Release Gestöber 31b (The Fresh & Onlys, Gabby Young & Other Animals, Dead Can Dance, Sons Of Noel And Adrian)

Ein wenig verspätet wollen wir uns weiteren musikalischen Neuerscheinung zuwenden.

The Fresh & Onlys

Mit der aus San Francisco stammenden Band The Fresh & Onlys habe ich ein seltsames Problem. Mir schmeckt das jüngst erschienene Album Long Slow Dance kaum, obwohl nicht ein einziger schlechter Song die Platte verhunzt. Die Ursache für meine Skepsis liegt auch keineswegs in einer Abneigung gegenüber dem ohnehin schwammigen Genre Indie-Rock begründet. Vielmehr empfinde ich Long Slow Dance als Patchwork, dem es an einem roten Faden mangelt, der das Flickwerk präsentabel machen könnte. The Fresh & Onlys klingen immer ansprechend, entwickeln jedoch keine Unverwechselbarkeit. Sie präsentieren ihre verschiedenen Gesichter, am Ende bleibt keines dauerhaft im Gedächtnis. Nahezu jeden ihrer Tracks würde man auch noch in einem Jahr voll Wohlwollen wiedererkennen, der Name der Band jedoch wäre längst im Nirvana der Erinnerung entschwunden. Schade! Denn der herrlich altmodische, bittersüße Sound von Dream Girls ist ein echter Leckerbissen. Dazu will der anschließende Track  Euphoria so gar nicht passen. Hier wird eine für Arenen ausgedachte, leicht unterkühlte Rockigkeit zelebriert. Für solch einen mächtigen Titel würden viele große Bands ihr bestes Hemd opfern. Foolish Person zielt in eine ähnliche Richtung ab, kontrastiert die raue Atmosphäre anfangs mit engeligen Chören, ehe die Gitarren die Messer wetzen. Unmittelbar danach verstört der Titeltrack Long Slow Dance mit einem weiteren Bruch, gibt sich unschuldig retroesk, allen großen Gesten abschwörend. Presence Of Mind klingt nach einer verträumten Ausgabe von The Smiths. Dieses Kauderwelsch verschiedenster Stile, das Getingel zwischen schrammeligem Lo-Fi und dem Scheinwerferlicht riesiger Stadien, all dies zerstückelt die Platte in viele Kleinode. Bedauerlich! (Ein Stream der gesamten Platte findet sich hier.)

Long Slow Dance ist am 03.09.2012 auf Souterrain Transmissions erschienen.

Gabby Young & Other Animals

Wie man einem Werk Seele verleiht, das führt uns Gabby Young so kunterbunt wie exzessiv vor. Die Scheibe The Band Called Out For More von Gabby Young & Other Animals mutet nicht nur einzigartig und unverkennbar an, sie kann sich neben der Exzentrik des Varietés auch mit gut verdaulicher Theatralik brüsten. Besser ausgedrückt: Gabby Young bürstet gegen den Strich, missachtet alle gängigen Moden, läuft dabei nie Gefahr, in überkandidelte Nervigkeit zu verfallen. Sie kennt das Drama, die fiebrige Leidenschaft, aller Verluste Schmerzen, Zerrissenheiten der Sehnsucht. Bietet dem Temperament eine Bühne, lässt die Tränen nicht im stillen Kämmerlein dahintropfen, schaukelt stattdessen Sentimente auf. Als Ergebnis, wie man es sich nur wünschen kann, liegt mit The Band Called Out For More ein Album vor, welches einem heißblütigen Tanz auf einem brodelnden Vulkan gleicht. Zu den zahlreichen Highlights zählen das schwülstige Male Version Of Me („You’re like the male version of me/ Caught in this stream of continious sleep/ And I never taught you but you happen to be/ Perfect for me„), der ungemein beschwingte Opener In Your Head oder auch Segment, bei dessen Refrain man Sigur Rós als Gäste vermuten könnte.

Gabby Youngs musikalischer Mittelpunkt liegt irgendwo zwischen Seemannsliedern, einer Leslie Feist, schwermütigem Chanson, dem Glitter einer Bühne in Las Vegas, burleskem Swing mit Balkanbläsern und gefühlten Dutzenden weiterer Stile. Solch Großartigkeit sollte man sich nicht entgehen lassen!

The Band Called Out For More ist am 07.09.2012 auf India Records/The Gift Of The Gab Records erschienen.

Konzerttermine:

15.09.2012 Karlsruhe – Tollhaus
16.09.2012 Mainz – ZDFkultur Zeltfest
20.10.2012 Potsdam – Nikolaisaal
19.01.2013 Berlin – Postbahnhof
21.01.2013 Stuttgart – Theaterhaus
22.01.2013 Darmstadt – Centralstation
23.01.2013 Köln – Club Bahnhof Ehrenfeld
25.01.2013 Salzburg (A) – JazzIt

Dead Can Dance

Wiedervereinigungen von Bands sind in aller Regel eine nostalgische Fußnote der Musikgeschichte, oft Eingeständnis eines Irrtums. Im Falle von Dead Can Dance würde man kaum auf solch einen Gedanken kommen. Dead Can Dance ist die Sorte Projekt, die man sich nur wünschen kann, selbst wenn man sich nicht als eingefleischten Fan bezeichnen möchte. Eine Formation mit Kanten und Eigenheiten, stets experimentierfreudig. Nach über 15 Jahren wurde nun im August ein neues Studioalbum namens Anastasis veröffentlicht. Ich hatte ein paar nicht besonders schmeichelhafte Rezensionen gelesen, die die Platte in etwa als monotones Pläsierchen für Fans beschrieben. Vielleicht auch deshalb habe ich mir das Album nicht angehört, ob der Fallhöhe von Enttäuschung. Als mir vor wenigen Tagen jedoch die Kunde ins Haus flatterte, dass es den Song Opium als kostenlosen Download gäbe, habe ich diesem dann doch gelauscht. Was soll ich sagen, ich liebe Opium! Und nicht nur diesen Titel. Anastasis besitzt eine sinnstiftende Qualität, eine kontemplative Güte, der ich mich nicht entziehen kann. Dank Tracks wie Return Of The She-King oder eben Opium wirkt dieses Werk schlichtweg grandios. Also bitte nicht bekrittelnden Musikkritikern glauben, die in jeder Suppe gern tonnenweise Haare finden wollen.

Anastasis ist am 10.08.2012 auf PIAS erschienen.

Sons Of Noel And Adrian

Kunstvoll lamentierende Alternative-Folk-Tristesse mit lebenserhaltenden Kniffen macht das Album Knots zu einem anspruchsvollen, jedoch nicht erschöpfenden Werk. Was die britische Formation Sons Of Noel And Adrian da im Oktober in deutschen Landen veröffentlicht, ist Gemütern mit ausgeprägter Leidensfähigkeit auf den Wunschzettel gesetzt. Noch bin ich Knots nicht auf die Schliche gekommen, verirre mich in der gedämpften Düsterkeit des Gesangs und erblicke doch immer wieder Lichter magisch-musikalischer Momente. Auf gewisse Weise beehren uns Sons Of Noel And Adrian mit einer Art Schattenspiel, geben nur Umrisse preis, machen ein Erkennen schwer. Im vorliegenden Falle verfällt dem feierlichen Ernst der Formation. Man spürt die Besonderheit des Werks, ohne mehr als Konturen ausmachen zu können. Eine spannende Angelegenheit, wie ich meine.

Knots erscheint am 12.10.2012 auf K&F Records.

SomeVapourTrails

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