Den Gnadenschuss für Musiker, bitte!

Ich vertrete neuerdings die These, dass man sich mit fortschreitender Lebenserfahrung Zynismus als gediegeneste Form des Stoizismus aneignen sollte. Der Zyniker verschleiert die eigene Emotion, mehr noch stutzt er sie allein dadurch zurück, indem er das Gute im Menschen auf eine Statistenrolle reduziert. Wer sich von lautstarken Idioten und knallharten Egoisten umgeben fühlt, zweifelt an der Notwendigkeit, für ein Happy-End zu kämpfen. Zynismus erwächst somit zu einer hochgradig intelligenten Art der Kapitulation. Auch deshalb winke ich der bisherigen Frustration gerade einen pflichtschuldigen Wiedersehensgruß hinterher, während ich allmählich zum anderen Ufer übersetze. Nach bald vier Jahren des Bloggens über Musik habe ich in einem Akt explosiver Flatulenz endgültig alle Hoffnung fahrenlassen, dass Qualität und Vielfalt einer Zukunft abseits des Hungertuchnagens entgegenblicken dürfen. Der Vorteil am Zustand kultivierter Miesepetrigkeit liegt freilich darin, dass man sich von dem Wahn verabschieden darf, ein musikalischer Mangel wäre ein großer Verlust für die Menschheit. Für die Legionen an Zeitgenossen etwa, die freiwillig und unter Beibehaltung aller sieben Sinne Unheilig oder Nickelback hören? Haben wir aus den Traumata der Geschichte wirklich nichts gelernt? Oder hecheln wir medial gehörig aufbereiteten Katastrophen (Tsunamis, Zugsunglücken, Amokläufen) derart hinterher, dass  wir uns auch im Bereich der Kultur und Unterhaltung dem schönen Schauer des Entsetzlichen hingeben? Gieren wir nach Trash, weil er dem Müllberg in der eigenen Seele so ähnelt?

Den Gnadenschuss, bitte!

Wenn ich mir den Karren so ansehe, dann ist dieser dermaßen verfahren, dass das Pferd, welches ihn zieht, schon längst um den Gnadenschuss bettelt. Im Internet schießen Bands wie Unkraut aus dem Boden – und werden auch wie solches behandelt. Das Netz, welches die Produktion und Verteilung so massiv erleichtert, ist dasselbe Netz, das diese Vielfalt geflissentlich ignoriert. Wahrgenommen werden hauptsächlich die musikalischen Pflänzchen, die ordentlich Dünger erhalten. Dünger, damit meine ich natürlich Geld, und das wird noch immer von den Plattenfirmen vergossen. Über Gedeih und Verderb entscheiden im Grunde nach wie vor die Mechanismen, die es auch schon vor 20 Jahren gegeben hat. Lediglich die Spielwiese hat sich geändert. Jeder dahergelaufene Musiker hat nun die Wahl. Folgt den Spuren in den Trampelpfaden, bemüht sich also bei einem potenten Label unterzukommen, tritt der ehrenwerten GEMA-Familie bei. Oder wählt er die Alternative querfeldein, strebt unaufhaltsam einer Verliererkarriere entgegen, indem er manche Marotten des Webs (etwa Creative-Commons-Lizenzen) für bare Münze nimmt? Stapeln wir mal eine Sekunde tief, definieren Erfolg als Möglichkeit mittels Einsatzes von Talent eine zumindest kurzfristig gesicherte Existenz aufzubauen. Nicht mehr und nicht weniger. Kann man tatsächlich dem treuherzigen Glauben verfallen, dass ein gewichtiger Prozentsatz der aktiven Bands dieses Ziel tatsächlich erreicht? Doch nur dann, wenn sie im Brotberuf als Alchemisten anheuern. Wer von lukrativen Gedanken beseelt eine Band gründet, sollte eher eine Lottoannahmestelle aufsuchen. Das ist doch die knallharte Realität abseits von Chartsstürmern wie Silbermond. Nur weil der Edel-Italiener in Berlin-Mitte die Lizenz zum Gelddrucken hat, trifft das eben nicht auf jede dahergelaufenene Trattoria der Stadt zu. Das lässt sich auf die Musikszene ummünzen.

