100 Songs – Teil 16 (Hoist That Rag)

Manchmal zählt der Inhalt kaum. Wenn sich Lyrics nur in Wortfetzen erschließen, gibt die Darbietung den Takt an. Sagt alles und mehr aus. Kaum ein Sänger lehnt sich so sehr in die Gosse, wie dies Tom Waits seit Jahr und Tag tut. Im Waits’schen Kosmos tummeln sich oft Gestalten, die den Schritt über den Abgrund bereits mehrfach gegangen sind. Die sich Spleens wie Menschlichkeit und Würde meist schenken, mit geradezu animalischer Brutalität der Welt ins Auge schauen. Der in jeder Hinsicht große Singer-Songwriter glorifiert das zivilisationsferne Außenseitertum jedoch nicht, er porträtiert es lediglich mit heftigen Hammerschlägen in aller Grobschlächtigkeit.

Doch zurück zur Eingangsbemerkung. Mitunter kommt man auf der Textebene nicht völlig auf die Schliche. Im Falle von Tom Waits ist dies keineswegs lyrischen Mängeln geschuldet, orientiert sich der Song Hoist That Rag doch an der Sprache des halunkischen Protagonisten. Der von dem 2004 veröffentlichten Album Real Gone stammende Track ist von unfassbarem Temperament. Es wird genölt, gekrächzt, geäfft. Dazu noch eine Percussion, die mit dem Mülltonnendeckel getrommelt wirkt, eine aufreizend tänzelnde Gitarre und ein brummiger Bass dekorieren die Chose.  Fertig ist ein „mutated swamp tango“, wie Allmusic diesen Track charakterisiert. Hoist That Rag lebt von einer wunderbar modellierten ruppigen Intensität. Wenn Waits die Zeilen „The sun is up the world is flat/ Damn good address for a rat“ intoniert, fühlt man sich an den Schlund der Kloake versetzt.  Das Lied trotzt dem Sein keine fahlen Romantizismen ab. Es ist dreckig, strotzt vor Buzzwords: Blood, flies, smoke, gun, fire. Und dazu Gott allerorts, und zwar keiner, dem man bei einem Taizé-Gebetchen begegnet. Dieser Gott scheint archaisch, Beherrscher des Unheils, kein Heilsschöpfer. Das Elend der geschundenen Existenz wurde selten hörbar erfahrbarer.

Hoist That Rag ist beileibe kein Honigschlecken. Doch das sind Songs der Marke Waits selten. Wer allerdings Musik nicht nur zum Shalala und Schubidu degradiert, kommt an der markigen Wucht dieses so beieindruckenden Titels schwerlich vorbei. Und eben darum gehört Hoist That Rag in meinen Kanon der 100 Songs.

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Stream von Hoist That Rag

SomeVapourTrails

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