Ein Wow ohne Dellen – Anna Aaron

Ich bin ein Verfechter der These, dass ein künstlerisches Werk losgelöst vom Urheber erfahrbar ist. Natürlich erleichtert es die Rezeption, wenn man ein Werk in einen Kontext einzubetten vermag. Aber letztlich sollte ein Lied funktionieren, mehr noch imponieren, ohne dass man weiß, ob dem Musiker beim Schreiben die Seele gedrückt oder die Lederhose gejuckt hat. Manchmal jedoch hört man Töne, verspürt eine Aura, die uneingeschränktes Interesse weckt. Wer steckt hinter einer Platte, die mehr als nur handwerkliche Finesse oder künstlerische Inspiration vermittelt? Wie nur entwickelt man eine Präsenz, dass Gänseschauer der Düsterkeit wie Schwaden im Raum hängen, sobald der Gesang einsetzt? Im Falle der als Anna Aaron firmierenden Schweizerin Cécile Meyer drängt sich mir ein Staunen auf, denn obwohl Abgründe das tägliche Geschäft des Kreativen bedeuten, verspüre ich in ihrem Fall ein Kribbeln. Ein Prickeln der speziellen Sorte. Einen Sinneskitzel, wie ihn nur besonders gestalte Alben verursachen. Etwa To Bring You My Love von PJ Harvey.

Natürlich fehlt dem Debüt Dogs In Spirit die Radikalität einer PJ Harvey, freilich ist Anna Aarons Werk klassischeren Singer-Songwriter-Zuschnitts, aber der Intensität dieser Platte, wie sich etwa in Elijah’s Chant oder Where Are You David äußert, wachsen Flügel. Ersteres Lied entfaltet eine biblische Dimension, geprägt vom durchaus unbehaglichen Gefühl, dass hier epochale Ereignisse in Noten gepackt und mit Worten verbrämt werden. Sea Monsters bewegt sich auf vertrauterem Pop-Terrain, erschallt in bester Radiotauglichkeit, wenngleich der Text dann doch die eine oder andere Widerspenstigkeit parat hält („You woke the monsters in the sea/ Now they’re coming after me/ So lover bring them to the shore/ And we will listen as they soar„), die inneren Teufel beschwört. Nach diesem starken Auftakt entpuppt sich das von gedämpftem Harmonium und sacht tänzelnder Trompete geprägte The Drainout als willkommene Gelegenheit der Entspannung, ehe Anna Aaron mit Queen of Sound und King of the Dogs abermals alle Register zieht. Während mich Queen of Sound mit seinen temperamentvollen Piano-Akkorden einfängt, ähnlich wie Sea Monsters mit melodiösem Pep betört, fügt King of the Dogs dem Treiben eine rohe, ungezügelte Nuance hinzu. Feuriger Pathos prescht ins Bild, mündet in reinster Sehnsucht („This is for the boy on the magic horse who owns my heart/ He has got golden hair and wears a robe of snow/ Riding over clouds his face a flame his tongue a sword/ I have given him a name it means Anna’s Lord„). Es sind diese Lieder, die Anna Aaron in all der ihr eigenen Komplexität zeigen. All ihr musikalisches Tun ist von einem Firnis umhüllt, quasi ein unsichtbares Schutzschild, das den Hörer auf Distanz hält, sein Staunen dadurch konserviert. Darum wird auch ein Track wie Fire Over The Forbidden Mountain zu einem Wow-Ereignis, das nach einigen Ausrufezeichen lechzt. Den ganzen Song durchwabbert ein rasselige Percussion, unterbrochen von einem geschmeidigen, spannungsreichen Piano, nicht zu vergessen die Fraktion der Bläser als dunkle Konstante. Über allem schwebt ein dramatisch geturnter Gesang, der zwischen sireneskem Refrain und ritueller Beschwörung Salti schlägt. Hier ersteht eine vielschichtige Atmosphäre, die sich nicht mit ein, zwei Kniffen aufdröseln lässt. Man steht der Scheibe mit großer Bewunderung gegenüber, fühlt die Aura. Eine Aura, die nicht bereits nach dem zweiten Hördurchlauf erste Dellen aufweist.

Anna Aaron ist von außergewöhnlichem Kaliber, als Schweizerin braucht sie sich keine Sekunde lang hinter dem Singer-Songwriter-Aushängeschild des Landes, Sophie Hunger nämlich, verstecken. Dogs In Spirit ist ein zur Faszination anstachelndes Werk, welches sogar in diesem musikalisch starken Jahr hervorsticht. Die Platte bleibt unergründlich, fährt dank sinistrer Fantasie ins Mark. Was uns das Album über die Künstlerin Cécile Meyer verrät? Wohl dass man nicht immer den Boden von Abgründen zu erspähen vermag, so sehr man sich dies auch wünscht. Wow!

Dogs In Spirit ist am 07.09.2012 auf Two Gentlemen erschienen.

Konzerttermine:

03.10.2012 Innsbruck (A)- Treibhaus
05.10.2012 Wien (A) – Waves Festival
09.10.2012 Dresden – Beatpol
11.10.2012 Berlin – Comet
12.10.2012 Hamburg – Kampnagel
13.10.2012 Bremen – MS Treue
14.10.2012 Köln – Studio 672
16.10.2012 Frankfurt am Main – Brotfabrik
17.10.2012 Ingolstadt – Ingolstädter Künstlerinnentage „Der Oktober ist eine Frau“
18.10.2012 München – 59:1
15.11.2012 Basel (CH) – AVO Session

Link:

Offizielle Homepage

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