Poetische Erzählstürme – Adam Donen

Bilder lügen, und das nicht erst seit dem überbordenden Gebrauch von Photoshop. Manch Pose unterstreicht den Schein, retuschiert das Sein. Adam Donen etwa wirkt auf dem offiziellen Pressefoto wie ein blasierter Dandy aus einer der Degeneration mal eben so von der Schippe gesprungenen britischen Oberschicht. Klischeeverbrämte Details drängen sich meiner Vorstellung auf. Ein heruntergekommener Landsitz samt Adelstyrannen, dessen ältester Spross sich als unglücklich agierender Investmentbanker verdingt. Und dann eben noch Adam, künstlerisch veranlagt und somit das schwarze Schaf der Sippe. Feingeistiger Rebell mit Fluppe in geistlos steriler Umgebung. Soweit also meine lausige Imagination, angestachelt von einem Bild. Fotos freilich sind trügerisch, eine Stimme hingegen lügt fast nie. Und so zeigt sich der aus Kapstadt stammende und mittlerweile in London lebende Singer-Songwriter mit seinem neuen Album Vampires als sensibler Poet, der neben der Feder auch die Stimmbänder schwingt. Ganz in der Tradition eines Leonard Cohen, wie selbst ein Blinder mit Krückstock zu hören vermag.

 

Vampires bietet nicht die Sorte Lyrik, die sich der Musik aufoktroyiert, behübschende Harmonien forciert und zugleich verachtet. Die Platte drängt natürlich auch nicht ins andere Extrem, nämlich für eine eingängige Hookline sämtliche textliche Kongruenz auf den Mond zu schießen. Donen singt und sprechgesängelt sich durch ein wunderbar tiefgründiges, vornehm elegantes Werk, dass man gar nie auf die Idee käme, den Albumtitel als Anbiederung an einen gegenwärtigen, auf billige Romantizismen fußenden Blutsauger-Hype zu verstehen. Beginnnen wir also unsere kurze Betrachtung mit dem morbiden und in gleicher Weise inbrünstigen Lied Heartwrenched Confessional #3, das sich irgendwo zwischen Friedhof und Varieté abspielt, Streicher und Percussion quirlig dramatisch verbindet. Zeilen wie „As the tightrope walker’s strung up by his wire/ As Orpheus was beat to death with his/ Lyre before the concert ended / As nothing ever truly ends/ This heartfelt prayer will be rendered/ Futile by some God or Jester/ And I’m sure we’ll meet again.“ verbinden Pathos mit Augenzwinkern. Die Hintergründigkeit eines jeden Satzes, die beifällig geäußerte Ironie, das gefällt ungemein. Der Track Sophia wiederum paart den sehnsuchtsschweren Troubadour („And I wait on the vast and empty shore, beyond recrimination/ And dreaming of you„) mit einem sireneske Lockrufe ausstoßenden Sopran. Donen kann auch nicht nur Süffisanz, vermag blank liebeskrank zu tönen. Wo Musiker ihre Lyrics oft vage halten, weil es ihnen an der Kunst zur Zuspitzung mangelt, entwickelt Donen eine Prägnanz, welche alltägliche Tragödien der menschlichen Existenz in eine einzelne Strophe presst. Die aufgefächerten Schicksale werden dabei nie mit moralinfettigem Zeigefinger exponiert, eher schon als Unausweichlichkeiten definiert. „And the diminutive hippie girl all sun-kissed and pretty/ Sits cross-legged with her soulmate finding heaven in their poverty/ Till garnering the attentions of a merchant of the city/ Her soulmate she trades for the tombstone-grey chequebook of security.“ schildert den Pragmatismus, der einem kitschigen Happy-End stets im Wege steht (Manor House Girl). Donen strapaziert das Fühlen nie über, stochert nicht in unreflektierten Emotionen herum, imponiert mit nüchterner, kräftiger Poesie. Das beschert dem Titeltrack Vampires einen achteinhalbminütigen Erzählsturm von dylanscher Qualität, verlangt dem Hörer alles ab.

Adam Donen profiliert sich als komplexer, unzeitgemäßer Singer-Songwriter, der Folk mit klassischer Anklängen praktiziert, in dieser artifiziellen, meist düsteren Atmosphäre dichtend umher wandelt. Vampires verdunkelt eine spröde Gegenwart mit der Aura viktorianischer Schauermärchen,  schwankt zwischen Fatalismus und Ungewissheit. Donen deklamiert im Stile eines unantastbaren, von mächtiger Feder gedrängten Poeten. Deshalb stellt dies Werk den Hörer vor Herausforderungen. Es beschert bei aller Eleganz vorwiegend sperrige, unpopuläre Kost. Wer hingegen Musik mit Abgründen schätzen, sollte den Sprung nicht scheuen. Donens beredte Tiefen lohnen eine eingehende Erkundung.

Vampires ist am 04.05.2012 auf Songs & Whispers erschienen.

Konzerttermine:

14.06.2012 Kiel – Prinz Willy
15.06.2012 Bremen – Festival contre le Racisme @ Theatrium
19.06.2012 Worpswede – Café Kandinsky
20.06.2012 Hamburg – Freundlich+Kompetent
21.06.2012 Berlin – St. Gaudy Cafe
22.06.2012 Berlin – Soupanova
23.06.2012 Osnabrück – Big Buttinsky

Link:

Offizielle Homepage

Adam Donen auf Facebook

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