Stippvisite 21/07/12 (Will the real Vollpfosten please stand up!)

Man lasse sich doch bitte nicht verarschen. Natürlich verkauft sich alles besser, wenn man es mit markerschütternde Schicksalen („Ich habe mir meine Fingernägel eingerissen, als ich vor der Küste Japans Wale zu retten versuchte.„, intimen Beichten („Zwei Geschlechtsumwandlungen habe ich bereits hinter mir. Zunächst war ich ein heterosexueller Mann im Körper eines homosexuellen Kerls, dann ein lesbisches Mädchen, nun aber bin ich endlich der, der ich schon immer sein sollte.„) oder aber sehr tiefschürfenden Erfahrungen („Während meines Trips durch Asien bin ich in Indonesien auf dem Gipfel eines Berges gestanden und habe dort bei Sonnenaufgang mich selbst entdeckt.„) aufpeppt. Welch schweres Los die Tombola des Lebens auch bereithält, wer sich als wackeres Stehaufmännchen präsentiert, nur der erntet Respekt. Und kann als Schauspieler, Autor oder Musiker, eben auch den neuesten Film, das aktuelle Buch oder das jüngste Album mit Tamtam vermarkten. Denn Journalisten gieren nach Geschichten, selbige mit Pathos aufzuschreiben, das zählt zu den leichteren Dingen des Handwerks. Wenn nun ein gewisser Frank Ocean seine vor Jahren erlebte, unerwiderte Zuneigung zu einem Mann verkündet, fristgerecht zur nur wenige Tage später erscheinenden Platte, dann sorgt das natürlich auch deshalb für Aufregung, weil es noch immer keine Selbstverständlichkeit scheint, dass ein afroamerikanischer Hip-Hop-R&B-Künstler sein Outing verkündet. Ein Tabubruch also, den Boulevard und Feuilleton gleichermaßen feiern. Und im selben Atemzug auch noch sein Werk Channel Orange mit Lob überschütten. Warum? Wenn sich mein Steuerberater als bisexuell outen würde, wird deshalb meine Steuererklärung nicht zum Meisterwerk. Wenn mir Klempner Kalupke ins Ohr flüstert, dass er die Homosexualität für sich entdeckt hat, fühle ich mich noch lange nicht bemüßigt, seine Abflussentstopfungsbemühungen mit überschwänglichem Applaus zu begleiten. Channel Orange ist somit eine Mogelpackung, ein mit Ballyhoo inszeniertes Album, dass sich bestenfalls zur Durchschnittlichkeit aufschwingt. Wenn sich nun alle als willfährige Claqueure im Dienst der guten Sache verdingen, macht das die Scheibe nicht besser. Die Chose erbringt den Beweis, dass wir bezüglich Kunst nicht den introvertierten, fast schon bieder lebenden Kreativen präferieren, vielmehr jene begaffen, die immer eine kalkulierte Beichte oder gar ein fein ausgetüfteltes Skandälchen im Gepäck haben. Solch Attitüde dünkt mir ganz schön doof. Daher nun meine Bitte: Will the real Vollpfosten please stand up?

Nun ein paar Empfehlungen ohne jedweden arg menschelnden Background.

Kirschblütentipp:

Die japanische Post-Rock-Formation Mono schickt sich an, im Herbst eine neues Album namens For My Parents zu veröffentlichen. Mono haben sich in der letzten Dekade als feine Vertreter ihrer Zunft etabliert. Mit Dream Odyssey gibt es bereits einen ersten Vorboten des neuen Werks zu bestaunen. Der Track entpuppt sich als meditativ, fein austariert, trotz orchestraler Fülle sehr unpompös. Es ist kein Stück bei dem die Gitarren mit Karacho gen Sonnenuntergang reiten oder im Schloßhundchor aufheulen. Es bleibt von entrückter Zärtlichkeit geprägt. Man darf sich also vorfreuen. (via RCRD LBL)

Albumtipp:

Irgendwie scheint es Language, das im Frühjahr veröffentlichte Debüt der Band Zulu Winter, erst mit Verspätung in meine Wahrnehmung geschafft zu haben. Obwohl ich den Newslettern von PIAS in der Regel mit großer Aufmerksamkeit begegne. Aber wozu habe ich denn Blogs meines Vertrauens? Natürlich für die Momente, indem mich mein Gespür verlässt. Bei dem tollen Blog Muruch wurde ich letztlich erleuchtet. Language ist ein Erstlingswerk mit einigen ganz feinen, vielversprechenden Momenten, in denen die Band Indie-Rock zelebriert, etwa das tolle Bitter Moon oder auch Moment’s Drift, oder Electro-Pop ganz ohne Nebenwirkungen bietet (Silver Tongue, We Should Be Swimming). Wer Zulu Winter nicht kennt, sollte es mir gleichtun und diese musikalische Lücke schließen.

Language ist am 11.05.2012 auf Play It Again Sam erschienen.

Wundertütentipp:

Heute hoppeln wir von Kontinent zu Kontinent. Nach Asien und Europa geht es jetzt nach Brisbane, Australien. Die Formation Ektoise vermag ich einfach nicht in ein Genre zu stecken. Mal wird elektronisch geholzfällert (State Vector Collapse), dann plötzlich Trip-Hop-Elemente mit experimentierfreuigem klassischem Piano verquickt (There and Here), anderswo gar bedrohlich in Richtung Metal geschielt (Square Peg) oder es werden Ambient-Gebilde gezimmert (Venerandum), natürlich kommt man nicht umhin an der Post-Rock-Duftnote zu schnuppern (The Shoreline by Morning). Das bereits im Sommer 2011 erschienen Album Kiyomizu ist eine instrumentale Wundertüte, durchdrungen von famoser Imagination. Ganz, ganz großartig! Kiyomizu ist auf bandcamp als kostenloser Download verfügbar. (gefunden bei Schallgrenzen)

Streamingtipp:

Eine kurze Empfehlung muss noch sein! Denn manchmal hört man einen Track und verfällt in schier zitternde Erregung. So erging es mir mit Held, dem Titeltrack des am 27.08.2012 erscheinenden Debüts von Holy Other. Der Track tönt mysteriös, fast schon verwunschen, auf alle Fälle in gespenstische, schraurig schöne Atmosphäre gebettet. Bitte sich ordentlich erregen lassen! (via Gorilla vs. Bear)

Für heute soll es das auch schon wieder gewesen sein. Demnächst mehr, natürlich!

SomeVapourTrails

2 Gedanken zu „Stippvisite 21/07/12 (Will the real Vollpfosten please stand up!)

  1. Ich hab Frank Ocean noch nicht gehört, aber grundsätzlich hast du absolut Recht. Gutes Beispiel Antony. Bald erscheint ein neues Album, auf dem er ein Gedicht zum Feminismus veröffentlicht, schlampig geschrieben, schlecht vorgetragen, aber es wird ob der vortragenden Person hoch gelobt. Das kann es doch nicht sein…

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