Nicht nur christliches Bullshit-Bingo – Mumford & Sons

Heutzutage scheint eine Religiosität, die klar definierten Geboten und Riten folgt, der Gottseibeiuns einer progressiven Gesellschaft, während die vage Empfindung eines göttlichen Prinzips durchaus Beifall – zumindest aber keine Fundamentalopposition – findet. Im Falle des Briten Marcus Mumford freilich könnte man sich an einem christlichen Bullshit-Bingo versuchen, würde dabei so einige Treffer landen. Doch sind es bei Weitem nicht bloß die religiösen Verweise, die die Kritiker von Mumford & Sons auf den Plan rufen. Manch Aversion liegt darin begründet, dass das neue Werk Babel von biblischem Pathos durchdrungen wird. Es wirkt apodiktisch, von Schwarz-Weiss-Bildern geprägt („So give me hope in the darkness/ That I will see the light„), für Nuancen hat der Grenzcharismatiker Mumford kein ausgeprägtes Händchen. Der vielleicht wundeste Punkt der Platte liegt jedoch in dem „Du“, welches stets abstrakt bleibt, losgelöst von einem körperlichen, selbst Wünsche anmeldenden Gegenüber dahintranszendiert. Der flanellernen Erdigkeit des Folk-Rocks stehen Lyrics entgegen, die – sofern man darauf achtet – gänzlich das Ringen mit dem eigenen Ich und die Sehnsucht nach Erweckung betonen („When I was told by Jesus/ All was well„). Ein Hauch von Egozentrik schwebt durch die Lüfte, mag somit auch den Erfolg dieses Werk in Zeiten wie diesen erklären.

Es gibt viele triftige Gründe, das Debüt Sigh No More als eines der erfrischenden, deftigen und aufregenden Alben des Jahres 2009 in Erinnerung zu behalten. Auf Babel hingegen klingt alles eine Stellschraube routinierter. Dieser Makel haftet der Platte an, ändert freilich auch nichts daran, dass gerade die predigerhaften Songs noch immer eine Augenweide sind. Beispielsweise der Titeltrack Babel, der voll stimmlicher Inbrunst die Mauern einreißt, von welchen er erzählt. Auch Hopeless Wanderer, welches sich geradezu rührend, aufrechten Gangs und warmen Herzens nämlich, um einen Neubeginn bemüht. „And I will learn, I will learn/ To love the skies I’m under“ ist eine der schönsten Zeilen von  Zuversicht, die Marcus Mumford zu bieten hat. Als Favorit der Fans erweist sich wohl I Will Wait mit seinem gefühligen wie simplen Refrain. Zu den problematischeren Tracks von Babel zählt hingegen Whispers In The Dark. Hier kommt jeder Buzzword-Bingo-Spieler auf seine Kosten: Holy – Treffer, Devil – Treffer, Sins – Treffer, Lord – Bingo! Auch taucht die Botschaft dieses Stücks („Let’s live while we are young„) völlig unvermittelt auf, Erkenntnis aus dem Nichts. Im Grunde besteht die Scheibe lediglich aus zwei Aggregatzuständen, Pein und Erlösung. Als Errettungshymne hinterlässt Holland Road einen fahlen Beigeschmack, weil es holzschnittartig die abgestumpfte Seele und das Herz aus Stein bemüht, um anschließend theatralisch in die Knie zu gehen und beschwörerisch dem Glauben anheimzufallen. Drangsal und Befreiung eben! Das durchaus ansprechende Not With Haste wiederum kann eine gewisse Eitelkeit nicht verbergen, das selbstbewusste  Statement „I am what I am“ wird sogleich mit sich geziemender Bescheidenheit zurechtgestutzt. Erst diese erlaubt das Glück. Logik ist im Denken von Mumford & Sons manchmal allzu milchmädchenhaft einfach. „Better not to breathe than to breathe a lie“ heißt es bei Broken Crown, dem Tiefpunkt des Werk. Hier offenbart sich der eingangs erwähnte gnadenlos dezidierte  Zug in Reinkultur. Zu guter Letzt sei jedoch noch einmal darauf hingewiesen, weshalb man Mumford & Sons trotzdem mögen sollte. Weil ein Titel wie Ghosts That We Knew mit jeder Faser den Ton trifft, Hoffnung versprüht, ein im Herzen wirkendes Wohlgefühl entfaltet.

Dennoch! Der Erfolg von Mumford & Sons in hiesigen Breiten erschließt sich mir nicht völlig. Denn wenngleich der für die Formation typische Folk-Sound in seiner Hemdsärmeligkeit anzusprechen vermag, das gewisse Etwas speziell der Mitstampflieder in die Füße springt, so präsentiert sich Babel textlich weit abseits aller typischen Erfolgspfade. Doch vielleicht ist das Prinzip der Hoffnung, welches auch vom allgegenwärtigen Straucheln und Taumeln nicht unterjocht wird, Erklärungsansatz genug. Mumford & Sons bleiben ein Phänomen, eine unzeitgemäße Band von der Insel. Im Licht wie im Schatten verhaftet, äußerst gegensätzliche Reaktionen hervorrufend. Dass sich Folk-Rolk in solch einem kultivierten Spannungsfeld bewegt, kommt bei Gott nicht alle Tage vor.

Babel ist am 21.09.2012 auf Gentlemen Of The Road / Cooperative Music erschienen.

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