Release Gestöber 19 (Jennie Abrahamson, Yppah, Golau Glau, The Magnetic Fields)

Ein bisschen fühlen wir uns ja gleich Partnervermittlern, die aus dem Fundus an Beziehungswilligen den Interessenten exakt jene vorschlagen, die wir persönlich knorke finden. Und so wie wir weder Busenwundern noch Machos frönen, so geraten auch unsere musikalischen Empfehlungen speziell, hoffentlich jedoch frei von übertriebenen Fetischen. Vielleicht erzeugt der eine oder andere Tipp einmal mehr ein Leuchten in den Augen des Lesers. Dann hätten wir unsere kupplerische Mission bravourös erfüllt.

Jennie Abrahamson

Schweden darf sich vieler Singer-Songwriter rühmen. Jennie Abrahamson mag noch nicht zur vordersten Garde gehören, tätsächlich fehlt ihrem Liedermacherhandwerk oft der zündende Funke, eine Emotionen bindende Melodie mit ausgeprägter Halbwertszeit. Dabei liefert Abrahamson lebendigere Popsongs ab als viele ihr Landsfrauen, doch oft ist diese Quirligkeit mit allzu angestrengtem Bemühen und unsäglichen Marotten verbrämt. Diesen Kritikpunkten zum Trotz komme ich am Album The Sound of Your Beating Heart nicht vorbei. Weil eine Ballade wie Running ausgiebig zwischen enervierenden Höhen und ausgetüfteltem Arrangement pendelt, Hard To Come By im Refrain als robuster Ohrwurm funktioniert, A Better allerlei No-Gos und Versatzstücke zu einem schönen Midtempo-Stück bastelt. Prinzipiell nämlich sollte sie ihr Keyboard dringend entsorgen. She Don’t Lie klingt so abgedroschen, dass es selbst in den Achtzigern als hoffnunglos altmodisch angesehen worden wäre. Darum fällt mein Resümee auch zwiespältig aus. Denn entweder trifft Jennie Abrahamson ins Schwarze oder ihre Versuche verfehlen meilenweit das Ziel. Das macht das neue Werk zu einer zwischen Ärgernis und Beifallsbekundung schwankenden Platte. (Den Track Hard To Come By gibt es hier als kostenlosen Download.)

The Sound of Your Beating Heart ist am 27.01.2012 auf How Sweet the Sound erschienen.

Yppah

Kommen wir nun zu einem Anfang April anstehenden Album. Electronica vom Feinsten bescherte uns Yppah bereits mit dem Vorgängerwerk They Know What Ghost Know. Man tut gut daran, Yppah nur mit den besten Genre-Zampanos in einem Atemzug zu nennen, Bonobo beispielsweise. Der neuen Platte Eighty One begegne ich mit hohen Erwartungen, auch weil der Track D. Song (feat. Anomie Belle) einen munter forschen Beat mit abgründigem, nicht einfach nur ätherisch süßem Gesang mengt. Eighty One erscheint am 02.04.2012 auf Rough Trade. D. Song gibt es hier als kostenlosen Download.

Golau Glau

Mehrfach hat sich dieser Blog dem Schaffen des Musikerkollektivs Golau Glau gewidmet. Die anonym werkende Formation gibt ihren Tracks stets ein Unterfutter, gräbt tief in Mythen, forciert Konzepte. Die soeben veröffentlichte, kostenlose EP Revenant Branch beschäftigt sich anlässlich des National Libraries Day 2012 mit den Geistern toter Bibliotheken, die mit der Mahnung, nicht weitere Büchereien zu schließen, aus dem Grab steigen. Und natürlich wurden diese elektronischen Klangfragmente in bereits zugesperrten englischen Bibliotheken aufgenommen. Als Resultat schält sich ein gespenstischer, von verstörender Atmosphäre geprägter Abgesang heraus. Die EP sei speziell fortgeschrittenen Genre-Liebhabern empfohlen.

The Magnetic Fields

In weniger als vier Wochen erscheint hierzulande mit Love at the Bottom of the Sea das neue Werk von The Magnetic Fields. Mastermind und Exzentriker Stephin Merritt hatte bereits 2010 mit der Scheibe Realism an die Magie seiner in den Neunzigern erschaffenen Werke anknüpfen können. The Magnetic Fields stehen für ironiebegabten Pop, der oft aus Understatement seine Würze bezieht, die zuhauf vorhandenen Spleens nicht mit Pomp zelebriert. Im Grunde beschert uns Merritt einen Anti-Pop, welcher die Charakteristika eines Genres völlig negiert, Gefühle nie für bare Münze nimmt, oft bricht oder mit einem Beigeschmack versieht. Das Video zu dem Songs Andrew in Drag bestätigt diese Einschätzung einmal mehr.

Love at the Bottom of the Sea erscheint am 05.03.2012 auf Domino Records.

 

SomeVapourTrails

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