Stippvisite 29/08/12 (Schauen wir hinter die Feigenblättchen!)

Stellen wir eigentlich unser Konsumverhalten ab und an auf den Prüfstand? Damit meine ich jetzt nicht die Einbeziehung von Gütesiegeln in die Kaufentscheidung. MSC oder Fairtrade sind doch nur Angebote an Kundenschichten mit ausgeprägtem ökologischen oder sozialen Bewusstsein. Solch Kalkül sagt wenig über die Ethik eines Unternehmens aus. Denn eine fair gehandelte Packung Kaffee im Sortiment eines Discounters kann doch nicht darüber hinwegtäuschen, dass alle anderen angebotenen Sorten Kaffee oft nur durch Ausbeutung von Menschen und Raubbau an der Natur den Weg in die Regale finden. Vereinzelne Feigenblättchen bedecken leider kaum die Scham. Wenn eine Tiefkühlfisch produzierende Firma einige Produkte mit MSC-Zeichen verschönert, steht doch im Umkehrschluss außer Frage, dass sie sich beim überwiegenden Rest um nachhaltige Fangmethoden wenig schert. Man darf solch Denken durchaus auf die Musikbranche übertragen. Kümmert es uns eigentlich, auf welchen Plattenlabels unsere präferierten Musiker ihre Alben veröffentlichen? Unternehmen wir überhaupt die Anstrengung, das Dickicht von Sublabels zu durchschauen? Diese Nachfrage mag nur im ersten Moment belanglos erscheinen. Aber in Zeiten, in denen Markenbewusstsein unsere Kaufentscheidungen in vielen Bereichen durchdringt, ist es doch seltsam, dass im Bereich Musik, Buch oder auch Fernsehen jene Überlegungen gar keine Rolle spielen. Wir schicken Schlecker für all die Vorkommnisse in die Wüste, klopfen uns ob dieser Mündigkeit auf die Schulter. Aber welche Produktionsfirma hinter einer Fernsehserie wie die Simpsons steht oder welches Label mit Lady Gaga Geld scheffelt, das interessiert uns meist nicht die Bohne. Wer beispielsweise den Münsteraner Tatort als ein Highlight öffentlich-rechtlicher Fernsehunterhaltung versteht, der sollte doch zumindest wissen, dass die gleiche Produktionsfirma auch für Gerichtsshows und Scripted-Reality-Dokus in den Untiefen des Privatfernsehens verantwortlich zeichnet. Wir dürfen die Ethik eines Unternehmens nie über Vorzeigeprodukte definieren. Das gilt auch für die Musikbranche. Wir wären nämlich in der Tat entsetzt, mit welch grottigen Gestalten sich einige unser Lieblingsbands das Label teilen.

Doch genug der ernsten Miene, hier ein paar Empfehlungen, die ich bei bloggenden Kollegen und durch Musikmagazine aufgegabelt habe.

Songwritertipp:

Ich vermag es gar nicht zu glauben, dass ich Sean Rowe bislang noch nicht auf dem Blog erwähnt habe. Das will ich natürlich sofort nachholen. Rowe ist ein amerikanischer Singer-Songwriter, der tief aus den musikalischen Traditionen seines Landes schöpft. Dazu gesellt sich ein markanter Bariton und exzeptionelle Lyrics. Derart imponierte das Vorgängeralbum Magic und so überzeugt auch das neue Werk The Salesman And The Shark (VÖ: 28.08.2012 auf ANTI-). Ob der wunderbare Song Jonathan von der letzten Platte oder beispielsweise Downwind von der aktuellen Scheibe, Rowe hat das Händchen für unvergessliche Tiefe. Seit ich auf dem Rolling Stone den kostenlosen Download von Downwind gefunden habe, komme ich von diesem Track nicht los. Ich wette, dass es nicht nur mir so geht. Und ja, viele Titel von The Salesman And The Shark sind großartig.

Wer oben erwähntes Lied Jonathan von 2011 nicht kennt, dem sei auch dies Glanzstück ans Herz gelegt. Diesen kostenlosen Download gibt es auf dem Paste Magazine.

Debüttipp:

Zu manchen Liedern gibt es nicht mehr zu murmeln als den Umstand, dass der Track schlichtweg verdammt eingängig ist, geradezu hypnotisch im Beat. Odesza nennt sich ein Duo, welches den Titel How Did I Get Here auf SoundCloud hochgeladen hat, wo ihn der findige Kollege nicorola entdeckte. Wenn so der Vorgeschmack auf ein kommendes Album aussieht, dann bin ich gespannt wie ein Flitzebogen.

Herbsttipp:

Wenn die Tage wieder kürzer werden, darf mansommerlich-leichte Klänge ruhig bis zum nächsten Jahr in die hinteren Winkel des Plattenregals verbannen. Stattdessen empfiehlt sich schwermütiges Krawumm, ergo Post-Rock. Und da wurde ich mal wieder auf Schallgrenzen fündig. The Autumn Leaves Fall In nennt sich eine Formation aus dem italienischen Florenz. Ihr Post-Rock funktioniert nach dem bewährten, geschätzten Schema F. Im Grunde sind The Autumn Leaves Fall In sehr gute Handwerker, aber eigentlich nicht besonders innovativ. Mal laut, mal leise, mal fragil, mal ausladend. Solch Vorgehen kennt man. Und staunt zugleich doch über die Stärke ihres Sounds, über die so turbulente wie welkende Stimmung, welche die selbstbetitelte EP überzieht. Der Bloggerkollege Peter hört hier „gewaltige, alles hinwegfegende Herbststürme, dann wieder eine leichte Brise und die fast still fallenden Blätter„. Dieser Beschreibung vermag ich nichts hinzufügen.

Radiotipp:

Nun zu einer Formation, deren Bandbiographie auf Facebook krude genannt werden muss. Trotz Homepage und Facebook-Seite kann ich mir auf Dark Horses keinen Reim machen. Fakt jedoch ist, dass die jüngst erschienene Single Radio derart wunderbar shoegazig über den Äther tänzelt, dass ich nur so mit den Ohren schlackere. Ein starker Track! (via Coast Is Clear)

Entspannungstipp:

Zuletzt will ich noch eine Platte empfehlen, die vor knapp einem Jahr erschienen ist, mich jedoch erst kürzlich in den Bann zog. Vor ein paar Wochen las ich auf PopMatters ein Feature namens Sounds Like Serotonin, war sogleich von dem darin porträtierten Künstler angetan. Tycho ist ein Soundtüftler, der laut seinem Plattenlabel Ghostly rollende Klanglandschaften entwirft, die sich in den Horizont hinein erstrecken. Und das ist tatsächlich vielmehr akkurate Beschreibung denn nichtssagendes Promogeschwurbel. Ich für meinen Teil kann mich an seinem letzten Streich Dive nicht genug ergötzen. Das ist wunderbar gehaltvolle elektronische Musik, die zu chilligem Schweben einlädt, vergnügliche Entspanntheit beschert. Anhören und genießen!

SomeVapourTrails

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