Trip durch den urbanen Dschungel – Blockhead

Lange war ich ein musikalisch unbeweglicher, geschmacklich eindimensionaler Zeitgenosse. Selten kam etwas anderes als Singer-Songwriter-Kost auf meinen Plattenteller. Erst ab Mitte Zwanzig drapierten sich allmählich neue Genres in meiner Musiksammlung, sickerte etwa Post-Rock ein, machten sich Steve Reich und besonders Philip Glass breit und breiter. Auch Electronica, speziell Downtempo, machte mich ganz wuschig. Als ich irgendwann 2004 auf den Track Sunday Seance von Blockhead stieß, war es einmal mehr um mich geschehen. Welch verträumter Wohlklang! Seit damals bin Fan des New Yorkers Tony Simon. Was er als Blockhead produziert, das erscheint mir längst pures Gold. So auch das Anfang Mai veröffentlichte famose fünfte Studioalbum Interludes After Midnight.

In puncto ausgefeilten Beats und unwiederstehlichen Samples ist Blockheads Genialität meiner Ansicht nach unübertroffen. Wo manche seiner Kollegen einer sehr säuberlich strukturierten Schlichtheit huldigen, wartet Blockhead bei seinem jüngsten Streich – wie auch bereits auf dem Album The Music Scene (2010) – mit stupender Fülle auf. Längst sind halbschläferne Fantasien wie Sunday Seance überwiegend einem mit farbiger Patina überzogenen, pulsierenden Sein gewichen. Wie kaum ein anderer zimmert er Hip-Hop-Beats, gibt der Chose eine oft funkig austarierte Note, erweckt allerlei Vocal-Samples zum Leben. Wo Electronica oft in steriler Tüftelei vergeht, wirkt sein Tun überaus quirlig, hemdsärmelig gezimmert, mitunter aus der Zeit gefallen und dennoch keineswegs altbacken. Bereits zur Eröffnung tänzelt mit Never Forget Your Token einer geschmeidigsten Tracks des Albums durch die Boxen. Allein schon das Aufblitzen eines jazzigen Bar-Piano begeistert! Und die Zeile „Buy yourself an underground ticket/ Take the subway to the end of your line“ ist wohl als Aufforderung zu verstehen, diesen im urbanen Chaos angesiedelten Trip mitzutapsen. Das macht man allzu gern. Denn bereits der beschwörerisch-rituelle Rhythmus von Creeps Crouchin‘ verstärkt die Magie, schwelgt ebenso wie das anschließende Panic In Funkytown in kräftig angedunkelter Exotik. Vor allem ersteres stolziert im Gänsemarsch durchs nächtliche Häusermeer, hin in Szenerien abseits mondscheinlicher Idylle. Meet You At Tower Records ist eine weitere Lichtung auf dem Pfad durch den großstädtischen Dschungel, und ein weiterer Beweis, wie gekonnt Blockhead instrumentale Spannungsbögen baut und sie mit Sangeschnipseln krönt. Er nimmt uns mit auf eine Reise durch vergangene wie gegenwärtige Subkulturen, die in der schummrige Beleuchtung kleiner Clubs hausen. Smoke Signals dringt noch tiefer ins Gehölz des Untergrunds vor. Hier treffen Schatten auf Licht, wie man beim Track Midnight Blue gänsehäutig verspürt. Es ist ein Zwielicht von reizvoller wie sinistrer Aura, das man in Schwaden vor sich flackern sieht. Mit dem abschließenden The Robin Byrd Era freilich besinnt sich die Platte auch dank flirrender Synthies auf ein entspanntes Happy-End, auf eine Art Tanz in den Sonnenaufgang. Alles scheint wieder easy, von den Irrungen einer aufregenden, schlaflosen Nacht befreit.

Blockhead hat mit dieser tollen Scheibe einmal mehr bewiesen, dass er ein Sampling-Guru ist, der aus der Fülle von Einzelteilen ein großes, stimmiges Ganzes formt. Interludes After Midnight ist ein mit Erinnerungen an die frühen Neunziger gespickter Reiseführer durch das nächtliche New York. Oft befremdlich faszinierend, vielfach unheimlich und elektrisierend, stets vom Herzschlag einer Metropole erfüllt. In der Blockhead auszeichnenden ideenreichen Manier erzählt dieses Werk eine fesselnde Geschichte, die auch der talentierste Singer-Songwriter nicht besser ersinnen hätte können. Fraglos ein Pflichtalbum.

Interludes After Midnight ist am 11.05.2012 auf Ninja Tune erschienen.

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Facebook-Auftritt von Blockhead

Kostenloser Download von Never Forget Your Token auf Ninja Tune

SomeVapourTrails

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