Stippvisite 19/02/12 (Bereicherung anstatt Berieselung)

Musik hat sich in den vergangenen 15 Jahren ein durch und durch negatives Image verpasst. Als dank Napster die ganze Filesharing-Dynamik losgetreten wurde, stellte die Musikindustrie ihre Klientel unter einen Generalverdacht, reagierte mit oftmals unausgegorenen Restriktionen (Kopierschutz). Die Professionalität früherer Tage, als man mit viel Aufwand einen noch größeren Ertrag erzielte, Superstars noch und nöcher kreierte, wich angewandtem Dilettantismus, mit dem man den Möglichkeiten des Internets stets skeptisch begegnete. Musik im Fernsehen verkam ebenfalls weiter zum Unding. Sender wie MTV oder VIVA wurden zu einer Klingeltondauerschleife umfunktioniert. Castingshows trachteten danach, Popstars hervorzubringen. Die Chose entwickelte sich zu einem Bootcamp, welches den Teilnehmern Schweiß, Tränen und vollsten Körpereinsatz abverlangte. Die Dramaturgie der Schmierenstücke sah für Musik immer nur die Rolle des sich im Hintergrund abstrampelnden Komparsen vor. Die Musikrezeption schließlich, die früher einmal das Profil von Großmeistern und Chartbreakern schärfte, zugleich eine Filterfunktion übernahm, musikalische Ärgernisse mit beredtem Schweigen bedachte, musste vor einer großen Schar an Zeitgenossen kapitulieren, die selbst den schlimmsten Bockmist noch in Szene setzen und auf ungezählten Blogs und Online-Magazinen aufbereiten. Der technische Fortschritt erlaubte es zudem, dass sogar die ärgsten Nulpen nun ein Liedchen aufnehmen und ein mittels iPhone gedrehtes Video auf Youtube lancieren können. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Aus ungezählten Kehlen tönt Musik, tausende Plattenfirmen (Branchenprimusse samt Sub-Labels sowie unzählige Indie-Labels) verbreiten die Machwerke mit viel Tamtam, Legionen von Federn schreiben – beseelt vom Geiste des SEO – darüber. Dazu gesellen sich noch Millionen naiver Teenager, die sich ins Fernsehen johlen möchten. Die, die es nicht besser können, und die, die es nicht besser wollen, verbünden sich und rühren eine kackbraune Soße an. Natürlich werden genügend Hörer die Ohren darin tunken. Aber eben nicht alle. Wer sich gegenüber Musik noch ein Staunen bewahren möchte, sie als Bereicherung anstatt Berieselung erfährt, der darf wie immer unserem Blog vertrauen.

Downloadtipp:

Wie freue ich mich doch, wenn ich auf einen Reim treffe, der noch nicht abgenuschelt ist. Dann darf der Reim auch eine gewisse Schräge aufweisen, wie in der erinnerungswürdige Zeile „Teary eyes and bloody lips make you look like Stevie Nicks„. Moonface, eines der zahlreichen Projekte von Tausendsassa Spencer Krug, gewährt mit dem Song Teary Eyes And Bloody Lips einen ersten Eindruck, was von dem am 20.04.2012 auf Jagjaguwar erscheinenden Album With Siinai: Heartbreaking Bravery zu halten sein könnte. Zumindest dieser Track versinkt in temperamentvollem Bombast, vor dem man andächtig niederkniet. Allergrößtes Songwriting, fraglos eines der besten Lieder, die uns 2012 bescheren wird. Der Song ist auf Soundcloud als kostenloser Download verfügbar. (gefunden auf dem Blog von Jagjaguwar)

Covertipp:

