehöriges Maß an Modernität besitzen muss, wird manchem Streicher-Pomp früherer Zeiten noch ein Trip-Hop-Beat oder eine Rap-Einlage beigemengt.


Lana Del Rey – Video Games von universalmusicdeutschland

Man sollte die Ehrlichkeit dieses Werks bewundern – und es nicht als Verrat ansehen, dass aus einem Geheimtipp in Lichtgeschwindigkeit ein die Masse avisierender Popstar erwuchs. Der dramatische Gestus des Titelsongs Born To Die wirkt in Cinemascope gehalten, schwelgt und schwebt im Pathos, liefert zugleich das Rüstzeug für Krisenzeiten, indem es dem den Worten „Cause you and I, we were born to die“ ein „Try to have fun in the meantime“ beifügt. Fatalismus trifft auf Hunger nach Leben. Solche Attitüde wirkt nie auf ein Hinterzimmer beschränkt. Video Games wiederum ist eine musikgewordene Männerfantasie der sich verzehrenden, Hingabe praktizierenden Liebenden. Unschuldig vorgetragene Hymne, die all das impliziert, was heutzutage sonst gern mit einem offensiven Fuck me ausgedrückt wird. Rückwärtsgewandte Verklemmtheit oder Reiz des Unausgesprochenen? Ersteres, ohne Zweifel! Doch präsentiert sich Del Rey nicht als verhuschtes, kein Wässerchen trübendes Naivchen. Sie praktiziert nicht den auf Knien vollzogenen Purzelbaum in voremanipatorisch Zeiten. Dazu wirkt ein Song wie Blue Jeans im Vortrag zu dezidiert. Doch wo viele weibliche Popstars samt dazugehörigem Sex-Appeal jede Bühne sprengen, implodiert Lana Del Rey fast vor Begierde, ehe sich der Gefühlsschwall über den Hörer ergießt. Dann verströmen Zeilen wie „Now my life is sweet like cinnamon/ Like a fucking dream I’m living in“ ein emotionales Idyll, in das man allzu gerne eintaucht (Radio). Ihr Sentiment wird volllippig artikuliert, ganz große, stark feminine Gefühle ergießen sich in perfekt geformte, schwülstige wie kräftige Refrains.

In der Summe fällt nur ein Mangel tatsächlich ins Gewicht. Dass von den zuvor unveröffentlichten Titel lediglich Radio, und mit Abstrichen Dark Paradise sowie Summertime Sadness zu begeistern vermögen. Die aufgestaute Erwartungshaltung entlädt sich jetzt in Nörgelei, plötzlich kramt ein jeder Musikkritiker nach Schwächen, trampelt auf dem herum, was im Sommer 2011 noch als so großartig und neu gegolten hatte. Lana Del Rey wird nicht länger der Nimbus der Neuentdeckung zugestanden, man diffamiert sie als clever designtes Sternchen, auf welches man zunächst reingefallen ist. Doch rechtzeitig mit der Veröffentlichung von Born To Die scheint die Erfolgsformel durchschaut, es wird zum Halali geblasen. Der fade Beigeschmack der Rezeption bleibt – will so gar nicht zu diesem ausgesprochen guten Album passen.

Born To Die ist am 27.01.2012 auf Vertigo Berlin erschienen.

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SomeVapourTrails

7 Gedanken zu „Die neandertalerhafte Keule der Kritik – Lana Del Rey

  1. Ich habe diesen Hype von Anfang an nicht nachvollziehen können. „Videogames“ fand ich vom ersten Moment an sterbensöde, und was an diesem angeblich so authentischen und selbstproduziertem Video so toll sein sollte, bei dem sie uns mit ihren aufgeblasenen Lippen und schlecht geschauspielertem Fick-Mich-Blick anschmachtet, habe ich auch nie kapiert.
    Angesichts der Tatsache, dass sämtliche Folgenummern sich irgendwie alle gleich anhören und dass jetzt rauskam, dass diese „Lana del Rey“ eine Kunstfigur dieser Elizabeth Grant ist, bestätigt noch mehr den Luftnummern-Charakter der ganzen Angelegenheit.

    (Nichts gegen Kunstfiguren, siehe Madonna, Lady Gaga, Ziggy Stardust (oder sogar Dick Brave *g*)…, aber ein bisschen Substanz sollten diese Figuren schon mit sich bringen)

  2. Ich stimme prinzipiell zu, dass die letzten Wochen eine Art Anti-Hype stattgefunden hat. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob die selben Leute vorher ein Fan von LDR waren und ihre Meinung geändert haben (ob fundiert oder opportunistisch sei dahingestellt) oder einfach nur eine natürliche Gegenbewegung stattgefunden hat.

    Mir taugt die Platte nicht wirklich, aber tun die ähnlichen Vertreter der letzten Jahre auch nicht.

  3. Blue Jeans war großartig und das ist jetzt nicht mehr und nicht weniger als ein recht hörbares Album geworden.. so war das ja wohl zu erwarten.

    Musikacts sollten sich nicht mehr verpflichtet fühlen, Alben aufzunehmen. Es gibt Musiker bei denen das Prinzip Album funktioniert und andere die sich auf Singles oder völlig andere neue Konzepte konzentrieren sollten.

    Die meiste Kohle macht man inzwischen sowieso anderswo, oder?

  4. Starker Text, egal wie man zu der Musik von Lana Del Ray steht.

    Ob Kunstfigur oder nicht finde ich völlig nebensächlich. Musik IST Kunst, ob sich die Künstler dazu inszenieren ist ihnen frei überlassen. The Hives gehen auch als Kunstfiguren auf die Bühne. Die White Stripes hatten einen Dresscode, das ist auch nichts anderes.

    Und musikalisch würde ich eher zu Lana Del Ray greifen als zu Bon Iver, aber das ist ja jedem selbst überlassen.

  5. …ich habe wirklich nicht erwartet, dass sie so ein geschmackvolles, gutes Album veröffentlicht. Ich sah sie ehrlich gesagt, als ich Video Games zum ersten Mal hörte, als One-Hit-Wonder. Sie hat wirklich positiv überrascht.
    LDR ist eigentlich nicht unbedingt in meinem Musikspektrum angesiedelt, aber ich habe es mir einfach mal unvoreingenommen angehört und als durchaus eingängig und gut befunden.

  6. Ein sehr gelungener Artikel und auch eine gute Beschreibung des LdR-Albums. Ich muss ja gestehen (wie ich auch schon in meinem Blog schrieb), dass die Scheibe bisher mein Album des Jahres ist, obwohl es mich gar nicht richtig euphorisiert – aber irgendwie packt mich die Musik und die Atmosphäre doch. Hätte sie statt „Million dollar man“, „Without you“ und „National Anthem“ die beiden guten, flotten Songs des ersten Albums („Queen of the gas station“ und „Raise me up“) sowie die Single „Kinda outta luck“ auf die CD gehievt, dann wäre das Ganze abwechslungsreicher und noch besser geworden. Wie Du schon schreibst fehlt so ein bisschen das Überraschungsmoment und gerade die neuen Lieder sind etwas brav (wobei „Summertime sadness“ mein Favorit der Scheibe ist). Aber das ist letztlich Jammern auf hohem Niveau. 🙂 Ich freu mich, dass mir auch mal wieder ein Pop-Album gefällt. Übrigens habe ich LdR zum ersten Mal 2010 mit der Demo von „Diet Mtn Dew“ kennengelernt, bin also noch vor dem Hype auf sie gestoßen. 😉

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