Wenn ein Sex-Strolch seine Tat zu entschuldigen sucht, indem er sich gegenseitiges Einverständnis zusammenfantasiert, wird man ihn mit Verachtung strafen. Wenn in den vergangenen Jahren von Filesharing und Urheberrechten gesprochen wurde, blieb ich immer mit dem Eindruck zurück, dass die regen Proponenten neuer Zeiten den Musikern oft unterstellen, dass selbige schlichtweg nicht erkennen wollen, was so vermeintlich toll für sie sei. Aber möglicherweise sind die Urheber von Musik weder habgierig noch dämlich, vielleicht sind sie einfach realistisch. Nur weil die digitale Kopie keinen materiellen Aufwand mehr bedeutet und nicht wirksam zu verhindern scheint, bedeutet dies noch lange nicht, dass sie gut für den Künstler ist. Wie lange lässt man sich von der Dummdreistigkeit sogenannter Piraten beeindrucken? Wie oft in der Geschichte unserer Zivilisation hat ein kostenloses Gut dessen Schöpfer zu bescheidenem Wohlstand verholfen? Mir fällt kein Beispiel ein.

Der Reibach, der sich mit dem Internet machen lässt, ist dank Google und Facebook unbestritten. Aber ohne Werbeeinnahmen wäre diese Giganten bestenfalls Gartenzwerge. Wo in den Weiten des Webs kann man fettes Geld verdienen? Doch bestenfalls mit Software, Bezahlsystemen, Social Gaming oder freilich Versandhandel. Digital bereitgestellter Content in Form von Wort, Ton oder Bild hätte ohne Werbung keine Überlebenschance, mit Ausnahme der Pornografie wohl, weil diese nicht unter dem Aspekt rationaler Kostenabwägung konsumiert wird. Das Internet ist eine riesige, überbordende Werbehalde, dadurch wird der Mehrheit eine Gratiskultur, quasi ein Gegenentwurf zum Kapitalismus, vorgegaukelt. All dies wird treuherzig umarmt, frenetisch bejubelt, kaum als Farce enttarnt. In diesem Umfeld soll Musik auf Dauer gedeihen? Wie denn? Butter bei die Fische, bitte!

Als besonders ausgeklügelte wie perfide Strategie hat sich das angeblich notwendige Sperrfeuer auf Plattenlabelmoloche erwiesen. Nicht die Komponisten oder Musiker seien das Problem, vielmehr die unersättlichen, prinzipiell heimtückischen Labels werden als Feindbild gehegt und gepflegt. Gerade so als wären sie die stacheldrahtige Hürde, die Hörer von Künstlern trennt. Wer holt schon die Milch frisch vom Bauernhof? Wer bezieht sein Gemüse frisch vom Bauern und nicht aus der Tiefkühltruhe? Unsere Gesellschaft ist auf zwischengeschaltete Instanzen getrimmt, die den Produzenten vom Konsumenten trennen. Ausgerechnet im Musikbereich sollte der Musiker auch Vermarktung und Vertrieb übernehmen. Warum?

Vielleicht tauge ich nicht zum Zyniker. Weil ich Idioten noch immer mit ungläubigem Staunen begegne und Böswilligkeit und Gedankenlosigkeit nach wie vor verharmlose. Auch zum Defätisten fehlt mir das gewisse Etwas, die Tugend nämlich keine Fragen mehr zu stellen. Zumindest eine Erkenntnis hat sich in mir eingenistet. Die, die heute das Grab für die Musik schaufeln, werden morgen schon darauf tanzen wollen. Und dann fehlt sie plötzlich, die Musik. Aber der Gag funktioniert nur, wenn die Musik auch wirklich keines Mucks mehr von sich gibt. Also unbedingt Daumen drücken, denn in diesem Fall gibt es wirklich etwas zu lachen. Ha!

SomeVapourTrails

4 Gedanken zu „Den Gnadenschuss für Musiker, bitte!

  1. „Kann man tatsächlich dem treuherzigen Glauben verfallen, dass ein gewichtiger Prozentsatz der aktiven Bands dieses Ziel tatsächlich erreicht?“

    Nein – das war nie so, das ist nicht so und das wird auch nie so sein. Daran hat aber das Internet gar nichts geändert, weil – wie du ja selbst schreibst – die Mechanismen noch die selben sind, seit es Popmusik gibt. Allerdings mag ich deiner Kritik an freier Verfügbarkeit von Musik trotz allem nicht folgen und verstehe selbst – jetzt auch mit dem nötigen Abstand von einigen Jahren Arbeit mit dem Label – das Netz nicht als Problem, sondern als ein Mittel von vielen seine Werk an den Mann und die Frau zu bringen. Ist doch letztlich völlig egal, was die ganzen Idioten um einem herum schrei(b)en, oder?

