Budenzauberszenerie – Yppah

Wenn sich die Augen vor Staunen weiten, hat der Budenzauber seine Wirkung nicht verfehlt. Dann winden sich Schauer kindlichster Erregung durch die Glieder, gerät man zum glückseligsten Teil des Spektakels. In solchen Fällen ist der Moment ganz und gar präsent, die Vernunft macht sich vom Acker. Weil es eben kein Verstehen braucht, die Wahrnehmung nicht besserwissern darf, keine abgefeimte Ratio der Magie den Dolchstoß verpasst. Das sind keine Augenblicke, welche man sich mir nichts, dir nichts herbeifummeln kann. Sie geschehen unvermittelt. Was Joe Corrales Jr. unter seinem Künstlernamen Yppah so veranstaltet, gerät zu einem überwältigendem Gemenge funkelnder Ideen, die des Hörers Ohren nur so schlackern lassen.

Bereits seit seinem Debüt You Are Beautiful at All Times darf man Yppah getrost in einem Atemzug mit Lichtgestalten vom Schlage eines Moby, DJ Shadow oder Bonobo nennen. Und spätestens mit seinem jüngsten Werk Eighty One hat er für sich das Tüpfelchen auf dem i gefunden, sodass etwaige Vergleiche mit den Größten der Zunft in gleichberechtigter Ehrfurcht erfolgen müssen. Yppahs Sound ist von originärer Dynamik, prall-fröhlicher Verspieltheit und mystischem Zauber getragen, er fügt Puzzleteilchen mit einer Selbstverständlichkeit zusammen, dass das daraus entstehende Bild ihn – und nur ihn – zeigt. Natürlich könnte man einen Track wie R. Mullen auch im Mobyschen Repertoire verorten oder D. Song den allerfeinsten Trip-Hop-Formationen andichten, aber die Vielseitigkeit des Albums ist nie der Nachahmung geschuldet. Übersprudelnde, immer neue Kniffe ersinnende Kreativität führt zu diesem unberechenbaren, sich in die Gehörgänge träufelnden Spuk. Wie Yppah Shoegaze mit Electronica verknetet, aufgekratzte Hip-Hop-Beats der sirenesken Qualität von Anomie Belle entgegenstellt, dies ist zu gut, um nur sehr gut zu sein! Dass Herr Corrales Jr. Anomie Belle für diese Platte gewinnen konnte, erweist sich als der eigentliche Glücksgriff, welcher ein großes Werk mit noch mehr Glitter überflittert.

Wenn gegen Ende des Albums Golden Braid durch die Boxen wummert, beginnt eine faszinierende Viertelstunde, quasi ein musikalischer Triumphzug, in dem sich Yppah zum Meister krönt. Was hier seinen Lauf nimmt, zählt zu den lebendigsten Minuten, die 2012 zu bieten vermag. Three Portraits erwächst nicht zuletzt dank Anomie Belle zu einem puren Quell der Freude, der das Herz in rhythmischer Glückseligkeit Purzelbäume schlagen lässt. Ganz großes Kino, ohne 3-D, ohne Schnickschnack, voll erhebender Begeisterung. Some Have Said gibt sich wieder puristischer, umrankt von einem scheppernden Beat. Es ist ein nüchtern gefertigtes Ende einer gänzlich traumhaften Platte, ein Übergang zurück in die Realität. Bereits vor dem furiosen Finale geizt das Werk nicht mit Gänsehautmomenten, etwa durch das Anomie Belle auf den Leib geschneiderte Film Burn oder dank bereits erwähntem R. Mullen. Letzterer Track schwelgt im Sampling, ehe er zu einem gellenden Gitarren-Stück mutiert. Wo das koboldige Blue Schwinn eine luftige Traumtänzelei über das wolkenlose Firmament nachstellt, man die Haut kitzelnden Sonnenstahlen geradezu verspürt, wuchtet und türmt sich Happy to See You in selig-ritueller, post-rockiger Feierlichkeit zum Ausbund an Lebensfreude auf. Nicht zuvergessen wäre freilich auch das abermals von Anomie Belle getragene Soon Enough, welches Versatzstücke des New Weird America nicht verleugnen kann. Der Titel ist kein Meisterwerk, vielmehr ein weiterer Beweis der ungehemmten Experimentierfreude, mit der uns Yppah zu beglücken versteht.

Was soll ich zum Ausklang meiner Lobrede noch ansprechen? Ich kann doch eigentlich nur nochmals das Staunen unterstreichen, das mit Eighty One einhergeht. Das Album ist ein kunstvoll gestaltetes Feuerwerk, eine unvergessliche Budenzauberszenerie voller Glücksgefühle. Yppah hat sich selbst und viele Kapazunder übertroffen, ein in überirdische Schönheit transzendierendes Werk kreiert. Eine ähnlich eindrucksvolle Platte wird man so schnell nicht finden dürfen.

Eighty One ist am 05.04.2012 auf Ninja Tune erschienen.

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