Endlichkeit & Erlösung – Soulsavers

Manch Poet schreibt sich die Finger wund, um eine sorgfältig ausgeschmückte Geschichte, die ein Anliegen oder eine Weltanschauung vermitteln will, zu erzählen. Andere Dichter wieder greifen persönliche biografische Zäsuren auf, bändigen die ureigensten Ängste oder Sehnsüchte in Worte. The Light The Dead See, das neue Album der Soulsavers, fällt in die letztere Kategorie. Nach der in Broken (2009) mündenden Zusammenarbeit mit Mark Lanegan konnten Rich Machin und Ian Glover diesmal niemand Geringeren als Dave Gahan als Kollaborateur an Land ziehen. Gahans Lyrics und Gesang drücken diesem gravitätischen Pop-Album den Stempel auf. Der von schwerer Krankheit genesene Sänger scheut nicht davor zurück, über Endlichkeit und Erlösung zu sinnieren. Und so tritt das Werk aus dunkler Nacht in den lichtumrankten Tag, bricht dabei jedoch nicht in schieren Jubel aus, weil auch Ungewissheit bleibt.

Photo Credits: Steve Gullick

Bereits In The Morning versöhnt mit der Düsternis einer unruhigen, von Zweifeln beseelten Nacht, verspricht Geborgenheit („So I am nothing/ If I’m not with you/ In the morning we’ll forget this night somehow„). Die alles einhüllende, beängstigende Dunkelheit findet sich auch bei Longest Day wieder, wenngleich abgeschwächt, konturumformt durch den mächtigen, vollen Sound, der die Soulsavers weit weg von ihren elektronischen Wurzeln zeigt. Presence Of God macht dem Unbehagen Luft, verheddern sich in grüblerischen Beschäftigung („These thoughts torment me/ They mold and shape me/ There’s a man that I should be/ Or someone I could be„), zeigt Trotz. Quasi als Antwort auf alles schwingt sich Just Try zu einem dezent-süßen und trotz Ermattung der Erlösung und dem Glück huldigenden Stück mit Soul-Note auf. Gahan kommt zum Ergebnis: „You’ll have to believe in something/ Something bigger than you/ Like the great wide open spaces/ There’s religions too„. Mit dem Gospel-Track Take Me Back Home wird der Gedanken der Erlösung voller Sehnen fortgesponnen, scheint die Liaison zwischen den Soulsavers und dem Frontmann von Depeche Mode vollends gelungen.  Fast empfindet man die Herren Machin und Glover als Zeremonienmeister, die Gahans Neugeburt mit Geschick und Einfühlungsvermögen perfekt kanalisieren. Hat man seinen Gesang jemals zuvor derart in den Mittelpunkt gerückt erlebt wie bei dem auch als Lebensbeichte zu verstehenden Bitterman? Diese stimmliche Opulenz war mir nicht bekannt. In das selbe Horn stößt ein energisches, elegantes I Can’t Stay, welches die Tage gezählt sieht und davon ermutigt den Aufbruch wagt. „Take, take all you can/ From the life you’ve been given/ And stop making plans“ wird zum Credo des Liedes Take. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der frischgebackene Fünfziger Gahan in der Erkenntnis der Endlichkeit sinnstiftenden Trost findet, mehr noch die Kraft zur Veränderung. Mit dieser Einsicht wird der Hörer aus dieser Scheibe entlassen. Aus einem Album von ausgesprochen intimer Natur und ungeheurer Substanz, zugleich subtil, das Glück nicht mit der Brechstange in die richtige Bahn hebeln wollend.

Nach dem wunderbaren Vorgängerwerk Broken möchte ich den Soulsavers wirklich nicht zu nahe treten. The Light The Dead See ist allerdings weitaus mehr eine Schöpfung Gahans, die sie mitausformen durften, denn eine Platte der Soulsavers, die durch Dave Gahans Stimme lediglich veredelt wird. Doch einerlei, die Kollaboration zeitigt ein anspruchsvolle Platte, die das haushoch übersteigt, was man gemeinhin von Zusammenarbeiten erwarten darf. Der Sänger kehrt das Innerste nach außen, vollzieht die völlige Entfaltung, die Soulsavers wiederum scheuen sich nicht, einen Teppich an Orgeln und Streichern auszubreiten, chorale Schönheit zu versprühen. Was für ein Werk von ungemeiner Intensität und Strahlkraft! War Gahan denn schon jemals besser? Als Songwriter zweifelsohne und gesanglich wohl ebenso nicht. Darum ein Muss.

The Light The Dead See ist am 18.05.2012 auf V2/Cooperative Music erschienen.

Links:

Offizielle Homepage (Soulsavers)

Offizielle Homepage (Dave Gahan)

SomeVapourTrails

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