Am Busen der Bilder – The Cinematic Orchestra

Wenn das nicht nur in Fachkreisen mit Renommee behaftete The Cinematic Orchestra zusammen mit ausgesuchten Kollegen Soundtracks ertüftelt, inspiriert von avantgardistischen Filmen verschiedenster Dekaden, dann wird der normalsterbliche Hörer wohl die Segel streichen. Es mangelt an Bildern, die es mit diesen Tönen zu verknüpfen gilt. Somit beschert The Cinematic Orchestra presents In Motion #1 ein klangliches Sammelsurium, welches sich nicht einfach an sonnengetränkte Landschaften oder verstörte menschliche Fratzen anschmiegen kann. Dieser Soundtrack soll keine Bilder unterstreichen, er muss sie kreieren. Dabei dennoch Soundtrack bleiben, Geschichten verstärkend begleiten, ohne sie jedoch selbst zu erzählen. Obwohl das Unterfangen wie die Quadratur des Kreises anmutet, wird dadurch die Semantik des Soundtracks offenbar. Wenn sich Filmmusik vom visuellen Begleiter loslöst, wird sie zur vermeintlichen Strohwitwe. Sie bleibt im Idealfall ein zutiefst interessantes, ansprechendes Wesen, und doch fehlt der Partner an der Seite. Die Sache wirkt auf den ersten Blick wie ein in der Mitte zerschnittenes Foto, fast gewaltsam unvollständig.

Wenn wir uns nämlich von der Idee verabschieden, dass Soundtracks in demütiger Schlichtheit ausharren, also zu langweiligem Pianogeklimper verkommen, oder aber im überzogenen Pathos Hollywoods ersaufen, dann erleben wir Filmmusik am Busen der Bilder hängend. Und dies mit einem seligen Grinsen, das auf unserer Klaviatur der Gefühle mehr als nur Flohwalzer spielt. In Motion #1 lässt den Hörer nämlich keineswegs kalt, will den offenkundigen Mangel nie kaschieren und verweist doch mit nahezu jeder Note auf unbekanntes Zelluloid. Das Album gibt sich also einem vagen instrumentalen Hörensagen hin. Gestrichene wie in die Tasten gefingerte Andeutung, die unverständlich bleibt und vielleicht eben daraus ihren Reiz bezieht. Outer Space von Dorian Concept & Tom Chant planscht im Kosmos, gräbt sich in dunkler Weite eine Bahn. Auf Klingonen oder Marsmännchen wartet man vergebens. Darf man den im Kopf nun schwirrenden Bilder vertrauen? Sind es die, die wir sehen sollten? Spielt das überhaupt eine Rolle? Wirken tun sie allemal. Hintergründiger fächert sich Entr’acte von The Cinematic Orchestra vor dem Hörer auf. Es forciert 20 Minuten lang verschiedenste Stimmungen, schwelgt lieblich, glimmt zärtlich, blickt kurz ins Zwielicht der Bedrohlichkeit, driftet wie in Zeitlupe, ehe es sich in geschäftiger wie eleganter Bewegung ergeht. Das ist ergreifend, wunderbar filigran! Und doch bei weitem nicht so gelungen wie das ebenfalls von The Cinematic Orchestra interpretierte Manhatta. Dieser Track segelt durch die Häuserschluchten New Yorks, schaut den Wolkenkratzer beim Wuchern gen Himmel zu. Hier reiht sich Bild an Bild, blickt die Imagination in edlem Schwarz-weiß über die Stadt. Manhatta gerät zur Ode, ausladend solenn, von Streichern mit weichen Kontrasten gepinselt. Mit Liebe zum Detail entfaltet die Formation den Mythos, zeigt vorwärts drängende Massen, die Geschäftigkeit dieser Stadt. So stilsicher wie genial. (Update: Zumindest für Manhatta habe ich doch noch den von The Cinematic Orchestra vertonten Film gefunden!)

Mit In Motion #1 gibt The Cinematic Orchestra die eigentliche Antwort auf das Wesen des Soundtracks. Er trägt nicht bloß Filme, er ergänzt selbige mit unserer eigenen Vorstellungskraft. Er verfängt, weil er neben echten Bildern noch Raum für unsere persönliche Fantasie lässt. Obwohl aus freien Stücken an bewegte Bilder gekettet, ist er jedoch nicht deren Hampelsmann. Die Filmmusik dieses Albums erweist sich über weite Strecken – abgesehen von dem leider faden Beitrag Grey Reverends – als souverän genug, um nicht an den benannten Defiziten zu scheitern und als Klänge ohne Wert zu verhungern. Im Gegenteil, hier wird Kino ganz, ganz groß. Auch wenn man es nicht (immer) sieht.

The Cinematic Orchestra Presents: In Motion #1 ist am 22.06.2012 auf Ninja Tune erschienen.

Link:

Offizielle Homepage

SomeVapourTrails

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.