Kleine Gemängellage – Sophie B. Hawkins

Man kennt das. Wenn eine Frau in ihren Vierzigern, vom Leben schon ein wenig gezeichnet, aber noch immer zweifellos ansehnlich, wenn solch eine Frau ein bisschen zu forsch in den Schminktopf greift, das Rot der Lippen zuviel an Signalen aussendet, Rouge und Lidschatten eine Nuance zu aufdringlich gemalt scheinen, dann will sie Attraktivität beweisen und erntet doch den Anflug von Mitleid. Genau bei diesem Gefühl ertappe ich mich, wenn ich einst durchaus erfolgreiche Musiker dabei beobachte, wie sie sich an frühere Erfolge klammern und dabei tun als wären sie nicht aus der Zeit gefallen. Auch bei Sophie B. Hawkins komme ich vorerst um diese Einschätzung nicht umhin. Ihr vor gut einem Monat erschienenes Album The Crossing krallt sich an ihre große Zeit Anfang der Neunziger. Damals hätte man ihr durchaus eine schillernde Karriere zugetraut, wäre ohne Zögern Wetten eingegangen, dass ihr Erfolg den von Tori Amos oder einer Sarah McLachlan übersteigt. 20 Jahre später sieht die Sache jedoch anders aus.

Photo Credit: Alan Mercer

Es spricht sich so leicht von einer verpatzten Karriere. Aber Erfolg ist kein Zuckerschlecken, definiert oft Erwartungshaltungen, die zu erfüllen sich als mühsam erweist. Daraus will ich Hawkins keineswegs einen Strick drehen. Ob The Crossing jedoch tatsächlich akustische Versionen alter Songs (As I Lay Me Down oder Damn I Wish I Was Your Lover) gebraucht hat? Spricht solch Bonus nicht Bände? Übertüncht dies nicht sogar den Umstand, dass sich das neue Material durchaus sehen lassen kann? Die Platte basiert nämlich nur auf zwei Fehlern, abgesehen von jenen Mängeln wirken viele Tracks sehr ansprechend. Der zweite Haken liegt darin, dass es Hawkins mit der Inbrunst mitunter übertreibt. Manche ihrer Songs mit dem eingangs erwähnten Hauch an überschüssigem Make-up, das es eben nicht benötigt hätte, bekleistert. Doch genug des Mäkelns, schauen wir auf die positiven Aspekte des Albums.

Bereits mit dem zweiten Track, dem Traditional Sinnerman, traut sich Hawkins etwas. Seit der atemberaubenden, an Intensität nie und nimmer zu toppenden Aufnahme von Nina Simone, ist jede weitere Version zwangsläufig zum Scheitern verurteilt. Allerdings ist es ein Fehlschlag auf hohem Niveau, den wir hier hören. Hawkins lässt dem Temperament ihrer Stimme freien Lauf, nichts anderes verlangt dieser Titel. Und es geht wirklich wunderbar weiter, The Land the Sea and the Sky tönt dezent optimistisch als aufgeweckter Pop-Song. Dies Lied ist in gewisser Weise eine Brücke zu den früheren Erfolgen, weil es aus musikalischer Sicht am ehesten auf eine Platte aus den Erfolgstagen gepasst hätte. Mit Georgia erreicht die Platte ihren Höhepunkt, auch dank knackiger Hookline. Je weniger sich ihre Stimme im Schmalztegel der Gefühle wälzt, desto mehr Pfiff hat das Album. Missing hingegen ist eine sehr gewollte, misslungene Power-Ballade, die aus voller Kehle röhrt – mehr noch krächzt. Mit Heart & Soul Of A Woman findet sie die Balance wieder, ehe Miles Away zusammen mit I Don’t Need You ein nochmaliges Glanzlicht setzt. Ersteres reüssiert als klassische Piano-Ballade, haarscharf an emotionsverkitschten Abgründen gebaut, schön brüchig im Gesang, letzteres ist der textlich intensivste Track der Platte („I sat in your kitchen and cried/ And underneath my words surged my love for you/ I reached out my hand for you daddy/ And you just turned your cool blue mind away„). Gegen Ende präsentiert das jazzige gestaltete Dream St & Chance Sophie B. Hawkins nochmals gereift. Quasi ein bestätigendes Ausrufezeichen!

The Crossing hat viele vollendete Momente, in denen man die Art Kribbeln verspürt, welches man beim Hören einer guten Platte stets erfährt. Ebenso finden sich freilich Augenblicke, bei denen es Hawkins völlig übertreibt. Betchya Got A Cure For Me scheint komplett überdreht, geradezu entstellt auf Hit getrimmt. Gone Baby ist ähnlich neben der Spur. Diese kleine Gemängellage soll jedoch nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass ich mich über dieses Comeback sehr freue. Sophie B. Hawkins zählt letztlich doch nicht zur alten Garde, die sich nur noch über den Anflug von Mitleid in die Ohren der Hörer drängt. Daran können auch die aufgewärmten Akustikversionen nichts ändern.

The Crossing ist am 15.06.2012 auf inakustik erschienen.

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SomeVapourTrails

2 Gedanken zu „Kleine Gemängellage – Sophie B. Hawkins

  1. Um nur mal bei den doofen Äuserlichkeiten zu verbleiben. Die Lady finde ich im Hier und Jetzt sehr viel attraktiver als während ihrer sagen wir mal Spüät-Hippie-Zeit Anfang / Mitte der Neunziger. Sehr viel. Eine sehr gut aussehende Frau jetzt, die Sophie.

  2. Mir bereitet das Album einen Riesenspaß. Sinnerman z. B. zeigt wunderbar, wie sie versteht, mit Rhythmus zu arbeiten, Georgia ist einer dieser Songs, die eingängig, aber dennoch nicht beliebig sind und es handelt sich hier m. E. um ihr bestes Album seit Timbre. Nach dem grässlichen Livealbum und dem etwas zu poppigen Wilderness hätte ich das so nicht erwartet, auch wenn sie, wie du schon schreibst, oft ein wenig zu intensiv singt. Dennoch: Whaler ist und bleibt ihr kleines Meisterwerk, ich kann es nicht erklären, aber für mich ist es DAS Lieblingsalbum überhaupt.

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