Stippvisite 14/01/12 (Weg mit der Peitsche in unseren Köpfen)

Wenn sich in diesen Tagen die negativen Schlagzeilen gleich Karnickeln vermehren, dann sollte man das Gemüt mit schönen Dingen aufpäppeln. Man läuft in Zeiten der Globalisierung so leicht Gefahr, einen Kursrutsch an asiatischen Börsen persönlich zu nehmen. Jeden Rülpser einer Rating-Agentur als Angriff auf den eigenen Wohlstand zu verstehen. Wir meinen, auf Gedeih und Verderb den wirtschaftlichen Entwicklungen ausgeliefert zu sein. Hören sogar hin, wenn Arbeitgeberverbände die Versklavung der Beschäftigten als Idealzustand benennen. Aber werten wir es doch als zivilisatorische Errungenschaft, dass wir die Peitsche nicht mehr fürchten müssen! Höchstens die Peitsche in unseren Köpfen, die uns auf permanentes Funktionieren trimmt. Und hier hilft die Kunst, schärft Sinne und erfreut, sät Grübelei und Freude. Lenkt von Nebensächlichkeiten ab und fokussiert. So auch heute vorgestellte Musik.

Downloadtipp:

Folk meets Shoegaze, so lässt sich die Philosophie der Band The Nocturnes zusammenfassen. Mit Emma Ruth Rundle, ihres Zeichens auch Gitarristin der Post-Rock-Formation Red Sparowes, hat die Band eine veritable Frontfrau vorzuweisen. Das 2011 erschienene Album Aokigahara ist nicht frei von Längen, besitzt aber einige lauschige und andächtige Momente voll zeitloser Entrückheit. Der unspektakuläre, raffiniert repetetive Titel Love etwa zählt dazu. Natürlich auch der nahezu sakral anmutende Titelsong Aokigahara. Fast ebenso geglückt: The Road mit schön verwobenem Gesang. Diesem als kostenlosen Download auf bandcamp verfügbaren Album sollte man in einer Mußestunde sein Ohr leihen. (via Coast Is Clear)

Livetipp:

Wenn Musik eine ureigene Welt kreiert, die vor Atmosphäre nur so strotzt, sich in Rätseln vertieft, mit fiebrigen Schauern die Sinne weckt, dann sollte man solch Großartigkeit dankbar erlauschen. Im Falle von The Kilimanjaro Darkjazz Ensemble möchte ich nicht müde werden, die Faszination hervorzustreichen, die dieser einzigartige Sound in mir weckt. Wer seinerseits tief in unergründliche Gefilde eintauchen möchte, dem bietet sich mit Live – I Forsee the Dark Ahead, If I Stay eine feine Gelegenheit. Das erste Livealbum der niederländischen Formation liefert eine Werkschau, welche einen guten Eindruck vom bisherigen Schaffen vermittelt, dank zweier unveröffentlichter Tracks auch dem eingeschworenen Fan etwas Neues bietet. Den zwischen 2006 und 2011 in Spanien, Ungarn, Polen, Slowenien und den Niederlanden entstanden Mitschnitten haftet eine beeindruckende Aura an, die jeglicher Beschreiben letztlich doch nur spottet. Daher empfehle ich einmal mehr eine vertiefende Beschäftigung. Live – I Forsee the Dark Ahead, If I Stay ist auf bandcamp als Download verfügbar, bei dem man den Preis selbst bestimmen darf. Dieser muss nicht zwangsläufig 0 Euro betragen! (bei Schallgrenzen gefunden)

Entdeckertipp:

Wer bereits 30 Lenze oder mehr auf dem Buckel hat, wird sich vielleicht an eine Zeit erinnern, als man noch musikalischen Instanzen fernab des Internets folgte, auf die Empfehlung von Musikmagazinen hörte oder dem Verkäufer im lokalen Plattenladen vertraute. Irgendwie sehe ich heutzutage trotz gefühlter Millionen an Musikblogs wenige seriöse Autoritäten, deren eloquent geäußerter Geschmack stets gute Songs garantieren. Eva-Maria vom Polarblog freilich zählt zu den wenigen Ausnahmen. Was sie empfiehlt, beschert oft und öfter Freude. So auch die jüngst ans Herz gelegte finnische Formation Burning Hearts.  Wer dem – laut Eigendefinition – Electro-Folk-Pop lauscht, wird auf das Angenehmste berührt. Beispielsweise vom Song Burn Burn Burn, dem Single-Vorboten des für Februar angekündigten Albums Extinctions. Das Lied offeriert weit mehr als sacht dahin plätschernden, wohltemperierten Indie-Pop, den kein Wässerchen zu trüben vermag. Es hat schlicht und ergreifend zu viel Charme, um in Unscheinbarkeit zu verharren. Auch Into The Wilderness ist sehr gefällig, zeigt, dass Electro-Pop nicht immer als Drohung aufgefasst werden muss.

Burning Hearts: Burn Burn Burn by Solina Records

Into The Wilderness by Burning Hearts

Heute ist nicht alle Tage, demnächst mehr, keine Frage!

SomeVapourTrails

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