Hier wird wahrhaftig Dreck gefressen – We Are Augustines

Wenn sich Außenseiter gegen ihr Scheitern aufbäumen, zählt das fraglos zu den spannenderen, mitfühlenden Geschichten, die es zu erzählen lohnt. Vor allem wenn man es nicht mit in philosophischen Elfenbeitürmen eingekerkerten Eremiten zu tun hat. Existenzialisitsches Nasebohren wirkt langweilig. Oft werden Eigenbrötler zu unverstandenen Heiligen verklärt, ein verkitschtes Paradies in all die vermeintlich tristen Unterschichtsgefilde platziert. Die New Yorker Band We Are Augustines stilisiert ihre Schicksalsträger nicht zu besseren Menschen hoch, macht aus an der Welt verzagten Zeitgenossen keine mitleidheischenden Opfer oder gar verkannte Genies. Das Album Rise Ye Sunken Ships hegt und pflegt einen Attitüde, die auf Schöngeistereien verzichtet, eher im Blue-Collar-Millieu angesiedelt ist. Bruce Springsteen lässt grüßen.

Wo Rockmusik den Ausgestoßenen in die große Freiheit fortschickt, sind Springsteen’sche Protagonisten meist auf der Flucht – vor den eigenen Träumen, vor allerlei desillusionierenden Alltäglichkeiten, vor dem eigenen Untergang. We Are Augustines fehlt es manchmal an lyrischer Wucht, ihr Ringen und Sehnen entwickelt jedoch oft eine lebensnahe Dynamik, von der sich viele College-Bubi-Bands mehr als nur eine Scheibe abschneiden sollten. Könnte die Bitterkeit des Verlierers tatenloser ausfallen als in der Szenerie von Chapel Song, wenn er während einer Hochzeitszeremonie sein Mädchen mit einem Anderen vor den Altar treten sieht? Headlong Into the Abyss beschreibt die Spritztour in einem gestohlenen Auto, den Nervenkitzel und Kick, der jegliche Konsequenzen negiert. Freiheit und Ekstase auf Zeit. Mit Book Of James erreicht die Band ihren Zenit. In diesem Song erzählt Sänger Bill McCarthy von der psychischen Erkrankung seines Bruders, die letztlich zu dessen Freitod führte. Zeilen wie “Guess you’re either headin’ somewhere or endin’ up somewhere/ I tried the bible, I tried the bottle, I tried the needle, I tried to love people/ In the end there ain’t nothing to say” sind ein galliger Drops, an dem man sich verschluckt, der im Halse stecken bleibt. Hier fehlt jegliche Paria-Romantik, das Lied mündet schließlich in unpathetisch lapidarer Vergebung. Juarez ist aus ähnlichem Holz geschnitzt, eine im salbungsvollen Refrain aufschwellende Hymne des Aufbruchs, welche die verbrannte Erde hinter sich lässt. We Are Augustines packen die Schicksale mit Vorliebe in einen kräftigen Rock-Sound, der sich schiere Betroffenheit verbietet, dennoch zu Emotionen drängt. Dessen Beschaffenheit vorwiegend ohne ausladende Gesten für große Bühnen taugt (New Drink For The Old Drunk).

Wie McCarthy seinem Bruder im Song Patton State Hospital die helfende Hand hinstreckt, solch ein Augenblick beinhaltet eine kämpferische und zugleich ohnmächtige Komponente. We Are Augustines lassen ihre Anti-Helden nie an den Banalitäten des Seins scheitern. Hier wird wahrhaftig Dreck gefressen, schwer bezwingbaren Dämonen getrotzt, Elend nie schöngefärbt. Dadurch gerät Rise Ye Sunken Ships zu einem konsequenten wie dezenten Befreiungsschlag, der sich nicht gegen den Hörer wendet, ihn keineswegs in eine Finsternis boxt. Die Platte versinkt nie in einem Tal der Tränen, obwohl sie tief in Abgründe blickt. Die geschilderten Außenseiter wirken vielleicht sogar vertrauter, als wir uns das wünschen würden.  Nicht zuletzt deshalb sollte man an dem Album nicht vorbeigehen.

Rise Ye Sunken Ships erscheint am 05.03.2012 auf Oxcart.

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SomeVapourTrails

Ein Gedanke zu „Hier wird wahrhaftig Dreck gefressen – We Are Augustines

  1. Ich finde den Longplayer von We are Augustines auch nicht schlecht. Zumindest anfänglich rockt die Platte was das Zeug hält und ist m.E. eher Britpop lastig. Erst zum Ende hin kann die Band ihre musikalisch-amerikanischen Wurzeln nicht verleugnen.

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