  2. Na, ich würde nicht sagen, dass es so egal ist, was die ganzen Idioten so von sich geben. In zwei Landtagen sitzen bekanntlich schon Piraten. Und die setzen das kulturelle Gemeingut ja höher an als das individuelle Existenzrecht des Schöpfers. Das ist letztlich Enteignung. Gegen Enteignung hätte ich prinzipiell wenig, wenn sie vollständig und eben nicht auf Kultur beschränkt wäre.

    Natürlich war auch früher der Großteil der Bands nicht mit Reichtum gesegnet. Aber durch die digitale Vervielfältigung hat sich der Käuferkreis natürlich zunächst einmal eingeschränkt, wie die Absatzzahlen ja belegen. Und zugleich wurde auch von Filesharern oft das Argument vorgebracht, wonach die kostenlose Verteilung von Musik dem Künstler nützt. Diese Verteilung kann tatsächlich nützen, in einem eng definierten Werberahmen aber nur. Sie ist aber prinzipiell in der Regel schädlich.

    Das Netz ist nicht das Problem der Musikschaffenden, die Mentalität einer großen Mehrheit von Netznutzern ist das Übel.

    SVT

  3. Ein an für sich sehr lesenswerter Artikel. Ich lasse jetzt mal die Nassauer von der Piratenpartei Außen vor. Die haben mit Sicherheit keinen wirklichen Lösungsvorschlag. Das einzige, was ich aus allen Ideen heraushöre ist ihre Verachtung dem Kunstschaffenden gegenüber. All dei kleinen Pissnelken die auf lau alles und nichts haben wollen, werde die Hirnis wählen. Das geht so ein paar Jahre und dann zieht das nächste Schwein durchs Dorf.

    Wie dem auch sein, das Ziel, mit Musik einen Broterwerb zu sichern, haben doch tatsächlich nur die allerwenigsten Musiker. Das war doch in der Prä-Internet-Zeit nicht anders. Ich kann mich da noch ziemlich gut erinnern. Da gab`s nur Vinyl und sonst nichts. Tausende von Bands auf den billigen Plätzen und ein paar Dutzend große Player. Sie kamen und sie verschwanden und haben, soweit man sie entdecken konnte, dem Musikfreund ein paar Scheiben geschenkt. Die sind heute unbekannt und waren es damals auch. Aber davon Leben? Nie und nimmer nicht.

    Der Vorteil des Internets ist doch, das heute die abertausenden Bands die es früher nicht in die PLattenläden und Musikmagazine geschafft haben, heute im Internet eine Plattform finden und den einen oder anderen Gerechten finden, denen ihre Musik in Form vielleicht etwas wert, ein T-Shirt oder `ne Edition kaufen und beim nächsten Konzert vorbei schauen.Und Leute wie Falk wird es auch trotz der Piraten weiter geben. Und seien wir mal ehrlich, seit Google und Co finden wir eben auch jeder noch so miese Kellerkombo, von deren Existenz vor 20-30 Jahren (zu Recht) kein Schwein gewußt hätte und die heute kackfrech 10 Euro für ihren digitalen Murks verlangen.

  4. Na, na Zynismus ist doch nicht gediegen (-:

    Ansonsten ist die ganze Situation ein Beispiel für die vollkommen irrige, verfehlte Annahme, der „Markt“ werde sich schon selbst regeln. Das ganze Gedöns mit Angebot, Nachfrage usw. hat mit Kultur nichts zu tun, da passt die Produktform einfach nicht. Musik sollte auch dann, wenn sie Pop ist, als Kunst anerkannt werden.
    Das funktioniert natürlich nur dann, wenn überhaupt ein großer, allgemeiner Kunstbegriff existiert, der natürlich nur eine Schnittmenge, keine „Wahrheit“ sein kann und darf, dessen größter gemeinsamer Nenner aber das Bewußtsein um die Notwendigkeit von Kunst ist.
    Pop als Kunst zu verstehen bedeutet jedoch keinesfalls, dass die Musikschaffenden nicht entlohnt werden sollen, im Gegenteil. Das sollten sie auf jeden Fall, nur eben unabhängig von der Verwertbarkeit ihrer Werke.

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