Stippvisite 17/03/12 (Spotifys müder Cent)

Was hindert den erkenntnisfähigen Zeitgenossen ernsthaft daran, sich voll und ganz dem Misanthropendasein hinzugeben? Was lässt Zynismus zu einer vernachlässigbaren Option schrumpfen? Die allgegenwärtigen Worthülsen des gesellschaftspolitischen Diskurses? Das salbungsvolle Gelaber religiöser Würdenträger, die Gutes predigen und dem keine Taten folgen lassen? Oder gewinnen wir aus den geschwätzigen, meinungsmachenden Medien eine hoffnungsfrohe Erkenntnis? Wohl kaum. Fast alles steht und fällt mit der Kunst. Kunst ist vielfältiger als uns gemeinhin suggeriert wird. Sie muss nicht im Elfenbeinturm ersonnene, intellektuellen Eliten auf den Leib geschneidert oder mit Provokationen vollgepfropft werden. Jedwede durchdachte, leidenschaftlich ausgestaltete Kreativität gerät zur Kunst. Wenn wir uns also kurz vor Augen führen, wie oft wir Kunst in unserem Alltag spüren, dann könnten wir auch einer abseits plakativer Berieselung agierenden Musik mehr Wertschätzung entgegenbringen. Es kann nicht angehen, dass wir uns mit dem Balsam für unser aller Seelen zwar einschmieren, aber diesen möglichst nicht bezahlen wollen. Deshalb habe ich mit dem dieser Tage in Deutschland gestarteten Streaming-Dienst Spotify auch keine allzu große Freude. Weil der Künstler von den Einnahmen durch Werbung und Abos höchstens einen müden Cent sieht. Wenn wir Kreative nicht angemessen entlohnen, geht sehr viel Kunst flöten. Das wollen wir doch nicht, oder?

Auch heute seien wieder hervorragende Empfehlungen bloggender Kollegen und ausgewählter Musikmagazine kurz und bündig zusammengefasst.

Debüttipp:

Photo Credit: Shawn Brackbill

Am 13.07.2012 erscheint in deutschen Gefilden das selbstbetitelte Debüt der Debo Band. Das in Boston ansässige Ensemble hat sich äthiopischem Pop verschrieben. Damit lässt sich außer bei Weltmusik-Fetischisten kein – oder bestenfalls nur ein kleiner – Blumentopf gewinnen. Und selbst Anhänger von World Music wird die Band vielleicht vergrätzen, weil der Sound so gar nicht puristisch angelegt ist. Afrikanische Klänge mit Funk und osteuropäischen Blechbläserelementen verbindet.  Der erste Track Asha Gedawo jedenfalls ist mitreißend, jeden Blumentopf wert. Wer die Band bereits jetzt näher erlauschen möchte, dem sei auch die auf bandcamp verfübare EP Flamingoh (Pink Bird Dawn) empfohlen. (via Magnet Magazine)

Unterkühlungstipp:

Manch Bands schaffen es trotz Facebook-Präsenz so kommunizieren, dass dagegen jeder KGB-Spitzel einem Plappermäulchen gleicht. Die aus Portland stammenden Chromatics veröffentlichen demnächst(?) ein Album namens Kill For Love. Ein paar bereits veröffentlichte Musikvideos lassen nur einen Schluss zu. Nämlich dass diese Platte voll unterkühltem Hochglanz und schillerndem Chrom erstrahlt. Speziell die Songs Lady und Back From The Grave sind toll. Als Discomusik zum Nicht-Tanzen wird die Musik auf Coast Is Clear bezeichnet. Eine sehr zutreffende, positivst gemeinte Beschreibung, die ich mal so stehen lassen will. Es steht außer Zweifel, dass es sich lohnt die Band auf Facebook zu observieren. Vielleicht sickert doch noch ein Erscheinungsdatum durch.

Entdeckertipp:

Der werte Kollege von Schallgrenzen hat einen besonderen Fund getätigt, die schweizerische Formation Les Yeux Sans Visage nämlich. Und wenn er eine Platte über den grünen Klee lobt, dann höre ich hin. Tatsächlich sagt mir der Track Acquainted With The Night sehr, sehr zu. Weil er eine waverne Düsterheit und einen gar nicht mal großartigen, aber charakterfesten Gesang beinhaltet. Dass sich der Titel des Albums, Tomorrow Is A Million Years, von einer Kurzgeschichte des von mir sehr verehrten J. G. Ballard ableitet, ist ein weiterer Pluspunkt, den die Band einheimst. Ich hoffe, die Platte bei Gelegenheit ausführlicher vorstellen zu können, denn es gibt ein paar Tracks, die ein dicke Empfehlung verdienen.

