Traumpfad hin zur Natur – Xavier Rudd

Die fortschreitende westliche Zivilisation zementiert ihre vermeintliche Modernität Tag für Tag stärker in unsere Gehirne. Archaische, über Jahrtausende tradierte Lebensweisen werden bei Naturvölkern im besten Fall als putzig empfunden. Doch infiltriert unsere Kultur früher oder später auch die wackersten Widerständler, werden im Lauf weniger Jahrzehnte die Rituale indigener Völker auf einen musealen Charakter zurechtgestutzt. Wenn in unseren Reihen Zivilisationskritik laut wird, manch Zeitgenosse sich ein Zurück zur Natur wünscht, packen wir ganz schnell die Esoterikkeule aus, erklären den Träumer für wirr, ohne alle Tassen im Schrank. Welch Hybris unserer Lebensweise. Der australische Singer-Songwriter Xavier Rudd hat wohl auch aufgrund seiner Attitüde einen schweren Stand. Seine Verbundenheit mit den Aborigines, sein Eintreten für eine intakte Natur, das Verfechten einer neuen Geisteshaltung, all das perlt an der iPod-gestählten, durch virtuelle Welten preschenden Generation ab. Unser Wille zum Konsum, der überbordende Individualismus und die groteskerweise damit einhergehende Konformität, solch Attitüde muss die Werke eines Xavier Rudd zwangsläufig belächeln. Seine neue Platte Spirit Bird ist freilich nicht auf brüchiger Naivität gebaut, sie wirkt als ein der Dekadenz entgegentretendes Album.

Spirit Bird flicht seine Botschaften in die folkigen Passagen, kontrastiert sie mit hypnotisch-rituellen Didgeridoo-Elementen. Die dadurch erzeugte Spannung verhindert, dass das Album unter der Last seiner Aussage ächzt und kracht. Lioness Eye gibt als von Percussion befeuerter, wunderbar beschwörerischer Eröffnungstrack die Richtung vor, ehe Comfortable In My Skin die eigene Befindlichkeit hoffnungsfroh beurteilt, voll Zuversicht vergangenes Leiden abschüttelt. Mit diesem Tatendrang bewaffnet wagt sich Rudd an den Titeltrack Spirit Bird. Es ist diese zarte, sich im Verlauf zur Protesthymne wandelnde Ballade, die zu den kraftvollsten Klängen dieses Jahres zählt. Es tönt pure Rage, welche sich in Zeilen wie „I know it’s been thousands of years and I feel your hurt and I know it’s wrong/ And you feel you’ve been chained and broken and burned/ And those beautiful old people, those wise old souls have been ground down for far too long/ By that spineless men, that greedy men, that heartless men, deceiving men/ That government hand taking blood and land“ äußert. Es ist die Aufarbeitung australischer Geschichte,  Aufschrei gegen Unrecht, gegen die Zivilisation mit ihren angeblichen Errungenschaften. „Your dreaming and your warrior spirit lives on/ And it is so so so strong in the earth, in the trees, in the rocks, in the water, in your blood and in the air we breath“ durchdringt eine mit jeder Faser spürbare Gewissheit, dass die Zivilisation die ewigen Bande des Menschen zur Natur nicht zu kappen vermag. Nach Spirit Bird gibt es eine kurze Verschnaufstrance, ehe mit Follow The Sun ein zweites großes, diesmal meditatives Glanzlicht folgt. Hier skizziert Rudd die Mär vom in sich gefestigten Leben. Von einem Einklang mit den Elementen und einem unverbrüchlichen, tröstlichen Optimismus („Tomorrow is a new day for everyone/ Brand new moon, brand new sun„). Eine Gitarre, ein wenig Unterstützung vom Drumcomputer und die kleine Prise Mundharmonika, mehr braucht der Song nicht. Im Grunde hat das Album nach diesem Song bereits alle Weisheit aufgefächert. Alles nun firmiert als Zugabe. Mit Culture Bleeding wird nochmals Riten rhythmisch nachgespürt. Auch das beim ersten Hördurchlauf trotz seiner 10 Minuten eher unauffällige Full Circle gewinnt mit jedem Mal an Zauber. Vielleicht weil es die ruhige Kraft Rudds ebenso verdeutlicht wie die Dynamik, zu welcher er befähigt scheint. Beim wieder stark in Ethno-Klängen verhafteten 3 Roads wird das Didgeridoo perfekt in Szene gesetzt. Es ist einmal mehr beschwörerisch, zunächst archaisch, ehe sich 3 Roads mit Fortdauer gen Techno bewegt. Eigentlich schließt sich mit diesem Track der Kreis, und doch folgt mit Creating A Dream der eigentliche Schlusspunkt. Der Singer-Songwriter bewegt sich in stimmlich lichte Höhen, bekräftigt seine Utopie einer besseren Welt. Hier und nur hier gehen die Pferde mit Xavier Rudd durch. Wird die rosarote Brille zu sehr bemüht. Doch will man ihm dies in Anbetracht eines überwältigenden Albums gern verzeihen. Vielleicht sogar ebenfalls zu jener Brille greifen.

Xavier Rudds Traumpfad hin zur Natur unterwirft sich kaum Romantizismen. Er ist vielmehr vom Respekt vor der Umwelt und vor allem vor der Zeit geprägt. Denn Spirit Bird sieht im Hier und Jetzt nicht der Weisheit Krönung. Es fußt auf der festen Überzeugung, dass unsere Modernität von Entfremdung geprägt ist. Dieser tritt Xavier Rudd entgegen. Das macht diese Platte unabdingbar, zugleich auch gallige Kost für die hippen Apostel der Gegenwart. Gut so!

Spirit Bird ist am 29.06.2012 auf SideOneDummy Records erschienen.

Konzerttermine:

25.07.2012 Wien (AT) – Arena
28.07.2012 Großefehn – Omas Teich Festival
30.07.2012 München – Circus Krone
31.07.2012 Berlin – Postbahnhof
01.08.2012 Hamburg – Große Freiheit

Links:

Offizielle Homepage

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SomeVapourTrails

2 Gedanken zu „Traumpfad hin zur Natur – Xavier Rudd

  1. Na toll. Nur zwei Jahre später wird Follow the Sun (in einem Remix, der nichts wirklich Neues zum Song beiträgt) auch im Mainstreamradio gespielt. Herzlichen Glückwunsch!

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