Ohne Stock im Hintern – Die Heiterkeit

Fräuleinwunder Knef meets Neue Deutsche Welle meets Wir sind Helden. Aus etwa diesen Einflüssen speist sich das Hamburger Frauentrio Die Heiterkeit. Und solch Vorbilder zeitigen ein in der Tat famoses Ergebnis. Der Gesang fällt schnoddrig aus, die Texte sind subtil humorig, schrecken auch vor Gaga-Anwandlungen („I touch you with my Heiterkeit„) nicht zurück. Hier werden noch Großstadtgefühle mit Pfiff aber ohne fade Coolness erzählt. Das Album Herz aus Gold erwächst auf den ersten Blick zum kleinen Meisterwerk. Von manchmal selbstbewusster Unschuld getragen, so zauberhaft entwaffnend und verspielt, derart abgeklärt milde, wie man es bei deutschen Bands zu selten erlebt. Die Heiterkeit versteht es vorzüglich, den Hörer mit sprödem Charme und schmissigem Esprit um den Finger zu wickeln. Woran Legionen deutscher Chanteusen scheitern, das gelingt dem Trio vorzüglich. Statt bieder mit Stock im Hintern die hypersensible wie starke Frau zu mokieren, wird die mitunter recht schwere Leichtigkeit des Seins augenzwinkernd lakonisch dargereicht.

Photo Credit: Gesa Trojan

Herz aus Gold vermeidet alle Fehler. Es schrammelt nie in dieser unsäglichen, allgegenwärtigen Indie-Rock-Herrlichkeit vor sich hin, täuscht keine aufgeregte Atemlosigkeit vor, bebildert die Lieder weder mit Botschaften, die das Sein in all seinen tristen Grauschattierungen auffächern, noch mit Plattitüden ohne Sinn und Verstand. Wenn man der Band einen Makel anheften möchte, dann die Namensfindung. Denn Die Heiterkeit versteht ihren Namen nicht als Aufforderung zu schrillem Gelächter. Es sind trockene Nuancen, welche die Formation kennzeichnen. Etwa bei Für den nächstbesten Dandy, wenn ein bevorstehendes Frühlingsgefühlsidyll zum Beziehungsende mutiert, der Blick bereits nach vorn schweift. Ein Abschied, gesittet unhysterisch, geradezu putzig, ohne fingerdick aufgetragenen Tränenschwall. Emotionale Wallungen werden mit zärtlicher Tapferkeit erlebt (Süß, wie man sein kann). Und eben jene robuste Sanftheit lässt keine Oberflächlichkeit, keinen Zynismus zu. Das tönt wohltuend, wenn sich Lieder nicht auf den Beichtschemel hocken und zur verbitterten Selbstanklage verkommen. Auch nicht hektisch als vorzeitiger Samenerguss ekstatisch auf den Hörer prasseln. Vielmehr frickelt die Band vorwiegend am Ende – zumindest aber am Alltag – von Romanzen herum. Wenn Befindlichkeiten mit wenigen Worte zugespitzt werden, die Welt dabei nicht untergeht, es nicht vor Rotz und Wasser trieft, dann entwickeln die Songs ungeahnten Trost. Da hinter einer vermeintlichen Flatterhaftigkeit wohl die Überzeugung steckt, dass es keinen linearen Weg zum Glück und schon gar kein ewiges Verweilen im Glück gibt. Ob Heiterkeit oder Hauptquartier, es sind wunderbar schnittige, sinnige Lieder, deren Attitüde man im Grunde nur bewundern kann.

Die Heiterkeit blickt mit Neugier und Unverdrossenheit auf Welt, Leben und Beziehungskisten. Das scheint erfrischend, da jedwede Naivität außen vor bleibt. Alles ist so neu und aufregend lautet ein Liedtitel des Albums, ist zugleich auch wiederkehrendes Motiv. Dass das Damentrio all das ohne Gekicher oder Blauäugigkeit vollführt, macht Herz aus Gold zu einem seltenen Glanzlicht gegenwärtigen deutschen Musikschaffens. Ich kann die berufsjugendlichen Indie-Heinis und all die ungelenken, blümeranten ewigen Mädchen nicht mehr hören. Umso dankbarer bin ich für diese Band, diese famose Ausnahme!

Herz aus Gold ist am 24.08.2012 auf Nein, Gelassenheit/staatsakt erschienen.

Konzerttermine:

10.10.2012 Berlin – Monarch
19.10.2012 Köln – King Georg
27.11.2012 Nürnberg – Club Stereo
28.11.2012 Stuttgart – Schocken
29.11.2012 München – Feierwerk
30.11.2012 Wien (A) – B72
10.12.2012 Frankfurt – Mousonturm

Links:

Offizielle Homepage

Kostenloser Download von Alles ist so neu und aufregend

SomeVapourTrails

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