Labsal für deprimierte Stunden – Kid Koala

Wir erwünschen uns oft Balsam für die Seele. Butterweiche Streicheleinheiten, welche die Schrunden des Gemüts heilen. Doch mitunter benötigt es Schmirgelpapier, welches Kratzer von der Psyche tilgt. In musikalischer Hinsicht leistet der Blues diesbezüglich Wunderdinge, lamentiert knorrig, raut uns die Ohren auf. So erscheint es nur logisch, dass die kratzige Energie, mit welcher der Turntablism zu Werke geht, dem Blues gut zu Gesicht steht. Wie der kanadische DJ Kid Koala mit Schallplatten hantiert, hatte bereits in der Vergangenheit stets große Klasse. Sein neuestes Werk 12 bit Blues schleppt sich mit Kettengeschepper durch Gefilde eines archaisch-grummeligen Genres. Das Resultat mag verstören. Da es zunächst weder den Fan elektronischer Klänge betört, noch etwaige Blues-Fetischisten auf Anhieb zu überzeugen weiß.

Der 12 bit Blues wirkt durch seine paradoxe Attitüde. Denn trotz allgegenwärtigen Samplings nimmt man die Tracks der Platte nicht als Stückwerk wahr. Jegliche elektronische Spielereien, alles Scratching tritt hinter die düstere Seele des Blues zurück. Kid Koala holt urtümliche Klänge in die Gegenwart, weil er mit den Mitteln des Jetzt zurück in die Zeit reist. Das ist mutig, zumal er die Ursprünge nicht als unantastbar versteht, kein retroeskes Unverfälschtheitsgebot akzeptiert. Er fuhrwerkt am Chassis herum, lackiert die Karosserie, schraubt und hämmert unter der Haube, doch letztlich röhrt und jault der Motor wie anno dazumal. Er verändert und bewahrt – bleibt dabei dem Charakter des Genres immer treu, setzt sich zugleich zwischen die Stühle. Die Platte wird Tradionalisten zu gewagt erscheinen und elektronisch fokussierten Haudegen zu rückwärts gerichtet anmuten. Schade!

Wer jedoch danach dürstet, sich Bourbon in die Seele zu kippen, sollte dem 12 bit Blues eine Chance geben. Wem der Eröffnungstrack 1 bit Blues (10,000 miles) ins Herz fährt, dem wird fraglos die rohe Stimmung der Scheibe kräftig im Gemüt herumstochern. Zu den faszinierenden Titel zählen der in schmissigem wie urigem Rhythmus gehaltene 2 bit Blues, der verlangsamt quakende und jammernde 4 bit Blues oder 5 bit Blues, dem die Tristesse aus jeder verdammten Pore regnet. Der Trauermarsch 6 bit Blues glänzt als Klage über Einsamkeit und verlorene Liebe, durchsetzt von einer gespensterchorigen Sehnsucht nach Erlösung („I guess it’s all over now/ There is nothing I can do„). Sampling-Wahnwitz gepaart mit einer Grabesstimme machen 8 bit Blues (Chicago to LA to NY) zum krawalligsten, buntesten Lied dieses Werks. Hier rumort es gepresst funky, tanzen die Ohren gleich Scheiben auf Plattentellern, ehe der 11 bit Blues wieder gekonnt ins Lamento schwenkt.

Kid Koala – ‚8 bit Blues‘ (Official Video) from Ninja Tune on Vimeo.

Kid Koala mag mit dem Album Befremden auslösen. Dem 12 bit Blues gilt es ohne Scheuklappen zu begegnen, sonst wird man die Qualitäten des Werks nie und nimmer sehen können. Wer nie in die Seele des Blues geblickt hat, über die Kante in den Abgrund geschaut hat, mag von der Dunkelheit und Tiefe vielleicht überrascht sein. Die experimentelle Fröhlichkeit und entspannte Gelösheit von elektronischer Musik findet sich hier nicht. Vielmehr spricht der 12 bit Blues mit aller Grimmigkeit das Sentiment an, hat das Zeug zur Labsal für deprimierte Stunden. Wohl auch darum eine Platte, die ich nicht mehr missen möchte!

12 bit Blues erscheint am 14.09.2012 auf Ninja Tune.

Konzerttermine:

28.09.2012 Genf (CH) – L’Usine
29.09.2012 Basel (CH) – Kaserne
03.10.2012 Mannheim – Alte Feuerwache (Enjoy Jazz Festival)
04.10.2012 Berlin – Gretchen
05.10.2012 Hamburg – Kampnagel

Link:

Offizielle Homepage

Kostenlose Mp3 von 5 bit Blues auf Ninja Tune

SomeVapourTrails

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