Bundesvision Song Contest 2012 – Eine Analyse

Was wird doch immer über musikalische Wettbewerbe gejammert: Alles Schrott, alles bockmistiger Kommerz! Doch jene Medien, die sich darüber mokieren, widmen seriösen Talentwettbewerben doch nur wenig – meist sogar keine – Aufmerksamkeit. Das bleibt etwa im Falle klassischer Musik dem Hardcore-Feuilleton vorbehalten. Kurzum ruft der BuViSoCo Berufslästerer auf den Plan, denn der vor ironischer Distanz triefende Verriss ist längst zur journalistischen Tugend verkommen, wird mit einer kritischen Reflektion verwechselt. Der gestrige Bundesvision Song Contest bietet in der Tat gute Gründe, das eine oder andere meckernde Wort zu verlieren. So gab es sehr viel musikalisches Mittelmaß zu vermelden. Den eigentlichen Offenbarungseid aber leistete sich das Fernsehpublikum.

Über Geschmack lässt sich nicht letztlich trefflich streiten. Vor allem über den Geschmack der Mehrheit. Unsere demokratische Sozialisation hat uns eine zähneknirschende Anerkennung von Mehrheitsentscheidungen gelehrt. Nun vermag sich Verbitterung oft in elitäre Gefilde flüchten. Doch besser ist es, der Wahrheit in die Augen zu schauen. Abstimmungen sind immer und ausschließlich auf Sympathie zu reduzieren. Votings haben keinen qualitativen Kern. Solch ein Wettbewerb verrät viel mehr über die Gruppe derer, die da abgestimmt haben, nur wenig jedoch über die sich der Herausforderung stellenden Teilnehmer. Unter diesem Aspekt darf man also gar nicht erst Bauklötze staunen, warum es ein völlig unterirdischer, exaltiert vorgetragender Titel wie Morgens immer müde tatsächlich auf Platz 2 des BuViSoCo schaffen konnte. Laing sind der beste Beweis, dass sogar ein Hauch von elektronischem Nichts seine Sternstunde erleben darf. Laing standen für die Exotik des Augenblicks. Derartiges kennt man aus Castingshows nicht, die Performance mutete seltsam und zugleich harmlos genug an, um den Zusehern zu gefallen. Die Prämisse dieses Wettbewerbs beherbergt zugleich die Crux der Sendung. Diese Mischung aus im Mainstream geeichten Stars, authentischen Indie-Acts und zurecht unbekannten Formationen spiegelt sich auch in der Fernsehschar wider. Der typische DSDS-Fan sieht sich dies Spektakel nicht an, zu groß sind die Pausen zwischen den Auftritten fixer Musikgrößen. Auch verirren sich Instrumente wie Kontrabass oder Akkordeon auf die Bühne, das überfordert die auf hyperdramatischen Gesang getrimmten Groupies von Popstars und Co. Weiters ist der BuViSoCo kein Event alternativer Musikstile, lockt somit kaum Feinschmecker vor das TV-Gerät. Solch Connaisseure rühmen sich doch oft damit, gar keinen Fernseher zu besitzen. Sie sind zu sehr mit dem steten Rümpfen der Nase beschäftigt, um sich solch eine Show zu Gemüte zu führen. Die Zielgruppe dieser Sendung sitzt in der Regel selbst zwischen den Stühlen, sie fremdelt mit den hirnverbrannten Auswüchsen des Massengeschmacks, ihr mangelt es zugleich am ausgebildeten Instinkt für musikalische Perlen. Dieser Zuschauerkreis ist im guten wie im schlechten Sinne weitgehend kenntnislos, erwärmt sich spontan und ohne Grübeln für allzu vertraute wie eben unvertraute Klänge, sofern diese keine besondere Konzentration erfordern.

