Stippvisite 01/07/12 (Gibt es intelligentes Leben in den Weiten des Netzes?)

Ich hab mir dieser Tage einmal die Mühe gemacht, das Internet vollends zu begreifen. Und zwar keineswegs vom technischen Aspekt auch betrachtet, vielmehr habe ich die Nutzerstruktur endgültig durchschaut. Und so möchte ich gleich zu Beginn mit dem Mythos aufräumen, dass es intelligentes Leben in den Weiten des Netzes gibt. Natürlich findet man ab und an Spuren humanistischer Vernunft an manch Ecken und Endes des Internets, aber das ist nichts, was nicht Horden von Vollhonks mit lautstarkem Tätärätä in die Schranken weisen können. Nun mag jeder, der dies liest, diese Diagnose auf seine Mitmenschen beziehen, den Schwarzen Peter weiterreichen. Aber es muss sie doch geben, diese übermächtige Dummheit, die geradezu danach schreit, das Netz zu einem Schlachtfeld der Evolution werden zu lassen. Wo skrupellose Menschen ihre naiven Artgenossen abzocken, wo dummdreiste Charaktäre zurückhaltenderen Wesen die Schau stehlen, Frechheit prinzipiell immer siegt. Wenn Betrüger keine Opfer fänden, hätte ich nicht täglich irgendwelche Lotteriegewinnbenachrichtigungen in meinem Postfach. Wenn die Hirnmasse nicht auch oft mit der Penisgröße korrelieren würde, müssten sich viele Spammer ein gänzlich neues Betätigungsfeld suchen. Die Gier nach mehr freilich eint Jung und Alt, schlaue und doofe Seelen. Sie wird zum Motor des Internets. Mehr Schnäppchen, mehr Gewinn, mehr Aufmerksamkeit, mehr Spaß, mehr Aggressionsabbau. Und weil die Dinge unabänderlich sind und das Diktat empathischen Intellekts ein ewiger Traum bleibt, werden auch weiterhin Menschen unter dem Vorwand des gesunden Menschenverstands mit ihrem Dilettantismus hausieren gehen. Mit simpel gestrickten Meinungen fundierte Expertisen zur Seite schieben, immer schön aufgeregt meckern und nörgeln. Das Postulat der Besserwisserei wird zum ehernen Gesetz des Seins. Doch inmitten der Tristesse und der andauernden Verrohung der menschlichen Natur ist Kunst der Lichtblick. Ein göttlicher Funke der Inspiration. Musik kann sich der Ignoranz und Boshaftigkeit entgegenstellen, mit einer Reinheit, die selbst Religionen längst abhandengekommen ist, all unsere Gefühle streicheln. Darum wird dieser Blog auch weiter über Musik berichten und dabei möglichst selten die Keule der Kritik schwingen. Daran könnten sich viele ein Beispiel nehmen, tun sie aber leider nicht. Und nun einmal mehr ein paar gesammelte Empfehlungen.

Entdeckertipp:

Wenn ich die amerikanische Formation Murals richtig verstehe, soll ihr Gesang unter anderem danach klingen, als wäre er vom höchsten Ast eines Baumes gepflückt, im Moment vor dem mit Armbruch verbundenen Fall zu Boden. Und doch ist diese Musik für den Hörer alles andere als schmerzhaft. Der Track Eyes Of Love ist von einer getönten Luftigkeit, durchweht von einer zarten, sich im Licht kräuselnden nostalgischen Brise. Wenn der Rest der demnächst erscheinenden Platte On A Passing Cloud solches Niveau hält, steht einem wunderbaren Kleinod nichts im Wege. (via nicorola)

Berlintipp:

Es war in den Siebzigern Mode und ist es seit ein paar Jahren wieder. Von überall her zieht es Musiker und Bands nach Berlin, um hier ein paar Monate zu leben und Stoff für ein neues Album zu sammeln. Berlin hat eben diesen Nimbus und oft genug kommt dabei ja auch ein beachtenswertes Ergebnis heraus. So hat es auch die Brooklyner Formation Clare and the Reasons mit ihrem neuen Werk KR-51 gemacht. Und siehe da, die vorliegenden Tracks The Lake oder Make Them Laugh sind gehaltvolle Lieder, sogar beeindruckender als das ohnehin gelungene Vorgängeralbum Arrow. Make Them Laugh brilliert mit einer Versponnenheit, die an Marissa Nadler erinnert, sich freilich durchaus poppig präsentiert. The Lake wiederum stellt chansonesque Züge dem an ein Ballett tanzender Zinnsoldaten erinnernden Refrain entgegen. Berlin hat Clare and the Reasons fraglos zu Großem inspiriert! (gefunden auf Spinner)

Exotentipp:

Ich könnte mich nicht erinnern, wann ich zuletzt eine Band aus Russland empfohlen habe. Wie ich überhaupt nicht wirklich Zugriff zur russischen – oder überhaupt osteuropäischen – Musikszene habe. Die aus Jekaterinburg stammende Formation Tip Top Tellix besiedelt somit einen ziemlich weißen Fleck auf meiner klanglichen Landkarte. Doch ihr Dream-Pop-Track So Beautiful Eyes hat mir auf Anhieb enorm gefallen, seit ich ihn unlängst auf Coast Is Clear entdeckte. Gute Musik muss eben nicht aus den hinlänglich bekannten Gefilden stammen. Ein passendes Label hat die Band mit Saint Marie Records auch schon gefunden, folglich bleibt zu hoffen, dass es nach einer selbstbetitelten EP bald auch ein Debütalbum gibt.

Konzerttipp:

Längst schon überfallig, dass ich Poliça auf dem Blog erwähne. Die Promo-CD ist schon vor Monaten eingetrudelt und wurde säuberlich auf einem Stapel einsortiert. Und blieb dort vorläufig auch, solange bis vor ein paar Wochen der verehrte Peter von den Schallgrenzen Poliça empfohlen hatte. Mehr Anreiz brauchte ich dann nicht, um ein Happy-End zu erleben und mich mit dem Debüt Give You The Ghost mehr als nur anzufreuden. Dieser elektronische, angedunkelte Pop wird durch die Aura von Sängerin Channy Leanagh zu einem faszinierenden Erlebnis. Ich habe mir eigentlich vorgenommen, Poliça demnächst ausführlicher zu erwähnen. Da sie aber derzeit in Deutschland unterwegs sind, will ich diesen Konzerttipp noch unbedingt loswerden.

Konzerttermine:

02.07.2012 Frankfurt – Zoom
05.07.2012 Heidelberg – Kulturhaus Karlstorbahnhof
06.07.2012 München – Atomic Café
08.07.2012 Hamburg – Stadtpark
09.07.2012 Köln – Tanzbrunnen

SomeVapourTrails

2 Gedanken zu „Stippvisite 01/07/12 (Gibt es intelligentes Leben in den Weiten des Netzes?)

  1. Haha, Glückwunsch. Das Internet begriffen zu haben ist schon mal ’ne reife Leistungs. Honks und Vollpfosten gibt es dort wie im echten Leben. Im Netz sind die Volldeppen aber offensichtlicher. Und ja, es gibt im bösen Netz auch Spuren der Intelligenz.

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