Der naive Traum blauäugiger Hirne oder die gerechte Wut Sven Regeners

Ich würde mich nicht gerade als großer Fan Sven Regeners bezeichnen. Ich habe keines seiner Bücher gelesen und von seiner Kapelle Element of Crime gerade einmal das Album An einem Sonntag im April im Plattenschrank. Ich könnte folglich kaum unbefangener den Worten lauschen, die Regener zum Thema Urheberrecht findet. In der Sache selbst bin ich freilich eisern. Der Urheber muss ordentlich bezahlt werden.

Einer der intelligentesten, drastisch ausformulierten Beiträge zum Thema Urheberrecht ist vor einigen Wochen in der österreichischen Zeitung Die Presse erschienen. Der Autor Michael Amon nennt geistig Schaffende die Gratisdeppen der Nation. Doch so sehr ich seinen Ausführungen zustimme, möchte ich dennoch eine grundsätzliche Fragestellung aufwerfen. Ist uns die Idee etwas wert? Der inspirierte Gedanke, ehe er sich materialisiert? Wer diese Frage bejaht, muss natürlich für Schutz und Entlohnung des Urhebers eintreten. Die Zeitgenossen freilich, die dies negieren, dürfen sich an die eigene Nase fassen und konsequentes Handeln an den Tag legen. Wer zu IKEA pilgert und dort einen Tisch erwirbt, zahlt neben Material- und Produktionskosten selbstverständlich auch für die Entwicklung des Designs. Wer ein iPhone sein Eigen nennt, zahlt für ein Statussymbol, doch bezahlt man natürlich auch die Personen, die derart viel Hirnschmalz in die Sache investiert haben, um das Smartphone nicht kreisrund zu entwerfen. Gehen die scharfen Urheberrechtskritiker nun in die Geschäfte, nur um an der Kasse scharf ein „Den Preis ohne Entwicklungskosten, bitte!“ zu blaffen? Ein Hauptargument für das Filesharing war und ist doch stets, dass durch das Vervielfachen von Bits und Bytes nichts gestohlen wird. Logisch weitergestrickt bedeutet dies, dass nur das materialisierte Produkt eine Bezahlung rechtfertigt. Dann allerdings sollten die Gegner von Urheberschaft auch Standhaftigkeit beweisen und sich gegen die in die Endkosten eingepreisten Ideen wehren. Warum bei einem Parfüm die Überlegungen berappen, wie Kopfnote und Herznote harmonisiert werden sollten? Wenn wir Kreativität bezahlen wollen, dürfen wir keinen Unterschied zwischen einem Stück Mode und einer Mp3 machen.

Es ist ein naiver Traum, der sich in den letzten fünfzehn Jahren in die blauäugige Hirne eingenistet hat. Wenn das Internet in irgendeiner Art und Weise Inhalte vorwiegend gratis verfügbar machen würde, warum sind die mächtigsten Konzerne der Welt aus dem Netz hervorgegangen? Warum ist Google so mächtig? Und Facebook Milliarden schwer? Im Internet bieten nur Idealisten ihre Inhalte kostenlos an, jedes Unternehmen freilich will Geld sehen, fordert zumindest eine mehr oder weniger offenkundige Gegenleistung. Nutzerdaten sind eine Währung, die wir User oft als Spielgeld erachten, während sie Firmen in bare Münze verwandeln. Es konnte mir noch niemand stichhaltig darlegen, warum in einer durch und durch kapitalistischen Welt ausgerecht das Internet als gelebtes Gegenbeispiel funktionieren sollte. Und wenn dem wirklich so wäre, wie passen dann Google oder eBay ins Bild?

Wenn das World Wide Web ein Hort der Geschäftstüchtigkeit ist und wir Kreativität im Alltag honorieren, warum scheint gerade die Musikbranche davon nicht zu profitieren? Denn obwohl das Verteilen von Musik noch nie so einfach war, jeder sein Musik der Allgemeinheit mittels YouTube oder Soundcloud näherbringen kann, haben doch nach wie vor hauptsächlich diejenigen Künstler ein gesichertes Auskommen, die von gewieften Labels unter die Fittiche genommen werden. Was hat sich denn in den letzten 15 Jahren im Musikbusiness denn wirklich geändert? Außer den Vertriebskanälen wie iTunes? Lebt der durchschnittliche Musiker nun sorgenfreier? Haben sich die Erfolgschancen erhöht? Es gibt triftige Gründe, dies zu bezweifeln. Doch wer ist der Schuldige an der Misere? Der unbelehrbare Künstler, dem es schlichtweg nicht gelingt, den Geschmack eines breiten Publikums zu befriedigen? Der Kreative, der Marketingmechanismen völlig verkennt? Oder die Internetnutzer, die Kunst als Allgemeingut ansehen und einen Anspruch auf dessen kostenlosen Konsum ableiten?

Über die Jahre wurde uns immer wieder zu suggerieren versucht, dass Filesharing kein Grund für sinkende Verkaufszahlen ist. So viel es über das Label-System zu schimpfen gibt, so wäre es doch absurd zu meinen, dass die Plattenfirmen ihr Geschäft nicht mehr beherrschen. Selbstverständlich hat Filesharing die Käuferschicht der Asozialen und Gedankenlosen nachhaltig von jeder Art der Bezahlung abgehalten. Wer für nichts bezahlen muss, der lädt wohl auch Musik herunter, die er nie und nimmer hört oder jemals kaufen würde, aber eben auch Lieder, die er oder sie um jeden Preis auf der Festplatte zu haben trachtet. Zu meinen, dass diese Gruppe ohnehin nie für Musik zahlen würde, wäre in etwa so absurd wie die Auffassung, dass die bei einem Freibierausschank in der vordersten Reihe stehenden Personen sonst ein Leben in Abstinenz führen.

