Niemals gelackmeiert – Placebo

Placebo sind Kult in den alternativen Gefilden, zugleich waschechte Stars, deren Alben die Spitzen der Charts anvisiseren. Für Musikliebhaber sind Placebo eine rare Selbstverständlichkeit. Auf ihre Alben ist seit über 15 Jahren Verlass, an Brian Molkos Charisma nagt kein Zahn der Zeit. Die Formation bastelt unaufhörlich an ihrem Image, ohne dabei die Musik zum Edelkomparsen verkommen zu lassen. Diese Woche bescheren uns Molko, Stefan Olsdal und Steve Forrest mit der EP B3 einen Vorgeschmack auf das 2013 erscheinende nächste Album. Dass das Trio sich überhaupt in die Niederungen der EP begeben, dabei nicht etwa altbekannte Lieder für dröge Remixe verwursten, tatsächlich neues Material präsentieren, all dies weist darauf hin, dass man als Hörer bei Placebo nie der Gelackmeierte ist. Sie fabrizieren Musik des kreativen Austobens wegen und nicht um ihr Säckel zu füllen. Beileibe keine Selbstverständlichkeit!

Fast möchte man diese feine, 5 Tracks umfassende EP mit allerlei Gütesiegel bekleckern und doch einräumen, dass es dem Werk an einem potentiellen Smash-Hit mangelt. Doch wer dem über sieben Minuten dauernden Time Is Money genauer Gehör schenkt, erkennt sogleich, was für einen großartigen, sich mit Bedacht entfaltenden Song die Band hier aus dem Hut gezogen hat. Ein Lied, welches sich vielleicht nicht im Airplay bewähren wird, aber fraglos zu einem Konzertklassiker taugt. Time Is Money ist von einem famosen Refrain beseelt („And you are so beautiful/ That I will drink my fill/ More pure and more suitable/ Than any pint of poison/ I could guzzle or spill„), zeitigt wahrhaftige Strophen wie „Love claims to have the answer/ To all your troubles every day/ Love, love is money, bastard/ So like Jesus, Jesus, Jesus, give it all away„. Es ist dieser letzte Track mit seinen letzten zwei Minuten, der die Vorfreude auf das neue Album einmal mehr befeuern darf. Denn er reiht sich in seinem gemütserwärmenden Taumel in die Galerie der allerbesten Titel der Band ein. Doch auch der Rest der EP soll und darf nicht unter den Tisch fallen. Der Titeltrack B3 etwa ist ein vor Intensität strotzendes Lied, zerfetzt sich im Kehrreim geradezu, wenn ein geräderter Brian Molko höhere Mächte um Heilung anfleht. Bei The Extra stechen vor allem vier Zeilen hervor:  „If I am an extra in the film of my own life/ Then who the hell is the director?/If I am an extra in the film of my own life/ Will someone please turn off the camera!„. Dieser Gedanke des Komparsendaseins im Film des eigenen Lebens entschädigt für diesen in musikalischen Belangen eher unauffälligen Track. Die textlich Güte der EP wird durch I.K.W.Y.L. nochmals gesteigert, wenn Mächtigen, religiösen Eiferern und Terroristen die drohenden Worte „I know where you live“ entgegengeschleudert werden. Es wirkt wie ein umgedrehter Spieß, ein mit viel Ruhe geplatzter Kragen. Sehr gut!

Das Fazit könnte positiver kaum ausfallen. Mit B3 haben uns Placebo eine wunderbare EP beschert, keine schwachbrüstigen Outtakes der Verwertungskette zugeführt. Auf die Band bleibt einmal mehr Verlass, man ist vor Enttäuschung gefeit. Bands kommen und gehen (unter), Moden ändern sich, Placebo bleiben als Fels in der Brandung. Was für eine Selbstverständlichkeit!

B3 ist am 12.10.2012 auf Universal erschienen.

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SomeVapourTrails

Ein Gedanke zu „Niemals gelackmeiert – Placebo

  1. Time Is Money ist wirklich ein schöner Song. Auch der Rest vom Fest ist so schlecht nicht. Schöne Grüße nach Berlin.

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