Stippvisite 29/04/12 (Über Keuschheitsringe und Gegengifte)

Eine vortrefflich sortierte Musiksammlung ähnelt einem prall gefüllten Kleiderschrank. Für alle Anlässe, jedwede Wetterlagen und die kleinen wie großen Momente der Tages findet sich etwas darin. Und so wie die Mehrzahl neue Kleidungsstücke nicht unbedingt zuerst am Grabbeltisch sucht, man vielmehr nach einem schönen und doch erschwinglichen Teil auch in hinteren Winkeln und Nischen fahndet, bestenfalls die Basics mal so in den bekannten Modehäusern erwirbt, derart sollte auch im Musikbereich ruhig – wenngleich nicht ausschließlich – abseits der Charts geschaut werden.  Auch heute habe ich wieder ein paar Vorschläge im Gepäck, die nahezu jeden Tag auszuschmücken vermögen. Sie mögen keine Haute Couture sein, aber eben viel mehr als nur schlichte Massenware bedeuten.

Spinnwebentipp:

Keith Kenniff ist ein umtriebiger, unter vielen Namen werkender Musiker, dessen Projekte ich in der Vergangenheit mehrfach erwähnt habe. Mit Mint Julep veröffentlichte er letztes Jahr das gute Save Your Season, als Goldmund beeindruckte er mich 2010 mit der Platte Famous Places. Und doch stand er aus irgendeinem wenig nachvollziehbaren Grund nicht auf meiner Liste zu beobachtender Künstler. So habe ich sein jüngstes, wiederum unter dem Alias Goldmund veröffentlichtes Werk All Will Prosper erst mit ein paar Monaten Verspätung registriert. Das Album präsentiert eine Sammlung von Folk-Songs aus der Zeit des Amerikanischen Bürgerkriegs. Wer jetzt meint, Kenniff würde diese Chose mit patriotischer Pampe bestreichen, dem sei versichert, dass dies keine Sekunde lang geschieht. Die Lieder sind in ihrer instrumentalen Schlichtheit überwältigend, ein dezentes Stück Folklore eben. Selbst einem Titel wie Amazing Grace haftet spinnwebene Nostalgie an, When Johnny Comes Marching Home versprüht eine geschundene Traurigkeit. Das Werk transportiert keine Romantizismen des Krieges, kein mit Pauken und Trompeten dargebrachtes Heldentum. Es sind monotone Kleinode, die mittels Piano und Gitarre ungemein viel auszudrücken vermögen. Anhören! (via Magnet Magazine)

All Will Prosper ist am 18.11.2011 auf Western Vinyl erschienen. Auf der Labelseite gibt es einen Track der Platte zum Download. Unten angedocktes Widget beschert einen weiteren Download.

Reinheitsringtipp:

Bis gestern war mir nicht bekannt, dass es so etwas wie Keuschheitsringe gibt. Und ganz will sich mir der Nutzen solch falscher Frömmelei und auf Banalitäten festgepinnter Gottgefälligkeit auch nicht erschließen. Wenn sich nun eine Formation Purity Ring nennt, dann sollte man durchaus Vorsicht walten lassen, allerdings auch eine Spitze gegenüber Konservativismus vermuten können. Im Juli veröffentlicht das kanadische Duo auf dem nicht eben unbekannten Label 4AD ihr Debüt Shrines. Und der als Vorgeschmack dienende Track Obedear wird dem selbst erwählten Anspruch, nämlich Future-Pop zu fabrizieren, gerecht. Zumindest wenn man die Zukunft als blutjunge Schwester der Vergangenheit ansieht. Dieser Electro-Pop ist ideenreich verspielt. Trotz prinzipieller, obwohl gerade erst gefasster Abneigung gegen Keuschheitsringe werde ich die Platte sicher nicht unbeachtet lassen. Obedear ist auf PopMatters als Gratis-Mp3 verfügbar.

Verzückungstipp:

Kommen wir nun zu einer retroesken Verzückung, die ich auf Coast Is Clear gefunden habe. Blouse nennt sich ein in Portland im Bundesstaat Oregon ansässiges Trio. Bemerkung am Rande: Wenn man an die Indie-Hotspots der amerikanischen Musikszene denkt, sollte man auf diese Stadt keinesfalls vergessen. Blouse entspringen folglich keinem weißen Fleck auf der Landkarte – und auch die klangliche Verortung erweist sich als einfach. Tracks wie Time Travel oder Videotapes sind von den Achtzigern beseelt, genauer gesagt von dem Geist der Epoche, der keine kühlen, sterilen Synthies kennt, sich vielmehr auf fiebrige Verträumtheit fokussiert. Speziell Time Travel ist eine anbetungswürdige Nummer, die ich gar nicht oft genug hören kann. Das gleichnamige Debüt von Blouse ist im Dezember auf Captured Tracks und auf meinem Wunschzettel ganz nach oben gerückt. Wer nun ebenfalls dem Carme von Blouse verfallen ist, findet den Track Into Black als kostenlosen Download auf der Labelseite.

Abenteuertipp:

Post-Rock ist kein Kinderplanschbecken. Das Genre ist ein im positivsten Sinne ungemein erwachsenes. Der Hörer muss vor allem bei den melodischen Vertretern der Zunft bereit sein, einzutauchen und sich durch Wellentäler treiben und über Wellenkämme schaukeln zu lassen. Post-Rock verspricht Abenteuer, eine gereifte, durchkalkulierte Aufregung, der man sich als Lauscher vertrauensvoll hingibt. All das fühle ich, wenn ich mir das Album Renewal der aus Pirmasens stammenden Formation Colaris anhöre, die der werte Peter von den Schallgrenzen unlängst empfohlen hat. Colaris fahren in altbekannten Gewässern, sie loten keine neuen Untiefen aus. Doch weil die Gischt heftig spritzt, erliege ich der Reizflut der Platte, versinke in ihren grimmigen Momenten ebenso wie in den verlockende Gestade pinselnden Augenblicken. Natürlich handelt es sich hierbei um ein reines Nischenprogramm, wer sich bei Post-Rock bislang nicht wie ein Fisch im Wasser fühlte, der wird wohl absaufen. Genre-Liebhaber dürfen freilich schon mal die Segel setzen und sich Kaventsmännern voll Nervenkitzel hingeben. Der Track Reveal etwa oder Framed böten sich dazu an. Renewal ist am 01.03.2012 auf Revolvermann Records erschienen.

Downloadtipp:

Einen Hinweis will ich mir zum Ende nicht verkneifen. Mirroring, eine Zusammenarbeit von Jesy Fortino (Tiny Vipers) und Liz Harris (Grouper), veröffentlicht am 11.05.2012 das Album Foreign Body auf dem Label Kranky. Als ich auf Clash Music unlängst den Song Silent From Above hörte, war es um mich geschehen. Was für ein gedämpfter Depri-Sound! Ein Antidot gegen überbordende Fröhlichkeit. Wer ab und an mal nach solch einem Gegengift dürstet, sollte sich den Song hier gratis herunterladen.

SomeVapourTrails

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