Ein explodierender Astralleib – Crystal Castles

Wenn ein defätistisch gestimmter Astralleib gen Himmel segelt, dabei gegen einen Strommasten bumst, sich in den Leitungen verheddert, ordentlich zuckt und zappelt, kann man sich an diesem schrägen Schauspiel kaum sattsehen. Eine atemberaubende klangliche Entsprechung zu diesem seltenen Naturphänomen wäre wohl das Album (III) des kanadischen Duos Crystal Castles. Dieser Electro-Pop wuselt mal radauig, mal mit Engelsflügeln flatternd. Er transzendiert, verfeuert allerlei Energie. Sängerin Alice Glass jault und trällert aus dem Inneren einer Plasmablase, umwabert von einem kraftvollen elektronischen, manchmal harsch-hysterischen Techno-Sound.

In einem der besten Moment bildet (III) die Sekunde vor dem Knall ab, ehe sich ein explodierendes Feuerwerk am Himmel entlädt. Man spürt den kommenden, noch unsichtbaren Zauber, fühlt die bereits in der Luft liegende Spannung, sabbert wie in Trance dem Höhepunkt entgegen. Der Track Plague etwa wölbt sich auf, pocht als Herzschlag, nur um bald darauf grell und dramatisch zu flackern, in frenetischem Bombast zu bersten. Wieder und wieder. Wrath Of God brilliert als von Rage erfüllte Tanzhymne, die selbst die Eingeweide in Vibration versetzt. Was jedoch wollen mir die akkustisch kaum verständlichen Zeilen wie „Christen them with paraffin/ Sterilize samaritans/ Contravene loyal ties/ Migrate them through the pesticide“ mitteilen? Die Crystal Castles haben ein Faible für schwer fassbare Wortgebilde, deren Zweck wohl vor allem in der ästhetischen Unterstreichung von Beklemmung liegt. Selbst ein Wärme vorgaukelnder Titel wie Affection fährt seine Krallen aus („We drown in pneumonia not rivers and streams„). Als weiteres Highlight der Scheibe offenbart sich Sad Eyes, welches trotz futuristischen Hochglanzes an eine Wiedergeburt von ABBA erinnert. Das Erfolgsgeheimnis des Albums basiert auf einer stimmigen Mixtur, ätherische, Experimenten aufgeschlossene Elektronica vermengt sich mit Disco-Gestampfe und Pop-Appeal. Das türmt sich in der Summe zu einem verspielten, sakral-entrückten Wiegenlied wie Violent Youth auf. Erst gegen Ende des Album kehrt mehr Ruhe ein, ziehen die Schwaden der vorherigen Detonantion vorbei, bilden behagliche Wölkchen, auf denen sich Child I Will Hurt You bettet.

Ethan Kath und Alice Glass haben mit (III) eine echte Konsensplatte aufs Parkett gelegt. Das Werk strotz vor Energie, ist von einer Aura des Mysteriums getragen. Malt düster, nur um in schillernden Farben zu explodieren. Es detoniert im Ohr, bleibt zugleich auf Distanz. Es ist schön, aber nie knuffig. Die Crystal Castles befriedigen viele Geschmäcker, halten sich jedoch vom Mainstream fern. (III) überzeugt als gleißende Platte, die sich erst dann völlig erschließt, wenn man auch die Schemen im Hintergrund zu erspähen vermochte. Sie erscheint als explodierender Astralleib. Wumms!

(III) ist am 09.11.2012 auf Universal Music erschienen.

Konzerttermine:
02.12.2012 Esch-sur-Alzette (LUX) – Rockhal
04.12.2012 Zürich (CH) – X-TRA
05.12.2012 Köln – Essigfabrik
08.12.2012 Berlin – Postbahnhof
09.12.2012 Hamburg – Uebel & Gefährlich
25.02.2012 Wien (AT) – Arena

Links:

Offizielle Homepage

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