Release Gestöber 23 (Sierra Leone’s Refugee All Stars, Allo Darlin‘, Yellow Ostrich, Bee and Flower)

Stürzen wir uns ohne jegliches Tamtam in eine neue Auswahl aktueller Veröffentlichungen. Es gibt immer etwas zu entdecken, daher sollte es mit dem Teufel zugehen, wenn diese Mischung dem Leser keinerlei freudige Ausrufe beschert. Bleibt mir nur noch viel Vergnügen zu wünschen!

Sierra Leone’s Refugee All Stars

Weltmusik, eines dieser völlig missverstandenen Genres. Man muss es nicht aus politisch korrekten Motiven heraus mögen. Man soll ihm nicht aus schlecht geheucheltem ethnologischen Interesse aus huldigen. Weltmusik erweitert den Horizont, bietet ein veritables Gegengewicht zu allzu vertrauten Stilrichtungen. Es geht nicht um exotische Folklore, vielmehr um einen unverfälschten Ausdruck kultureller Integrität. World Music verliert dann an Wert, wenn sie sich grenzgängelnd westlicher Musik anbiedert. Dann driftet sie beispielsweise in unleidlichen Ethno-Pop ab. Leider! Im Falle der Sierra Leone’s Refugee All Stars haben wir es mit einer der Vorzeigeformationen afrikanischer Klänge zu tun. Die Anfang Mai auf dem Label Cumbancha erscheinende neue Platte Radio Salone feiert den Rhythmus, zelebriert heiter und aufgekratzt. Nach Living Like A Refugee und Rise & Shine erweist sich auch das jüngste Werk als sympathisches, dank Reggae-Flair auch ab und an sehr entspanntes und dennoch attitüdiges Album. Zu den besten Tracks der an Highlights üppigen Platte zählen Gbara Case, das hier als kostenloser Download erhältliche Mother In Law, ein natürlich nicht ohne Botschaft tönendes Reggae Sounds The Message, das hypnotische Man Maya sowie Yesu Gorbu. Man kann durchaus Weltmusik hören, ohne dabei gleich am Helfersyndrom zu erkranken und das Leben in den Dienst der Entwicklungshilfe stellen zu wollen. Man sollte Sierra Leone’s Refugee All Stars einfach voll Neugier genießen, den durch Radio Salone wehenden Geist atmen. Dann hat man die Schönheit des Genres schon richtig verstanden.

Allo Darlin‘

Die in London angesiedelte Indie-Pop-Band Allo Darlin‘ bietet zwei Trümpfe auf, die eine in diesem Musikzweig latent drohende liebliche Belanglosigkeit im Keim ersticken. Sängerin Elizabeth Morris hat zwar keine besonders distinktive Stimme, aber füllt diese mit kräftigem Pep. Dazu gesellen sich burschikose Melodien, die nicht alles in einem Meer von Blümchen ersticken. Deshalb vermochte mich bereits das gleichnamige Debüt von Allo Darlin‘ zu überzeugen, die erste Single-Auskoppelung der neuen Platte Europe muss sich aber dennoch nicht auf frühere Meriten berufen. Capricornia ist lärmiger und voller im Sound, dabei angenehm eingängig – und noch immer ohne grünen Daumen agierend. Man darf also vorfreudig gespannt sein.

Europe wird am 11.05.2012 auf Fortuna Pop veröffentlicht.

Yellow Ostrich

Photo Credit: Kyle Reinford

Möglicherweise bin ich ja mit dieser Empfehlung hoffnungslos spät dran. Vielleicht kennen Gott und die Welt diese Band bereits. Ich freilich bin erst beim Herumstöbern bei HearYa auf die mir zuvor völlig unbekannte Gruppe Yellow Ostrich gestoßen. Und was soll ich sagen, ich finde das Album Strange Land bemerkenswert. Weil sich dieser Indie-Rock sich nicht leicht in die Karten blicken lässt, sich sowohl sperrig-experimentell als auch episch ausformt, jedem Song eine andere Wesensart einräumt. Ob das über Bläser und einem Percussion-Teppich flanierende Wear Suits oder Marathon Runner voll zappeliger Direktheit, ob das zwischen schwermütig-balladesker Erinnerung und hymnischem Aufschrei taumelnde I Got No Time for You oder ein trocken druckvolles The Shakedown, bei allen Liedern gesellt sich zum feinen Songwriting die markant helle Stimme von Mastermind Alex Schaaf. Yellow Ostrich scheinen mir definitiv eine Entdeckung wert. Und ich würde mir wirklich wünschen, dass sie alle anderen bereits vor mir aufgespürt haben. Wer das Trio noch nicht kennt, sollte die Bekannschaft mit der Gratis-Mp3 The Shakedown vertiefen.

Strange Land ist am 06.03.2012 auf Barsuk Records erschienen.

Bee and Flower

Von einer Band, deren Mitglieder laut Pressetexte in Berlin und New York beheimatet sind, würde man absolute Trendigkeit erwarten. Das offene Öhrchen am Puls der Zeit eben. Bee and Flower hingegen geben sich altmodisch, kredenzen einen piekfeinen Sound noir aus düsterem Pop. Die Band exerziert vor, dass es keinerlei epochales Songwriting benötigt, um dem Album Suspension atmosphärische Dichte einzuhauchen. In the Dawn and Dusk zählt dank balladeskem Pathos zu den stärkesten Songs der Scheibe, Jackson zeigt Sängerin Dana Schechter irgendwo zwischen Femme fatale und Unschuld verfangen. Swallow Your Stars punktet mit diesem getragenen Etwas, fast an einen feierlichen Trauerzug erinnernd. Nicht zuletzt wegen der geräuschschwangeren Darreichung mancher Tracks und dem in jeder Hinsicht beschwörischen Gesang Schechters formt Suspension faszinierende, prickelnde Momente, etwa bei You’re Not the Sun. Bee and Flower dürfen sich einer dunklen, intensiven Platte rühmen. Lediglich den Bienchen und Blümchen, welche der Bandname suggeriert, wird man bei diesem Werk nicht begegnen.

Suspension erscheint am 30.04.2012 auf Cheap Satanism Records.

SomeVapourTrails

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