Klirrender Wohlklang – Collapse Under The Empire

Das Musikjahr 2012 nähert sich mit Riesenschritten seinem Ende. Was sich bis Ende November nicht in die Plattenläden verirrt hat, das wird schlichtweg kaum mehr wahrgenommen. Ich persönlich stecke ja noch tief in der Jahresmitte fest, genieße die Atempause der kommenden Wochen enorm. Weil sich in meinem Regal noch rund 100 Alben von 2012 türmen, die erlauscht und mitunter auch erwähnt werden wollen. Mit einem der Werke, das ich zwar schon mehrmals gehört und dennoch noch nicht entsprechend gewürdigt habe, will ich die Aufarbeitung der letzten Monate beginnen. Das eifrige Hamburger Post-Rock-Duo Collapse Under The Empire hat Ende September mit Fragments Of A Prayer ein gediegenes Album veröffentlicht, dem das eine oder andere lobende Wort gebührt.

Das Genre Post-Rock definiert sich im Grunde über zwei Herangehensweisen. Man hat es einerseits mit Visionären zu tun, die in epischer Breite Utopien entfalten, andererseits gibt es hier auch keinen Mangel an braven Handwerkern, die sich Klangmauern zimmern und diese dann ganz brachial niederreißen. Fragments Of A Prayer lässt sich in keine dieser Schubladen packen. Es ist von einem dynamisch gleitenden Wohlklang getragen. Die Platte baut selten Spannung auf, fiebert sich nicht in einen Rausch hinein, entlädt sich nie in einem Feuerwerk der Instrumente, kennt keine Brüche. Die einzelnen Tracks bleiben bei einer durchschnittlichen Dauer von viereinhalb Minuten ungemein kompakt, kommen schnell auf den Punkt und surfen auf dieser Welle entlang. Wo Handwerker basteln und sägen, nur um am Höhepunkt mit dem Vorschlaghammer darauf einzuhauen, und Visionäre verstört um Orientierung und Erkenntnis ringen, bleiben Collapse Under The Empire in ihrem Tun konsequent unaufgeregt. Sie scheren sich einen feuchten Kehricht um Konstruktion und Dekonstruktion, liefern ein fertiges Etwas ab, welches keiner Entwicklung oder Zerstörung bedarf. Die Tracks sind somit eigentlich gar keine Fragmente, die sich der Hörer erst zusammenpuzzeln muss. Das macht sie überaus leicht zugänglich, erlaubt ein sofortiges Eintauchen in die klirrende, kühle Ästhetik des Werks. Denn das ist der eigentliche Trumpf der Platte, das musikalische Relevanz stiftende Merkmal, dass diese bewegte Eisigkeit von großer Energie durchdrungen wirkt.

Fragments Of A Prayer mag mit dieser Grundausrichtung diejenigen Post-Rock-Apostel irritieren, denen das allmähliche Werden eines Tracks, das Zusammenführen von Strängen, ein pathetisches Durchschreiten von Tälern zum absoluten Herzensanliegen gerät. Wer sich jedoch schon immer an der Länge ausgewiesener Post-Rock-Titel störte, zehn Minuten und länger dauernde instrumentale Stücke einfach nicht erdulden konnte, der sei ausdrücklich zu diesem Werk ermutigt. Weil es durch seine kühle Prägnanz viel Spannung erzeugt. Wo dieses Genre sonst Romane schreibt, widmet sich das Hamburger Duo feinen Kurzgeschichten. Schon das eröffnende Titelstück Fragments Of A Prayer schwärmt in höchsten Sphären, frostig schön und melodisch erhaben. Breaking The Light zählt zu den lichtdurchfluteten Tracks, es durchsaust ein gletscherpralles Panorama, wirft Echos in die tiefen Spalten. Solch kristallklarem, luftigem Wohlklang verfällt man gern. Elektronisch aufgeladen und zugleich von einem glockenhellen Piano kontrastiert entsteht sich ein abgründiges 180 Seconds, das in der Folge hibbelig dramatisch, geradezu majestätisch anschwillt. Noch wolkenverhangener gibt sich Closer, welches schroff und mitunter martialisch lärmt. When The Day Fades Away hingegen strapaziert die Weite von Cinemascope, durchsticht unter flirrenden Gitarren den Raum. Famos!

Collapse Under The Empire haben mit diesem knackigen Album feinen Post-Rock für Leute gemacht, die mit diesem Genre meist nicht viel anzufangen wissen. Fragments Of A Prayer offeriert somit den perfekten Einstieg in eine Welt instrumentaler Musik, die stets um einen mächtigen Gestus ringt. Das Duo hat mit dieser Scheibe zwar nicht die beste oder intensivste Post-Rock-Platte dieses Jahres geschaffen, wohl aber die kurzweiligste und dichteste. Mein Kompliment!

Fragments Of A Prayer ist am 28.09.2012 auf Finaltune erschienen.

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