Stippvisite 13/08/12 (Über Antriebslosigkeit, duckmäuserisches Mittelmaß und Botswana)

Schade! Wäre Faulheit eine olympische Disziplin, ich hätte Österreich die ersehnte einzige Medaille beschert. Denn bezüglich Antriebslosigkeit befinde ich mich derzeit in Höchstform. So jedoch haben ausgewiesene Sportnationen wie Botswana und Tadschikistan im Medaillenspiegel die Nase vorn, Österreich übertroffen. Aber Sport ist bekanntlich nicht alles. Bei den künstlerischen Meriten sähe die Sache ganz anders aus. In einer ewigen Rangliste musikalischer, malerischer und dichterischer Verdienste wäre Österreich hochdekoriert. Vor 200 Jahren etwa, wer hätte Komponisten wie Joseph Haydn oder Franz Schubert ernstlich etwas entgegenzusetzen gehabt? Besonders unter dem Aspekt, dass so manch Genie (Ludwig van Beethoven) damals liebend gern für Österreich angetreten wäre. Oder denken wir an die Malerei Anfang des 20. Jahrhunderts. Wer hätte es mit Gustav Klimt und Egon Schiele aufnehmen wollen? Heute freilich ist Österreich ein wenig auf den Status des Spielortes zurückgefallen. Wenngleich das Burgtheater oder die Staatsoper die führenden Häuser nicht nur in deutschsprachigen Gefilden sind, so mangelt es dem Land an großen Dichtern wie Komponisten. Deshalb offenbart die im Sommersport augenscheinliche Talfahrt ein grundsätzliches Problem. Ein über Jahrzehnte eingeschliffenes Gleichgewicht zwischen Sozialdemokraten und Konservativen hat politischen Dilettantismus auch auf Kunstförderung, Funk und Fernsehen sowie Sport einwirken lassen. Und wo Provinzkaiser und Ministerialbeamte schalten und walten, wird zwangsläufig eher großspuriger Aktionismus oder duckmäuserisches Mittelmaß gefördert. Österreichs vermeintliche Eliten sind immer eng mit politischen Parteien verbandelt. Vor solch Mechanismen ist freilich auch Deutschland nicht gefeit. Aber wo in Deutschland der Leistungsgedanke oft überstrapaziert wird, zählt in Österreich lediglich die Freunderlwirtschaft. Doch ich schweife ab. Auch heute möchte ich ein paar feine Bands und Musiker vorstellen. Feine Klänge hervorheben. Und auch diesmal befindet sich kein österreichischer Vertreter darunter.  Wie schade.

Downloadtipp:

Dem Vernehmen nach aus New York stammt das Duo The Ropes. Und selbiges hat ein Herz für Synthie-Pop mit Schmackes, wie die im Oktober vergangenen Jahres veröffentlichte EP Lack of Technology Made Me a Killer unterstreicht. Der lärmige wie hintergründige, von Chromglanz umflochtene wie roboteresk-düstere Titeltrack scheint in jeder Hinsicht gelungen. Beim Stöbern durch das Werk des Duos bin ich auch auf Love Is a Chain Store von 2010 gestoßen. Ein nicht minder nachhaltig ins Ohr würmelnder Titel. The Ropes sollte man sich unbedingt merken! Dabei könnte der kostenlose Download des Songs Lack of Technology Made Me a Killer via Soundcloud helfen. (gefunden bei Coast Is Clear)

Bildungslückentipp:

