Wenn blasses Kolorit schillert – Toni Kater

Auch ich bin nur Sklave meiner Erwartungshaltungen. Wenn sich eine Musikerin Toni Kater nennt, erwarte ich mir folglich die eine oder andere Schnurre im Repertoire. Doch weit gefehlt. Das Album Sie fiel vom Himmel spendiert mir eine Runde Nachdenklichkeit, mit einer irgendwo zwischen 2raumwohnung und Wir sind Helden festgepinnten Attitüde. In den spannenden Momentes dieser Platte wirkt das einerseits so rund, wie deutscher Pop mit dem Willen zu ausgiebigem Airplay klingen sollte, und andererseits auch hinlänglich poetisch, um nicht in seichten Gewässern Tiefgang vortäuschen zu müssen. Und weil gesungene deutsche Texte oft entweder albern oder anstrengend klingen müssen, gerät Toni Kater bei dem Balanceakt hin und wieder aus dem Gleichgewicht, stolpert in altbekannte Fettnäpfchen. Die Lyrik unserer Tage ist eine feminine, emanzipiert und doch irgendwie erschreckt. Verbaut die Seele in Türmen aus Glas, prunkvoll und fragil zugleich.

Photo Credit: Jan Brockhaus

Der Glaspalast der Toni Kater bricht die Farben. Wenn sie ein Lied in blasses Kolorit tränkt, kommt es oft schillernd beim Hörer an. Krass etwa zimmert aus einer zunächst im schmuddeligen Pathos einer Schwarz-Weiß-Tristesse gehaltenen Ballade eine sich aufbäumende, erkenntnisreiche Nummer, die die anfängliche Lethargie überpinselt. Ähnliches destilliert sich auch aus Geh nicht kaputt heraus. Den alltäglichen Irrlichtern wird eine furios flackernde Entschlossenheit gegenüber gestellt, jene vehemente Aufforderung nicht in Tretmühlen des Seins zu zerschellen („Geh nicht kaputt an deinen Wünschen, geh nicht kaputt an unsrer Zeit, geh nicht kaputt an deinen Wunden, geh nicht kaputt an Einsamkeit.„). Da steckt mehr als naive Traumtänzelei dahinter, überrascht das zarte Stimmchen mit einer gehörigen Portion Überzeugungskraft. In diesen Minuten wirkt die Platte erwachsen – und doch nie abgeklärt, lebendig – ohne gleich in Hysterie zu verfallen, auf alle Fälle dichter als das Synthie-Geblubber vorgibt. Verwirrt lässt mich zwiespältig zurück, weil es schlichtweg so klingt, als hätte sich eine der beiden Humpe-Schwestern daran zu schaffen gemacht. Das sagt viel über das radiöse Potential aus, aber noch mehr darüber, dass Toni Kater kein durchgängig eigener Sound gelingt. Tattoo etwa würde dem unbeleckten Konsumenten viele Assoziationen bescheren, die werte Künstlerin käme – wenn überhaupt – unter ferner liefen. Das soll der anschmiegsamen Schönheit, der sich kristallierenden Weichheit des Liedes freilich keinen Abbruch tun. Wenn jedoch die Stücke auf Reduziertheit getrimmt werden, ihre in flockige Watte gepackte musikalische Atmosphäre verlieren, kommen sie meist seltsam schmucklos, geradezu stumpf rüber. 1 Land wirkt allzu bewölkt, Venedig bleibt in der Dialektik des Seins gefangen („Es geht nicht links, es geht nicht rechts, mein Haus steht fest.„), kaschiert jedoch mit intensivem Gesang einen hanebüchern wirkenden Text („Es gibt kein Schwarz und auch kein Weiß, jede Linie wird zum Kreis.„).

Sie fiel vom Himmel ist zweifelsfrei talentdurchsetzt, aus einem gläsernen Elfenbeinturm erschallend. Oft bestrickend entrückt, aus der nötigen Distanz beobachtend, manchmal Nähe ersehnend. Toni Katers Observationen beschränken sich selten auf das eigene Gemüt, verheddern sich kaum beim Entwirren der eigenen Emotionen. Und dennoch hätte das Album zur vorhandenen textlichen Substanz auch Melodien und Arrangements anbieten dürfen, die nicht nur bewährt Altbekanntes ausbreiten. Das sollte Hörer, die deutschem Pop aufgeschlossen gegenüber stehen,  jedoch nicht von einer Erkundung dieses Werks abhalten!

Sie fiel vom Himmel ist am 20.01.2012 auf Toni Kater Records/Solaris Empire erschienen.

Link:

Offizielle Homepage

Kostenloser Download des Liedes Geh nicht kaputt

SomeVapourTrails

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