Das Internet präsentiert sich als ewiges Versprechen neuer Möglichkeiten. Inwieweit diese allerdings auch gewinnbringend sind und nicht einzig auf Selbstausbeutung beruhen, das bleibt ungeklärt. Ob die musikalische Betätigung zur Nebenbeschäftigung taugt, diese Frage darf durchaus in den Raum gestellt werden. Zweifelsohne gibt es mehr Musikschaffende als vor 15 Jahren, aber ist die Qualität auch gestiegen? Denn so sehr wir über das Diktat der Plattenfirmen in den vergangenen Dekaden auch die Nase rümpfen, sind doch alle gepriesenen, bis heute bahnbrechenden Stilrichtungen unter ihrer Ägide entstanden. Nicht trotz der Plattenfirmen entwickelten sich neue Genres, sondern unter der mehr oder weniger kräftigen Mithilfe mittlerer und großer Labels. Wären Radiohead die Götter des Indie, wenn sie von Beginn alles in Eigenregie und ohne potentes Label im Hintergrund hätten aufziehen müssen? Apropos Radiohead! Bei ihrem vorletzten Album In Rainbows überließen sie die Preisgestaltung den Hörern, jeder konnte selbst entscheiden, wieviel der digitale Download kosten durfte, ob man überhaupt dafür bezahlen wollte. Bei ihrer bislang letzten Platte The King of Limbs wiederholte die Band dies Experiment nicht. Wäre es also absurd anzunehmen, dass selbst eine fixe Größe wie Radiohead keine Unsummen lukriert, wenn die Formation auf den Goodwill der Käufer setzt. Wenn wir also das System der Plattenfirmen so abstoßend finden und Musiker indirekt zur Selbstvermarktung aufrufen, bedeutet dies noch lange nicht, dass deshalb ein wahrer Geldregen einsetzt. Das vor ein paar Jahren oft trotzig geäußerte Argument, wonach man die sauer verdienten Kröten nicht in den Rachen der Plattenmogule werfen möchte, verliert ohnehin immer mehr an Substanz. Längst sind engagierte kleine Labels am Werk, längst wissen Musiker um den Wert der Eigenvermarktung. Der große Reichtum stellte sich nicht ein.

Wenn wir uns die Realität schonungslos vors Auge führen, müssen wir folgendes konstatieren. Der Urheber wird vor allem im Internet gering geschätzt. Er darf Geld verdienen, das gesteht ihm die Mehrheit wohl zu, aber eine nicht zu unterschätzende Minderheit meint, dass nur die Anderen dafür Geld locker machen sollten. Wenn aber fast jeder die Zahlungsverantwortung auf alle anderen Zeitgenossen schiebt, dann bleibt dem Künstler am Ende sehr wenig in der Brieftasche. An einigen Sätzen Regeners, dessen Wutausbruch die Debatte in diesen Tagen wieder neu belebte, darf man zugleich durchaus Zweifel anmelden. Die Fülle der Musik lässt wahrlich keinen Mangel zu. Und ob ein Verein wie die GEMA all den Mitgliedern tatsächlich eine faire Vergütung der Ansprüche garantiert, sei hinterfragt. Die Schuld für die Misere nur beim unbelehrbaren Konsumenten zu suchen, greift ohnehin zu kurz. Alle Seiten sind dazu angehalten, sich Gedanken über Gedanken zu machen, einige davon sollten damit sogar gefälligst einmal anfangen.

SomeVapourTrails

2 Gedanken zu „Der naive Traum blauäugiger Hirne oder die gerechte Wut Sven Regeners&8220;

  1. Ich fand seine Aussage ebenfalls sehr gut, ohne größerer Fan von ihm zu sein. Sämtliche Argumente für Filesharing sind einfach völlig bekloppt. Ein Kunstler soll durch Merch und Auftritte verdienen. Nur kostet das auch was, geht oft ins Minus. Er soll sie selbst produzieren: kostet Geld. Zudem kann das nicht jeder. Andere Bands haben es auch ohne Label geschafft. Tja, bis auf Kate Nash und Lily Allen fällt mir da spontan keiner ein. Und auch da stand bald ein Label hinter. Es wird oft vergessen, dass Musik mehr als nur Gitarre und Gesang ist. Überdies: Wer Steve Jobs das Geld nachwirft, aber für John Lennon nicht zahlen will, weil er tot ist, hat einen an der Klatsche. Wie dem auch sei… Ich gehe jetzt in meinen Pool schwimmen, den ich durch 1000000 Likes verdient habe.

  2. Gut und wahr gesprochen … ich finde mehr ist dem nicht hinzuzufügen … Regeners Aussagen wurden meiner Ansicht nach eh nur zerpflückt, um vom Hauptargument abzulenken, mag er manches Mal auch ein wenig neben der Spur liegen.
    Auch hab ich mich dadurch angespornt mal mit dem Piratenparteipunkt des Urheberrechts auseinandergesetzt … und finde es schon merkwürdig, wie sie fordern, „das nichtkommerzielle Kopieren, Zugänglichmachen, Speichern und Nutzen von Werken nicht nur zu legalisieren, sondern explizit zu fördern“. Und als Alternative soll dann die Kultur nur noch staatlich gefördert werden? Klingt zwar spannend, aber auch schwammig.
    Und wo fängt das „nichtkommerzielle“ an und wo hört es auf, wenn filesharer und youtube dadurch mit Werbeeinnahmen Geld verdienen?
    Also ich weiß nicht so recht …

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