Das Ergebnis der diesjährigen Veranstaltung ist unter diesem Aspekt wenig überraschend. Mit Kool Savas und Xavier Naidoo, zusammen Xavas für Baden-Württemberg, haben die Favoriten verdient gewonnen. Auch weil sie als Feigenblättchen des Niveaus den Angriff geschickt getarnter Geschmacklosigkeit (Laing für Sachsen) erfolgreich abzuwehren verstanden. Ebenfalls auf das Treppchen hat es Ich kann fliegen (Niedersachsen) mit Mich kann nur Liebe retten geschafft und damit unterstrichen, dass Eigenschaftslosigkeit keinen Makel einer Band darstellt, solange man einen Song aus der Feder Annette Humpes aufbieten kann. Wenig unerwartet gestaltete sich der 5. Platz von Die Orsons feat. Cro (Saarland) mit dem Gaga-Stück Horst & Monika. Schwachsinn ist eine Methode, die als Satire oder Klamauk stets breite Schichten anzusprechen vermag. Zu meiner persönlichen Enttäuschung hat es Fiva & Das Phantom Orchester (Bayern) nur auf den 14. Rang geschafft. Dabei war es wohl der Keckheit von Die Stadt gehört wieder mir zuviel, der aufmüpfige, intelligente Text entpuppte sich als grober Nachteil. Auch Hessen Cris Cosmo ging leider unter. Den größten Ärger jedoch dürfte Der König tanzt (Hamburg) verspüren. Obgleich Häuserwand ein schlechter Titel war, ist König Boris erfahrene Rampensau genug, um sich vom mickrigen Rest der Teilnehmer abzuheben. Ich verspüre großes Mitgefühl…

Stefan Raabs BuViSoCo 2012 war kein Highlight der Fernsehunterhaltung. Weil das Saalpublikum seinen Unmut gegenüber Xavas zum Ausdruck brachte. Warum eigentlich? Ohne Stars gäbe es diese Veranstaltung nicht. Schon gar nicht zur besten Sendezeit im Privatfernsehen. Die Zuschauer vor Ort haben sich mit ihrem Verhalten selbst disqualifiziert, eine sehr professionell gemachte Show dadurch zu einem nicht gerechtfertigten unrühmlichen Ende geführt. Schade. Bleibt nur zu hoffen, dass 2013 ein besserer Jahrgang wird. Auch im Hinblick auf die Seherschaft.

Endergebnis:

1.) Baden-Württemberg – Xavas – Und ich schau nicht mehr zurück (172 Punkte)
2.) Sachsen – Laing – Morgens immer müde (142 Punkte)
3.) Niedersachsen – Ich kann fliegen – Mich kann nur Liebe retten (109 Punkte)
4.) Nordrhein-Westfalen – Luxuslärm – Liebt sie Dich wie ich? (97 Punkte)
5.) Saarland – Die Orsons feat. Cro – Horst & Monika (92 Punkte)
6.) Schleswig-Holstein – Vierkanttretlager – Fotoalbum (76 Punkte)
7.) Berlin – B-Tight – Drinne (50 Punkte)
8.) Mecklenburg-Vorpommern – The Love Bülow – Nie mehr (41 Punkte)
9.) Thüringen – Maras April – Himmel aus Eis (33 Punkte)
10.) Hamburg – Der König tanzt – Häuserwand (28 Punkte)
11.) Rheinland-Pfalz – Pickers – 1000 Meilen (20 Punkte)
12.) Hessen – Cris Cosmo – Herzschlag (19 Punkte)
13.) Bremen – Schné – Alles aus Liebe (18 Punkte)
14.) Bayern – Fiva & Das Phantom Orchester – Die Stadt gehört wieder mir (13 Punkte)
15.) Sachsen-Anhalt – Johanna Zeul – Sandmann (10 Punkte)
16.) Brandenburg – Mellow Mark feat. Nina Maleika – Bleib bei mir (8 Punkte)

Zu den offiziellen Musikvideos aller Teilnehmer geht es hier.

Link:

Bundesvision Song Contest 2012 auf TV total

SomeVapourTrails

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