Das Happy End biegt nicht mit Blaulicht um die Ecke – Sharon Van Etten

Wenn 30 fähige Tischler darangehen, einen ordentlichen Sessel zu zimmern, und einer davon das solide Handwerk mit einer speziellen Note garniert, dann gibt es am Resultat nichts zu rütteln. Dreißig zweckmäßige Stühle laden zum Sitzen ein. Und doch wählt man den mit dem gewissen Etwas, nicht etwa weil diese eine ausgewählte Sitzgelegenheit eine viel wohltuendere Polsterung aufweist oder gar hochwertigere Werkstoffe verwendet hat. Meist macht nur eine kleine Nuance den entscheidenden Unterschied aus. Ähnlich scheint es mir auch in musikalischen Belangen. Lieder über Liebe, Beziehungen und emotionale Verwirrungen erfinden nichts neu und doch wollen wir nicht davon lassen. Weil ein jeder Mensch all dies für sich entdecken darf und Trost und Inspiration in der Musik findet. Die amerikanische Singer-Songwriterin Sharon Van Etten fertigt keinen Stuhl ohne Stuhlbeine, gibt also Empfindungen keine neue ungeahnte Dimension. Dennoch ist ihr jüngstes Werk Tramp eine Offenbarung, eben dank betörender Details.

Photo Credit: Dusdin Condren

Der Zauber einer Stimme definiert sich nicht allein über deren Umfang, Oktaven erscheinen Schall und Rauch, wenn darin wenig Seele steckt. Van Ettens Kunst ist keiner überragenden Technik geschuldet, trotzdem färbt ihr Gesang auf den Hörer ab. Sickert so schlicht wie ergreifend ein, erhält sich Chiffren, weckt das Forschergen des Lauschenden, da zwischen Lieblichkeit und Abgründigkeit gependelt wird, sich nichts en passant offenbart. Der Vortrag schmilzt, die Darbietung schmirgelt, verwendet Samthandschuhe, entblößt sich unvermittelt. Lebt nicht für den Refrain, kann und will aber auch nicht ohne ihn. Die Künstlerin gibt mit vornehmer Zurückhaltung die Frau ohne herausragende Eigenschaften. Alles hat Qualität, nichts verrät exzeptionelles Talent. Ihre Songs üben sich in Bekenntnissen, vermeiden doch eine tränenreiche Beichte, verströmen Verletzlichkeit, doch findet man Narben, wo blubberndes Blut effektvoller wäre. Den geschilderten Krisen wird nicht mit Tatütata begegnet, das Happy End biegt nie mit Blaulicht um die Ecke.  Wo andere Gott und die Welt zum Drama bitten, übt Van Etten die kleinen Gesten. Sogar melodisch. Für Pop ist die Chose oft und gern zu sperrig, für Folk zu konsequent arrangiert – und Rock will man ihr trotz manchem Aufbäumen auch nicht unterstellen. Letztlich lässt die Singer-Songwriterin kein klares Genre-Gepräge erkennen, nimmt zwischen den Stühlen Platz.

Van Etten kann man nicht für aufs Auge gedrückte Offensichtlichkeiten loben. Sie scheut das Plakative. Ihre Gefühle werden erst nach und nach für den Hörer reproduzierbar. Nach eingehender Betrachtung freilich will man diese Platte nicht missen. Weil weder Plattitüden noch eine Philosophie der Unbegreiflichkeit des Seins den Werk dieser Liedermacherin prägen. Wie Leonard dem Ende einer Liebe einen vorläufigen Neubeginn anhängt, wie Van Etten triumphal ihre Selbstgeißelung darbietet, im Wissen trotzdem geliebt zu werden, das erlaubt dem Song eine Vergebung, welche man selbst oft ersehnt und hoffentlich ab und an erfährt. Ein geäußertes Mea culpa wird bei All I Can von jeglicher Resignation befreit, vielmehr mit unbändiger, sich aufbäumender Sehnsucht beladen. Das lyrische Alter Ego forciert Ausbrüche aus dem Jammertal des Scheiterns, droht mit ungebremster Vehemenz neue Abenteuer an. „You enjoy sucking on dreams/ So I will fall asleep with someone other than you“ heißt das Versprechen, dem Van Etten am Ende von Serpents jedoch untreu wird, wenn sie mit den Worten „I hope he changes this time“ doch wieder zu Unrecht eine letzte Chance offeriert. Mit Karacho schlittern ihre Protagonistinnen in Fallstricke, bleiben im Sprung einen Moment lang gehemmt, harren jedoch nie schicksalsergeben den Dingen. Tracks wie Ask oder I’m Wrong hadern mit sich, warten angespannt auf einen Impuls, den sie noch nicht setzten können. Leiden verkommt hier kaum zum Selbstzweck, bleibt stets auf eine Überwindung des Schmerzes fokussiert.

Letztliches ist es genau dieser Zugang, der Tramp seine Dynamik verleiht. Das Album aus der Masse hervorstechen lässt. Van Etten beherrscht den Dreh, ihren Liedern eine Energie angedeihen zu lassen. Auch schmerzende oder beschönigende Innenansichten verkommen nie zum Stillleben der Tristesse, zeigen ein Ringen und Taumeln, mit welchem wohl nur die allerimpulsivsten Gemüter wenig anzufangen wissen. Zeilen wie „You’re the reason why I’ll move to the city/ You’re why I’ll need to leave“ zeichnen den Tumult den Fühlens auf (Give Out), einen greifbaren Antrieb, der sich gleichsam von Hoffnung und Bitterkeit nährt. Deswegen ist die vorliegende Platte so gut. Ob Lyrics, Kompositionen oder Vortrag, in allem wohnt eine Seele, die sich zu erfühlen lohnt. Nichts sticht schmerzhaft ins Auge, nichts setzt sich reißerisch in Szene. Sharon Van Etten überzeugt mit einem sorgfältig ausgestalteten Gesamtkunstwerk, dessen Wesen lebendig und glaubwürdig und bewegend wirkt. Was einfach klingt, erweist sich oft als schwer. Die simplen Kniffe trennen die Spreu vom Weizen, die zahllosen Handwerker von einer wahren Künstlerin wie Van Etten.

Tramp ist am 11.02.2012 auf Jagjaguwar erschienen.

Konzerttermin:

06.03.2012  Berlin – Grüner Salon

Link:

Offizielle Homepage

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