Konzerttipp:

Mein Verhältnis zu deutschen Liedermachern könnte ambivalenter nicht sein. Wer sich der deutschen Sprache bemächtigt, wird von mir geradezu mit Röntgenblick durchleuchtet. Denn wenn mir etwas liegt, dann wohl textliche Glanzstücke von niederschmetternder Pseudo-Poesie zu trennen. Es gruselt mir oft, wohlige Schauer überkommen mich seltener. Zu den talentierteren Liedermachern zählt hierzulande Olli Schulz. Weil er einen Humor besitzt, der in seiner Zugespitztheit die feine Klinge schwingt und nicht brachial mit dem Säbel herumfuchtelt. Das lässt sich auch bei seinem brandneuen Album SOS – Save Olli Schulz konstatieren. Und selbst wenn Schulz zu Zoten greift, entwickeln sich daraus hintergründige Wahrheiten. Bejuxung ist ein Kinderspiel, viel mühsamer jedoch ist es, dies mit Niveau zu verbinden. Olli Schulz tourt demnächst durch Deutschland, das sollte man besser nicht versäumen. (Ich bin überrascht, dass ich tatsächlich mal einer Albumrezension der Abgehört-Rubrik auf Spiegel Online gerne zustimme.)

Konzerttermine:

24.03.12 Wien – HdM Springbreak Festival
12.04.12 Stuttgart – Theaterhaus Saal 2
13.04.12 Dortmund – FZW
14.04.12 Osnabrück – Lagerhalle
16.04.12 München – Muffathalle
17.04.12 Frankfurt – Batschkapp
19.04.12 Köln – Stollwerck
20.04.12 Hamburg – Große Freiheit
27.04.12 Berlin – Astra
28.04.12 Leipzig – Theaterfabrik

Videotipp:


Santigold – Disparate Youth (Official Video) von Warner-Music

Ich habe keine Ahnung, was sich so an der Spitze der Charts tummelt. Weil Charts in aller Regel nur abbilden, in welche Acts Plattenfirmen ihren Promotion-Etat so investieren. Das können durchaus gute Musiker oder Bands sein, oder auch nicht. Wäre ich Plattenfirmenheini, würde ich subversiv agieren, um Bockmist tunlichst nicht zu fördern. Zugleich freilich würde ich den schlicht gemüteten Zuhörer auch nicht zu überfordern trachten. Kurzum, das demnächst erscheinende Album der Sängerin Santigold stünde bei mir hoch im Kurs. Denn zumindest der Single Disparate Youth nach zu schließen, wird das für 27.04.12 angekündigte Master of My Make-Believe ein spannendes, schmissiges Werk, das auch kommerziell reüssieren sollte. Wären die Charts mit mehr Santigolds gepflastert, wäre nicht alles prima, aber wohl vieles besser. (via Pitchfork)

 

SomeVapourTrails

Ein Gedanke zu „Stippvisite 17/03/12 (Spotifys müder Cent)

  1. Tja, mit diesen Musikstreamingdiensten kann und will ich mich nicht anfreunden. Wie du schreibst, verdienen Künstler nicht wirkich daran und überdies erschreckt mich der plötzliche Sozialismus, der im Bezug auf das Internet herrscht (und da von den übelsten Kapitalisten vertreten wird). Plötzlich gehört alles jedem und Musiker sollen gefälligst ihre Kunst umsonst abgeben (oder eben per „Flatrate“ oder werbefinanziertem Stream, was auf das selbe hinausläuft). Finde ich sehr seltsam.

    Olli Schulz ist mein Sorgenkind. Ich finde seine Songs „Spielerfrauen“, „Bärchen“ und „Koks und Nutten“ richtig gut, sie erinnern mich an alte Liedermacher – aber der Rest des Albums ist mir dann zu brav. Mein Vater, selbst riesiger Fan von alten Liedermachern, kam zum selben Ergebnis – er achtet dabei übrigens nur auf die Texte. Da fällt mir ein: Ich muss drigend die neue Veronica Falls auschecken…

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