Rubine, Smaragde, Amethyste – Tindersticks

Die Schatzkästchen, die man gemeinhin Alben nennt, erwarten nur selten geöffnet und mit funkelndem Inhalt lockend den vor Glanz geblendeten Hörer. Ein pfiffiger Musiker verschließt die Truhe und versteckt den Schlüssel. Und zwar so, dass er gefunden werden soll. Dies erhöht die Spannung, reizt den Hörer, stellt eine vage Belohnung in Aussicht. Die britische Band Tindersticks freilich hat hiermit ein grundlegendes Problem. Die sonore Stimme von Sänger Stuart A. Staples bestrickt über alle Maßen, durchdringt scheinbar anstrengungslos. Staples wahrt stets die Contenance, lässt den Gesang nie den Gefühlen hinterherhecheln. Seine Stimme bleibt markanter Fels in der Brandung des Lebens. Die Existenz vermag daran bestenfalls zu kratzen. Jenes stoisch-warme Organ ragt hervor, zieht magisch an. Im Falle der Tindersticks braucht es also kein Frickeln am Schloß einer vermeintlichen Schatztruhe. Das gilt auch, ja besonders für das neue Werk, The Something Rain.

Photo Credit: Christophe Agou

Eine sachte Grandezza bestimmt den Grundton eines Albums, das sich angesichts des wohltönenden stimmlichen Schmelzes des Sängers keine Sekunde lang in Eskapaden flüchten müsste. Und doch mit dem überlangen Spoken-Word-Titel Chocolate und einem nichtssagenden Instrumentaltrack Goodbye Joe zwei Stücke an Anfang und Ende stellt, die nicht zu den songwriterischen Glanztaten der Formation gehören, den Faktor Staples komplett ausblenden. Falls The Something Rain nicht mit der Tür ins Haus fallen sollte, dann ist diese Zurückhaltung zu gut gelungen. Doch schon ab dem zweiten Song Show Me Everything glänzt und schimmert alles, werden sämtliche Töne zu Rubinen und Smaragden, die Staples quasi mit einem Fingerschnippen über den Hörer schauert. Hier bereiten eine aufblitzende verhallte Gitarre sowie ein hoher, seltsam geschlechtsloser Backgroundgesang die Bühne für seinen denkwürdigen Auftritt. Show Me Everything entpuppt sich als früher Höhepunkt der Platte, als eine fünfminütige Sternstunde, die Zeit und Raum schnuppe werden lässt. In A Night So Still wogt amethysternes Zwielicht vor sich hin, auf einem Teppich aus orgeligem Brokat räkelt sich Staples, schwerzüngig und schwermütig. Quasi als Gegenstück dazu umtänzelt Slippin‘ Shoes den Hörer, defiliert mit einer lässigen, nachgerade von Bläsern getragenen, beschwingten Haltung, übt sich in fatalistischer Gelöstheit. Im Reigen der Lieder nimmt sich Medicine wie eine trübe Perle aus, dessen Lüster fahl bleibt. Dieses Stück lässt den Sänger wohl ganz bewusst alt erscheinen, es kontrastiert die absolute Eleganz, zu welcher die Tindersticks ohne Mühen fähig. Mit Frozen kommen wir zum zweiten, dramatisch getriebenen Highlight von The Something Rain. Es orientiert sich an Drum ’n’ Bass, die Arrangements treten die Flucht nach vorn an, geben dem Gesang die Geschwindigkeit vor. Frozen lässt dazu exaltiert im Hintergrund turnende Bläser los, während Staples ungewohnt desperat tönt, Liebende unter Güterzügen verortet. Doch wird der Hörer noch nicht aus diesem Traum entlassen. Come Inside gibt sich furchtlos existenzialistisch, lässt wohl den lang erwarteten Tod eintreten.

Auch wenn man die Tindersticks nicht allein auf Mastermind Stuart A. Staples reduzieren sollte, so ist doch seine Stimme das absolute Prunkstück. Sie überschattet nahezu alles. Wenn sich noch kongeniales Songwriting dazu gesellt, ist die Formation wahrhaftig brilliant. The Something Rain leuchtet gleich Bernstein, all die Einschlüsse, sämtliche Sprengsel werden vom honigfarbenen Timbre des Sängers umfasst. Das bewirkt endloses Staunen. Welch großer Schatz tut sich hier auf!

The Something Rain ist am 17.02.2012 auf Lucky Dog/City Slang erschienen.

Konzerttermine:

04.03.12 Esch sur Alzette (LUX) – Rockhal
07.03.12 Berlin – Volksbühne
08.03.12 Berlin – Volksbühne
12.03.12 Köln – Gloria
13.03.12 Hamburg – Thalia Theater
15.03.12 Lausanne (CH) – Theatre de L’Octogone
16.03.12 Zürich (CH) – Kaufleuten
17.03.12 Heidelberg – Stadthalle
18.03.12 München – Muffathalle

Links:

Offizielle Homepage

Kostenloser Download von Frozen

 SomeVapourTrails

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