Mut wirkt oft töricht, von Selbstüberschätzung beseelt. Man sollte ihm vor allem dann Respekt zollen, wenn er konsequent durchgehalten wird, nicht irgendwann in Panik umschlägt. Die kanadische Formation The Darcys hat sich daran gemacht, das 1977 veröffentlichte Album Aja, die erfolgreichste Platte der Band Steely Dan, zu covern. Diese Neuinterpretation eines Klassikers will dabei nicht nur als olles Tribute dahinplätschern, sondern einen ureigenen Charakter entwickeln. Den Jazz-Rock des Originals überwinden, die Songs aufblähen, verdüstern. Daraus erwächst ein überraschend eigenständiges Werk, welches eigene Kreise zieht, sich nie mondisch um den Planeten Steely Dan dreht. Dieses Aja bietet speziell mit dem Lied Josie ein ganz exquisites, entwurzeltes und beschwörerisches Cover. Man staune! (via Exclaim)

The Darcys – AJA by Arts & Crafts

Gegen Angabe einer E-Mail-Adresse ist das Album Aja hier als kostenloser Download verfügbar.

Geheimtipp:

Über den unter dem Namen The Migrant werkenden Dänen Bjarke Bendtsen hatte ich bereits in der Vergangenheit berichtet. Anfang Februar wurde nun in deutschen Gefilden seine neue Platte Amerika veröffentlicht. Ich hatte mir bereits im Herbst letzten Jahres ein Lesezeichen zum Albumstream angelegt und es irgendwie nie geschafft, darüber ein paar Worte zu verlieren. Nun hat mich ein Post auf Schallgrenzen also wieder daran erinnert. The Migrant praktiziert aufgeweckten Indie-Folk, manchmal poppig, mitunter auch verquer. Sobald Bendtsen das Konzept von Gitarre und Gesang beiseite legt, den Sound üppiger und kruder gestaltet, turnt das Album Dynamik und Strahlkraft vor. Als starker Track kristalliert sich beispielsweise Flight AA71 heraus, ein nicht nur wegen den Zeilen „The first time a cannibal was eating/ The first time a scientist was dreaming/ The first time when fireworks were filling the sky“ bemerkenswertes Stück, welches gekonnt wie gedehnt an den Nerven sägt. Zärtlicher, luftiger und doch larmoyant fällt da schon Molehills aus, 2811 California Street ist von einem Kaliber hymnischer und unruhiger Wucht, die durch den klagenden Gesang an Inbrunst gewinnt. Solch Lieder schlottern sich ins Mark, schrecken auch vor Kakophonie nicht zurück (Don’t Talk). Wenn dieses Album einen echten Makel gleich einem Mühlstein um den Hals trägt, dann das ausgesucht scheußliche Albumcover.

Gefühlstipp:

Wenn Frauen ihrer Gefühle ausbreiten, dann schalten meine Ohren keineswegs auf Durchzug. Wenn fragile, zarte Seelen ihre Emotionen kunstvoll falten, offenbaren diese Origami-Lieder oft erst bei genauerer Betrachtung all den darauf verwendeten Eifer. Die Songs der Norwegerin Synne Sanden wirken so verdammt skandinavisch. Krümmen sich dröge, breiten sich ins Innere aus, stülpen eine Leidensfähigkeit hervor, besitzen scharfe Kanten. Sandens jazzige Note umhüllt die emotionalen Konturen der letztjährige Scheibe When Nobody’s Around mit einem Schleier, schönt den Blick auf die verschrammten Miniaturen. Denn Sanden lamentiert gleich einem räudigen Kätzchen, das schon zu vielen Autos im allerletzten Moment ausweichen musste. Man möge mich nicht falsch verstehen, das Album besitzt durchaus Anmut und Finesse in aller Tristesse, aber besonders eine oft schonungslose Attitüde. Ein Song wie Returning Monster zeigt aber durchaus auch Krallen. Vor allem der Titeltrack When Nobody’s Around sowie Tired Heart sind hartgesottenen Gemütern ans Herz gelegt. Auch der als kostenloser Download auf Soundcloud verfügbare Titel Emotional Creature veredelt diese Platte. Fetischisten skandinavischen Songwritings sollten sich den Namen Synne Sanden unbedingt ins Notizbuch kritzeln. (via Polarblog)

SomeVapourTrails

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