Resonanzkörper, ich – Pit Przygodda

Kennst du das auch? Du entdeckst etwas, das sich herzlich in dein Herz schmiegt, fühlst zugleich, dass es etwas ist, was sich nur schwerlich teilen lässt. Weil der Moment so flüchtig oder nur das eigene Empfinden zu Freudensprüngen bereit. Oder aus Egoismus heraus. Etwa beim Blick vom blätterbeteppichten Hügel hinab auf die pittoreske Schönheit der Häuserdächer deiner Kleinstadt. Dir schwillt das Herz, du atmest auf, während feuchte Herbstluft durch deine Bronchien scheuert, doch würdest du es nicht jedermann empfehlen. Dein Ausblickspunkt hinter dem kleinen Türmchen der Kapelle wäre oft und öfter von Menschengrüppchen in Beschlag genommen. Oder denke an dein Lieblingslokal, einen kleinen Italiener ohne Schick, aber mit der Sorte rustikalem Flair, wie du es von den Italienurlauben abseits touristischer Trampelpfade in Erinnerung hast. Die angesagten Restaurants sind anderswo, hier findet sich stets ein gemütlicher Platz. Du würdest dem Besitzer klingelnde Kassen gönnen, und doch rätst du nur deinen allerbesten Freunden zu einem Besuch, da es sich in einem vollen Lokal einfach nicht so angenehm speisen lässt. Musik jedoch sollte man uneingeschränkt weiterempfehlen. Hast du sie bei dir, in dir, kann sie dir niemand streitig machen. Doch stoßen Tipps mitunter auf taube Ohren, weil die Aussaat auch auf fruchtbaren Boden fallen muss. Wenn ich nun hergehe und Gott und die Welt dazu auffordere, dem Album Lied von Pit Przygodda das Ohr zu leihen, dann werden nahezu alle Ohrenpaare mit anderen Dingen beschäftigt sein. Warum aber?

Der Hamburger Liedermacher Pit Przygodda hat mit dieser Platte ein poetisch klares, unprätentiös fühlendes, wärmend melancholisches Werk vorgelegt. Er ertüftelt Pop-Chansons von großer Empathie, ersinnt Geschichten, die die Hand ausstrecken, sich nicht im Schneckenhaus des eigenen emotionalen Wirrwarrs verstricken. Przygodda türmt keine Rätsel auf, die man ähnlich hilflos begafft wie einst den Zauberwürfel. Er spricht eine Sprache, die man nicht zu dechiffrieren braucht. Das ist der Trumpf hanseatischen Schaffens, dass man ohne Schnörkel oder Exaltiertheit auf den Punkt kommen. Lied ist ein gelungenes Beispiel dafür, das Album versteht sich nicht als existenzschwere Kopfgeburt und bleibt doch nüchtern, lakonisch. Solch Kunst ist jedoch verdammt brotlos, wenn die Moden und Lebenswirklichkeiten kaum Resonanzkörper zur Verfügung stellen. Wir verfallen den Waschküchenweisheiten eines Grafen, schunkeln uns gern in Schlagerseligkeiten oder begeben uns in die krakeelige Selbstsicherheiten von Jugendkulturen. Aber wo ist der Platz für Nuancen, wo sind fünftausend Käufer, die sich dieser Platte ungesehen hingeben, sich in ihr finden?

Es mangelt also vermutlich an Resonanzkörpern, das tut der Schönheit dieses einsamen Werks jedoch keinen Abbruch. Bereits zum Einstieg gibt Kornkreise die Richtung vor, wirft Fragen über Fragen zur Existenz aller Dinge auf, bleibt dabei trotz der offensichtlichen Winzigkeit unserer Leben versöhnlich optimistisch. Mit einem einzigen Satz („Und wir reden und reden bis in den Morgen und die Worte umkreisen sich leicht.„) entwirft Przygodda eine Szenerie, die Platz für Gedanken und tranzendierendes Gegrübel bietet. Solch Prägnanz ist ein kostbares Talent. Allein in dieser Stadt sehnt sich in der Leere der Stadt nach Geborgenheit. Dabei wird dieser Wunsch mit großer Zärtlichkeit vorgetragen, frei Larmoyanz oder Desillusionierung.  Das ist großartig, wird im nachfolgenden Dunkle Straße zum Mantra des stets vorwärtsschreitenden Außenseiters ausgebaut. Hier wird der Welt mit Wohlwollen begegnet, keinerlei Zynismuskeule geschwungen. Spleeniger tönt Ich komm wieder, wenn Pryzgodda trügerischen Trost beschreibt, den die mögliche Rückkehr in eine Beziehung verspricht. In diesem Duett kommt der Mezzosopranistin Daniela Strothmann die Rolle des gegen diesen absurd-selbstverständlichen Optimismus ankämpfenden Objekts der Minne zu. Flieger wiederum schwingt sich gleich Ikarus in die Lüfte („Du willst fliegen zum Leben, dich abgeben, höher steigen, du willst sein.„). Dieser Track verschenkt das Potential zur mächtigen Hymne leider ein wenig. Für Dich dagegen lässt die Hamburger Schule mehr als nur aufblitzen, es ist eine dieser verquer gestrickten Liebeserklärungen, die ohne die winzigste Messerspitze Schmalz auskommen. Wunderbar!

Lied ist mir mehr als eine gute Scheibe, die mir aus dem Veröffentlichungswust zärtlich die Arme entgegenstreckt. Lied ist Erwachsenenpoesie ohne Phlegma oder Sarkasmus, ohne Wut oder aufgesetzte Cleverness. Das Album ist von Wärme und Menschlichkeit geprägt. Pit Przygodda beschenkt uns mit einem Glücksfall von einem Werk. Das sollte man nicht für sich behalten, vielmehr ohne Zögern teilen, weitererzählen. Lied belohnt jeden, der sich darauf einlässt!

Lied ist am 26.10.2012 auf Solaris Empire erschienen.

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