Ich stehe zu meinen Bildungslücken. Mehr als eine Million Likes auf Facebook, 58 Millionen Plays auf Last.fm, Wikipedia-Einträge in 17 verschiedenen Sprachen, Lobhymnen von NME. Die Rede ist vom aus Toronto stammenden Duo Crystal Castles. Als ich auf Exclaim! den Streams des Tracks Plague hörte, war ich von diesem Lied mehr als nur angetan. Rieb mir schon die Hände, in der festen Überzeugung, dass ich einen Track entdeckt hätte, über den nicht bereits hundertfach gebloggt wurde. Tja, die Blogsuche auf Google irritierte mich sogleich mehrfach. Denn neben dem Umstand, dass ich unzählige Treffer dazu fand, habe ich weiters einige mir bislang unbekannte deutschsprachige Musikblogs entdeckt. Daraus ziehe ich folglich zwei Schlüsse. Jeder Hinz und Kunz kennt die Crystal Castles, jeder Hinz und Kunz bloggt über Musik. Mit ersterer Erkenntnis kann ich freudig leben, zweiteres bereitet mir schon mehr Kummerfalten. Es braucht nicht noch mehr Geschwätz über Musik und schon gar keine weiteren Clip- oder Stream-Aggregatoren. Bevor ich es vergesse, Plague ist klasse und unten als Gratis-Mp3 erhältlich.

Entdeckertipp:

Newslettern lasse ich meist unter den Tisch fallen. Ich bekomme viele, bin sie fast ebenso leid wie schlecht betexte Promo-Mails. Nachrichten von Gizeh Records freilich lese ich gern, weil das kleine Label aus Großbritannien immer wieder tolle Bands im Köcher hat. Das jüngste Beispiel freilich stieß erst über einen Umweg via thepostrock.de zu mir, da ich die betreffende Mail des Labels übersehen habe. Doch besser spät als nie, denn das Trio Mere ist wahrlich eine Entdeckung wert. Gareth Davis (Bassklarinette), Leo Fabriek (Schlagzeug) und Thomas Cruijsen (Gitarre) haben im Zuge eines Soundtracks für einen niederländischen Dokumentarfilm zueinandergefunden, die Zusammenarbeit unter dem Namen Mere vertieft. Das gleichnamige Album ist am 04.06.2012 erschienen und driftet in experimentelle, düster-jazzige Gefilde ab, wirkt selbst wie eine Filmmusik, knistert, schwelt, flackert, züngelt, brodelt. Die ganze Atmosphäre nimmt sinistre Züge an, entwickelt eine subtile Bedrohlichkeit, die den Hörer um den Finger wickelt. Mere machen das prima, kalkuliert abgründig, aber mit weniger Gänsehaut als das ebenfalls der Niederlande verbundene The Kilimanjaro Darkjazz Ensemble. Insgesamt eine faszinierende Platte, die wahren Kennern harrt.

Vibrationstipp:

Was würden manche Formation doch alles für ein Alleinstellungsmerkmal tun! Die schottische Band Holy Esque muss sich darum nicht sorgen. Denn Sänger Pat Hynes wird von NME mit den Worten „the man with the unholiest shriek in rock“ beschrieben. Diese Stimme erschallt widersprüchlich, weil sie einerseits brüchig vibriert, andererseits vor zittriger Dynamik strotzt. Das Indie-Rock der kraftstrotzenden Sorte, ergänzt durch pfiffiges, weil auf große Gesten abzielendes Songwriting. Die im Frühjahr erschienene selbstbetitelte Debüt-EP verspricht nur Gutes. Und auch der Anfang des Monats als Gratis-Mp3 veröffentlichte Track Tear schlägt in die selbe Kerbe. Holy Esque haben das Talent zum Außergewöhnlichen. Spitze! (Entdeckt bei nicorola, wo es auch ein Interview mit Pat Hynes gibt.)

Wohlfühltipp:

Einen letzten Tipp will ich für heute noch unter das Volk bringen, die aus Brooklyn stammende Formation The Inner Banks nämlich. Auf der im Juni bei DAG! Records veröffentlichten Platte Wild trifft spritziger, bisweilen verträumer Pop auf Folk. Die Chose hat im positivsten Sinne rustikale Züge, ist Kurzweil pur. Das Album mag vielleicht kein Heureka provozieren, gute Laune verbreitet es freilich allemal. Anhören lohnt! (gefunden bei Hey Tube)

SomeVapourTrails

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