Töne aus Deutschland I – Korall

Von einem konzertierten Anschlag auf meine Ohren möchte ich nicht sprechen, aber der Zufall will es, dass sich gerade sehr viel Musik aus hiesigen Regionen in meinen Briefkasten begibt. Das ist nun halb so schlimm, wie manch Leser jetzt vermuten mag. Aber Grund genug in den kommenden Wochen einen Schwerpunkt Töne aus Deutschland zu setzen. Heute will ich mich mit einer Formation namens Korall beschäftigen, deren im Februar erschienenes Album ein sofort ins Auge stechendes Manko aufweist: Den unkomischen, gewollt originellen Plattentitel Vergiss Dein Beautycase. Hinter dieser Betitelung verbirgt sich ein Werk, dessen ausgesprochen kräftiger Indie-Rock viele Sympathiepunkte einheimst. Verdientermaßen, zumindest auf den ersten Blick.

Nach dem ersten Hördurchlauf will man dem Album nur die nettesten Adjektive umhängen, weil es temperamentvoll, gelegentlich sogar krawallig erschallt. Sich aber auch zu Melodien bekennt, nicht einfach nur aufgeregtes Dahinschrammeln praktiziert. Ich würde sogar soweit gehen, dass etwa Von guten Geistern in die liedschmiederischen Dimensionen einer Band wie Selig vordringt. Korall gebärden sich keineswegs wie dilettantische Milchbubis. Somit wäre auch alles in Butter, wenn nicht eine nochmalige eingehende Betrachtung die Schwachstelle des Hamburger Trios schonungslos offenbart. Sie wollen – wie so viele Musiker – clevere Texte mit authentischen Emotionen anbieten und das gerät dann oftmals zum russischen Roulette. Zeilen wie „Wir wollten wollen, bereuen wollten wir gar nichts, doch ob wir’s wollen wollten oder nicht, jetzt ist es so. Was soll man sagen?“ faseln dem Hörer einen Knoten in das Hirn, sonst hat das Lied Der Ausnahmeantrag nicht zu bieten. Viel besser fällt da Boxenlotz aus, mag der Titel auch zuerst ein indigniertes Stirnrunzeln auffalten. „Wenn du rein platzt, platzen Knoten, du stellst den Tiger wieder auf die Pfoten drauf, du flickst den Tank und du füllst den Tank, tausend Dank.“ skizziert eine Liebeserklärung der originelleren Sorte. Die Texte hinken manchmal eben der Musik hinterher, bleiben blutleer. Nur selten wirkt die Balance derart gelungen wie auf Diamant. Das scheint jedoch nicht die einzige Ungereimheit. Der Track Wüste Seelen wirft gröligen Gesang in ein ausladendes Post-Rock-Umfeld. Passt überhaupt nicht zum Stil und der Attitüde der restlichen Platte, fremdkörpert ungemein.

Eine aus den besten Songs, dazu zählt auch Sommerregen, gefertigte EP würde mir Lob ohne Ende abnötigen. Das Album Vergiss Dein Beautycase hingegen trägt Makel in sich, die eklatanter wirken, je näher man das Ohr an die Boxen hält. Das lässt dann all die Dinge in den Hintergrund treten, die Koralls Talent bezeugen. Denn Hand aufs Herz, wie sie die Ballade Von guten Geistern rockend hochkochen, das fällt schlichtweg großartig aus. Mehr Großartigkeit, bitte!

Vergiss Dein Beautycase ist am 17.02.12 auf Mijo Discount erschienen.

Konzerttermine:

26.03.2012 Hannover – Bei Chéz Heinz
27.03.2012 Leipzig – Moritzbastei
19.04.2012 Hamburg – Hanseplatte

Link:

Offizielle Homepage

SomeVapourTrails

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