Farbenpracht unter der Äthermaske – Clinic

Wie leicht erscheint es doch, quasi als eine Fingerübung, einen Kinofilm zu typisieren. Da gibt es die auf Geldvermehrung schielenden, trotzdem sündhaft teuren Action-Reißer sowie bombastisch besetzte Hochspannungsthriller. Ebenfalls der Masse auf den Leib geschneidert sind romatische Schnulzen oder Liebeskomödien. Natürlich existieren auch auf Oscars getrimmte Biopics oder pathosschwangere Dramen, die aufgrund von Überzeichnung ein innerer Reichsparteitag für jeden Mimen sind. Da dürfen Gesichtszüge entgleisen. Oder starre Mimik wird zu großer Beredsamkeit hochstilisiert. Denken wir auch an das Indie-Movie, welches gern politische Korrektheit negiert, und natürlich an den Kunstfilm, der jedem noch so munteren Antlitz ein Gähnen auf die Lippen zaubert. Man vergesse auch nicht auf unausgegorene B-Movies und völlig hirnverbrannte Teenagerfilmchen. Im Bereich der Musik hingegen lässt sich bestenfalls zwischen Kommerz und Anspruch, Professionalität und DIY-Attitüde, Mainstream und Indie unterscheiden. Auch wenn das Nischendenken in der Musik ausgeprägter ist, lässt sich die Ambition einer Platte viel schwerer kategorisieren. Mit welcher Intention etwa schritt die britische Formation Clinic zu Werke, als sie die Scheibe Free Reign einspielte? Dachten die Männer um Frontmann Ade Blackburn wirklich daran, einfach mal so das Album des Jahres – zumindest aus britischen Gefilden – aufzunehmen? Endgültig aus dem Schatten der prominenteren Vertreter ihrer Zunft zu treten, ohne dabei die eigene Haut offensiv zu Markte zu tragen? Free Reign steht für surrealen Pop und psychedelischen Indie-Rock, diese grandiose Scheibe liebt, sehnt und träumt. Und sie erfühlt unter einer Äthermaske Farbenprächtiges. Man spürt sich stets unter Blackburns Fittichen, denn seiner Stimme wohnt ein sanft leidende, nicht ohne Wärme tönende Zerbrechlichkeit inne. Was immer sich Clinic bei der Entstehung ihres mittlerweile siebten Studioalbums gedacht haben, das Resultat sprengt wohl sämtliche Erwartungshaltungen.

Photo Credit: Rhian Askins

Free Reign balanciert zwischen grob schraffierten Fantasien und fein gestrickter Verve. Bereits mit dem ersten Lied lullt es den Hörer um den Finger. Misty ist ein Triumph von einem Song, verschwurbelte Synthies bilden die Tapete, vor der Blackburn sein betörend beschwörendes „Misty,  we’ve won“ zelebriert. Der Melodie, dem Gesang haftet eine andächtige Unschuld an. Was für ein Glücksfall! Mit einer Schmissigkeit grotesken Amstrichs vermag sich See Saw in Gedächtnis zu stanzen. Post-Punk trifft auf die Unwirklichkeit von Varieté. Eine ähnlich hypnotische Kraft entwickelt auch das nachfolgende Seamless Boogie Woogie BBC2 10pm (rpt). Mit diesem fulminanten Start definiert Clinic den bisherigen Höhepunkt ihres Schaffens, wird auch das bei Kritikern durchaus gerühmte Debüt Internal Wrangler überflügelt. Und die Platte wird von nun an kaum einen Deut schlechter. Die erste Single Miss You etwa ist ein etwas verschlurft tänzelnder, lässig inszenierter Trip, während King Kong sich psychedelisch obskur präsentiert. Vor allem letzterer Track wirkt der einen oder anderen Droge entsprungen. Man kann diesem Werk kaum mit Rationalität begegnen, nicht weil es unter dem Gewicht der Emotionen ächzt, vielmehr sinniert Free Reign in einem eigenen Kosmos dahin. Was zum Hörer dringt, schwingt als ungefähre Ahnung. Bleibt schwer greifbar und bizarr schön. Die Band verteilt wohlig-zittrige Schauer, einmal mehr beim abschließenden Sun and the Moon, das auf leisen Sohlen durch eine unwirkliche, geheimnisvoll zischende Kulisse schleicht.


Clinic – Miss You (Official Video) von domino

Free Reign entwickelt eine unnachahmliche klangliche Ästhetik, frönt einem distinktiven Sound. Umspinnt den schlichten Kern mit Magie und Groteske. Das ist genial, atemberaubend – und doch nicht jedermanns Geschmack. Wäre die Platte ein Kinofilm, dann hätten wir es mit einem surrealen Kultstreifen zu tun, dessen Tiefgang und imaginativen Ausdruck jedweder Kenner verehren würde. Clinic sind beileibe kein Geheimtipp, doch sind sie zu sehr in ihrem Universum versponnen, um nach Ruhm, Applaus und Ehre Ausschau zu halten. Clinic zeichnen ein verschwommenes, buntes Bild, welches allerdings lediglich aus der Ferne ins Bewusstsein dringt. Diese Distanz ist der Makel, der die höheren Weihen der Popularität verhindert. Zugleich geht von solch Schemenhaftigkeit jener Zauber aus, der dieses Werk wundersam schillern lässt. Und wie es funkelt!

Free Reign erscheint am 09.11.2012 auf Domino Records.

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SomeVapourTrails

2 Gedanken zu „Farbenpracht unter der Äthermaske – Clinic

  1. Schöne Rezension! … Die ich aber leider nicht so ganz unterschreiben kann – ich fand das neue Clinic-Album recht öde und monoton, und habe auch von anderen, die Clinic an sich mögen, eher maue Kritiken gehört. Aber wie immer bei Musik gehen die Meinungen halt auseinander. 🙂

  2. Ich habe auch mitgekommen, dass viele Kritiker das Album so lala einstufen. Hatte meine Ohren erst unlängst bei der Inspektion, ich hör da ein schlicht hervorragendes, ganz besonderes Album, das beste seit ihrem Debüt (selbiges inklusive). Natürlich ist das kein Album für die breite Masse, aber wie Kenner Misty als öde einstufen können, das übersteigt meine sonst ausgesprochen rege Fantasie 😉

    SVT

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