Mehr ist eben oft weniger – Philipp Poisel

Ich schätze Philipp Poisel, weil er den struppigen, sensiblen Poeten gibt und dabei nicht vor lauter Gefühlsbetonung in kitschbefüllten Fettnäpfchen ersäuft. Von den jungen Liedermachern deutscher Zunge wirkt er besonders ungeschminkt, frei von den Pickeln der Trivialität. Poisel kokettiert nie mit dem Bild vom Teenagerschwarm,  rettet nicht die Welt, ist sich seiner textlichen Fertigkeiten bewusst, dient sich nicht an. Er wirkt sehr bescheiden, stets ein wenig linkisch, nie aalglatt oder übertrieben ernsthaft. Aus besagten Gründen geriet das Album Bis nach Toulouse 2010 zu einem mit deutschen Liedtexten versöhnenden Lichtblick. Denn zwischen spleenigem Indie-Rock, Herzschmerz-Pop und eitlem Ikonentum bleibt meist nur wenig Platz für unaufgeregte Klänge. Poisel ist ein Guter, so meine Überzeugung. Und dennoch will mich sein neues Livealbum Projekt Seerosenteich kaum vom Hocker hauen. Ich wackle ab und an, aber falle nicht.

Photo Credit: Christoph Koestlin

Meine Ansprüche an Konzertmitschnitte sind nicht sehr exaltiert. Eine Atmosphäre wird auch über das definiert, was zwischen den Songs passiert. Werden Zwischenmoderationen und Ansagen völlig ausgeblendet, fehlt viel. Dann muss die Darbietung ohne Fehl und Tadel funktionieren, die Chemie zwischen den auf der Bühne stehenden Musikern eine besondere Dynamik entfalten. Nur so kann ein Mehrwert zu vielleicht sterilen Studioaufnahmen entstehen. Auch alternative wie originelle Herangehensweisen an manch Lied dürfen eine Konzertplatte veredeln. All dies vermag das Projekt Seerosenteich über weite Strecken nicht einzulösen. Doch wo liegt der Schwarze Peter? Ich finde keine wirkliche Erklärung. Es fehlt mir wohl die förmlich greifbare Magie, wenn ein ganzer Saal dem Sänger an den Lippen hängt. Gerne attestiere ich Poisel, dass er über Sinn und Ziel der Platte lang und breit gegrübelt hat, allein die Intention schwappt nicht rüber. Möglicherweise wollte Poisel seine Begeisterung über stimmungsvolle Auftritte mit dem Hörer teilen. Ein hehres Ansinnen, das man nicht mit kommerziellen Interessen verwechseln sollte. Doch sobald ich die Schlichtheit des auf Bis nach Toulouse ebenfalls live aufgenommenen Ich will nur mit der Seerosenteich-Version vergleiche, wird der Mangel offensichtlich. Wo sich erstere hauptsächlich auf Piano und Gesang beschränkt, intim bleibt, blähen nun Streicher das Lied auf. Wird alles ein bisschen bombastischer gestaltet, da darf auch der Chor nicht fehlen. Mehr ist allerdings eben oft weniger. Auch Bis nach Toulouse erschallt gedehnt, das im Original ohnehin mit rockigen Passagen gespickte Zünde alle Feuer wird noch weiter aufgepeppt, elendslang instumental aufgeplustert. Das darf man live gerne machen, aber die Vorzüge dieses Liedermacher unterstreicht solch Tun eigentlich nicht.

Darum wundert es mich auch nicht, dass gerade die als Bonus auf der Deluxe-Edition befindlichen Video-Bonusclips von den Proben zur Tour zu den besten Momenten des Unterfangens geraten. Weil Tracks wie Mit jedem deiner Fehler nahezu frei von Firlefanz Poisel scheinen lassen. Sein Gesang brilliert vor allem in balladesker Versunkenheit und diese ist beim Projekt Seerosenteich lediglich manchmal mit Haut und Haar erlebbar. Das Lied Seerosenteich etwa schenkt einen solchen Augenblick, entfaltet die Gänsehaut eines Unplugged-Moments.

Wahrscheinlich urteilt der Purist in mir allzu streng. Möglicherweise fällt meiner Erwartungshaltung der Himmel auf den Kopf, weil sie sich von dieser Konzertplatte einiges versprochen hat. Als mündiger Fan muss ich Philipp Poisel jedoch nicht zum Heiligen hochstilisieren, nicht alles mit begeistertem Applaus versehen. Er kann, was er kann, und das ist viel. Dieses Werk jedoch wird wohl nur eine bisweilen nette Randnotiz in seinem Schaffen werden.

Projekt Seerosenteich ist am 17.08.2010 auf Grönland Records erschienen.

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