Barfuß im Park – Allo Darlin‘

Es gibt Tage, die scheinen dem schablonischen Idyll eines Hollywood-Drehbuchs entrissen. Tage, an denen selbst der arg heruntergekommene, mit schlechten Zähnen und übergroßem Zinken geschlagene Cannabis-Dealer in der U-Bahn zu einem Beau mutiert und eine Runde Joints spendiert, oder die übergewichtige Kassiererin im Diskonter um die Ecke ihre Pfunde abpurzeln lässt und sich in eine vollends bezaubernd lächelnde Schönheit verwandelt, die mit jedem Kassenzettel auch ihre Telefonnummer verschenkt. Das sind Tage, die man barfuß durch den im Licht schmachtenden Park schlendernd verbringt, ohne dabei in ein einziges Hundehäufchen zu treten. Stunden um Stunden, welche heiter und breit den Tristessen des Alltags grinsekatzig entgegenstehen. Allo Darlin‘ sorgen mit ihrer Platte Europe für die passende klangliche Bemalung solcher Tage der zuversichtlichen Leichtigkeit. Denn was wäre solch ein freudiger Tag, an welchem die Seele einmal nicht geschüttelt wird, vielmehr zufrieden baumelt, ja was wären solch Momente ohne grazil musikalische Hoffnung. All das beschert Europe.

Die britische Indie-Pop-Band Allo Darlin‘ wird von der australischen Frontfrau Elizabeth Morris angeführt, machte bereits mit dem selbstbetitelten Debüt 2010 von sich reden. Das neue Album bewerkstelligt alles schlicht und ergreifend noch ein Stückchen besser. Der Sound ist oftmals runder und wärmer, weniger auf Lo-Fi getrimmt. Das Songwriting bekennt sich zu noch mehr Schmissigkeit. Gesanglich nimmt Morris endgültig das Heft in die Hand, legt mehr Timbre in die Stimme. Überdies verabschiedet man sich bis auf eine kleine Ausnahme von den Duetten der Vorgängerplatte. All das besiegelt das glückliche Schicksal einer Scheibe, die den Himmel nicht mit Unmengen an Geigen behängt – und dennoch vor Optimismus sprüht. Die Zeile „This is life, this is living“ aus dem Titeltrack verkündet keine resignative Kapitulation, eher schon eine Chance, die es zu ergreifen gilt. Bereits der eröffnende Track Neil Armstrong ist eine Liebeserklärung, die Widrigkeiten meistert und nicht alles mit herzroter Farbe übertunkt. Solch Optimismus zieht sich auch durch die erste Single Capricornia. „I will come take you/ When you fall down/ And when the lights go out/ And we ‚ll set the world to rights/ When I find you/ Under Capricornia skies“ verströmt eine zum Mithampeln einladende Zuversicht. Ein süßliches Schubidu verzuckert lediglich eine kurze Sekunde, gehaltvolles Geschrammel wie Capricornia wirkt lange, sehr lange nach. Still Young stellt den dynamischen Höhepunkt von Europe dar, brennt als beinahe hymnischer Rock voll jugendlichem Feuer. Quasi als Kontrast fungiert Tallulah als tief nostalgische Ukulele-Ballade, doch selbst in diesem Fall wird ein Happy-End, ein Zusammenfinden nach geraumer Zeit, nicht ausgeschlossen. Allo Darlin‘ bestücken die Platte mit einer Fülle nachdenklicher, grüblerischer Augenblicke, zugleich bewahrt sich das Werk eine positive Grundstimmung, eine Zutrauen in das Leben. Nirgends wird das deutlicher als bei Some People Say, wenn Morris im Refrain „Some people say/ Stars and planets make their way/ Some things can never change/ Some people believe/ You can wish on satellites for your dreams/ I wish some things would stay the same“ zum Besten gibt, um schließlich mit den Worten „I have a feeling that this day will be amazing“ zu enden.

Angesichts dieses tollen Albums muss ich mich fragend am Kopf kratzen. Wenn schon das Debüt von Allo Darlin‘ mit dem Lorbeer wohlwollender Besprechungen geschmückt wurde, mit wieviel drastischerem Lob muss man erst Europe bedenken? Denn die Herren Paul Rains (Gitarre), Bill Botting (Bass) and Michael Collins (Drums) haben zusammen mit Morris einen riesigen Satz vorwärts gemacht. Dem herrlich springinsfeldigen Twee-Erstling folgt nun ein reiferes Werk, welches ein geschärftes Profil verrät, den Hörer vollends beglückt. Es sprießt als gräserner Teppich, auf dem es sich lustwandeln und tanzen lässt. An Tagen, an denen man dem Alltag keck die Zunge rausstreckt. Aber beileibe nicht nur dann!

Europe ist am 11.05.2012 auf Fortuna Pop! erschienen.

Links:

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SomeVapourTrails

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