Release Gestöber 30 (Joel Alme, Dusted, Ormonde, Forest & Crispian)

Musik macht aus einem schönen Tag einen noch besseren, darüber hinaus rettet sie auch viele allzu mittelprächtige Stunden. Musik kann somit einiges leisten, wenn wir ihr nur genügend zusprechen. Aber Musik schafft nicht alles. Sie krempelt uns nicht zu großartigeren Menschen um, sie vermag keine emotionalen Wüsten zu bepflanzen. Sie behübscht die Seele, drapiert höchstens einen frischen Farbtupfer in ein welkes Blumenbeet. Mehr leisten Lieder und Alben eben nicht. Und dies erklärt auch, warum diese Welt trotz all der feinen Musik keine paradiesischere wird. Weil egoistische, dumme oder ignorante Menschen durch Musik nie und nimmer bekehrt werden. Bezaubernde Melodien lassen Kretins nicht zu Humanisten mutieren. Leider! Tumbe Zeitgenossen basteln sich lieber ihre eigenen tumben Klänge. Und solchen wollen wir auch heute Klasse entgegensetzen.

Joel Alme

Seit dem Album Waiting For The Bells bin ich dem schwedischen Singer-Songwriter Joel Alme treu ergeben. Wie er die larmoyante Grandezza eines ausgesuchten Sixties-Sounds in die Gegenwart holt, ist ein Ausbund an Eleganz. Das tönt so edel, dass mein Herz freudvoll hüpft. Mit seinem neuen Werk wiederholt Alme diese Glanztat. Auch A Tender Trap flößt mir Balsam ins Gemüt. Die Platte berührt mit allerlei umschmeichelnden Melodien und Almes exquisiten Gesang. Ich fühle mich in eine Zeit zurückversetzt, in der Musik noch keine Beliebigkeit kannte. Joel Alme ist schlichtweg großartig altmodisch, keiner Hipness verpflichtet. Und das zu hören tut unheimlich gut!

A Tender Trap ist am 09.05.2012 auf Razzia Records erschienen. (Vielleicht gibt es ja auch diesmal noch eine verspätete Veröffentlichung in Deutschland.)

Dusted

Aus dem kanadischen Toronto dringt Dusted an mein Ohr. Das Projekt von Brian Borcherdt entpuppt sich als spleeniger, übersteuerter Lo-Fi-Folk mit sentimentaler Note. Das Album Total Dust erwächst zu einem einzigen zwischen Wirklichkeit und Fantasie tingelnden Wachtraum. Es sind Akkorde, die gleich wolkebauschigen Schäfchen vor dem geistigen Auge herumhoppeln und in Wohlfühltrance blöken. Total Dust ist reich an Kostbarkeiten, etwa das gen Orbit galoppierende (Into the) Atmosphere oder ein wunderbar schmermütiges Centuries of Sleep. Ein Album für träumerische Connaisseure. (Mit Dank an Peter von Schallgrenzen für diese Empfehlung.)

Total Dust ist am 10.07.2012 auf Polyvinyl Records erschienen.

Ormonde

Die Singer-Songwriterin Anna-Lynne Williams hat es uns in jeder Hinsicht angetan. Als Frontfrau der formidablen, leider Anfang 2012 aufgelösten Dream-Pop-Band Trespassers William, natürlich auch unter dem Namen Lotte Kestner auf Solopfaden wandelnd oder eben nun zusammen mit Robert Gomez als Duo Ormonde wirkend. Dieser Tage reifen nun die ersten Früchte dieses neuen Projekts, das 10 Titel umfassende Debüt Machine erscheint! Den ersten Vorboten nach schätze ich zwar jede Scheibe der Trespassers William wesentlich höher ein, aber auch Machine hat Meriten erdiger Entrückung. Cherry Blossom etwa ist ein feiner Song, der unaufgeregt wispert und aus dösiger Monotonie seine Wirkung bezieht. Eine von Herzen kommende Empfehlung! (Zwei Tracks des Album sind auf Soundcloud als kostenlose Downloads erhältlich.)

Machine wird am 07.08.2012 auf dem Label Hometapes veröffentlicht.

Forest & Crispian

Kehren wir nun zum Ende hin wieder in skandinavische Gefilde zurück. Das Album Morgenlands des schwedischen Quartetts Forest & Crispian liegt nun schon geschlagene zwei Monate zuoberst auf meinem Stapel der besseren, allerdings nicht unproblematischen Promo-CDs. Irgendwie weckt Morgenlands alle möglichen Zwiespälte in mir. Da treffen gefällige wie skurrile Tracks auf Frontalattacken auf die Gehörgänge. This Ain’t A Song For People Wanting To Have Fun macht seinen Namen alle Ehre, erinnert mich an das unsägliche Fairytale von Alexander Rybak. Hier und auch bei Let The Best Band Win sind Forest & Crispian von sämtlichen guten Geistern verlassen. Ein weiter Minuspunkt sind einige Kurzstücke, die die Platte mit Varieté-Note (Salome) oder Western-Flair (The Rider) unnötig aufblähen. Sie zergliedern die Platte, nehmen auch manch Überraschungsmoment vorweg. Doch genug der Kritik. Denn Morgenlands mangelt es auch nicht an starken Stücken. I Don’t Wan’t To Be Laughed At etwa beschert Freude, wenn der Wilde Westen auf einen Refrain im Stil der Titelmusik von Cheers trifft, nur um den Hörer schließlich clownesk durchs Zirkusrund zu führen. Forest & Crispian machen kein Hehl aus ihrer Vorliebe für schrullig-pittoreske Elemente, wie uns der Titanic-Gedächtnissong Women And Children First beweist („Real men die hiding all their fears/ Real men cry hiding all their tears„). Für solch prima Lieder möchte man die Formation herzen, weil sie unorthodoxe Ideen zelebriert. Oh Copenhagen ist mit seinem ungemein schmalzigen Sechziger-Feeling ein humoriger Track, der bedeutungsschwangeren Akkorden Schlagergrütze entgegenstemmt. Und wenn ich mir dann auch noch das feine A Horse’s Tale vergegenwärtige, komme ich zum Fazit, dass Morgenlands eine phantastische EP ist, die leider zu einer LP mit Durchhängern und Ärgernissen aufgebläht wurde.

Morgenlands ist am 08.06.2012 auf Für Records erschienen.

 

SomeVapourTrails

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