Stippvisite 24/11/12 (XXL-Edition frisch von der Schlemmermeile)

Das Internet ist eine elendslange Schlemmermeile, auf welcher jeder Musikfan auf den Geschmack kommt. Man findet, wonach immer auch das Herz begehrt. Wo jedoch die kulinarischen Genüsse einer Schlemmermeile stets einen sofortigen Obulus erfordern, erwarten uns in den Weiten des Netzes jede Menge Kostproben gratis. Wo in manch Lokalen das Prinzip All-you-can-eat regen Zuspruch findet, die Besucher sich dies durchaus einige Euros kosten lassen, im Wissen das Harakiri keinen Teil einer gesunden betriebswirtschaftlichen Kalkulation darstellt, haben sich im Internet Streamingdienste etabliert, welche für ’nen Appel und ’nen Ei Millionen Tracks feilbieten. Der Stream ist längst eine allgemein akzeptierte Form des Musikkonsums. Wir würden uns in die eigene Tasche lügen, wenn wir tatsächlich glaubten, dass Musiker von Streams finanziell profitieren. Das Angebot eines Streams sieht den Künstler auf seinem desperaten Höhepunkt. Eine Band oder ein Singer-Songwriter tun dies, weil sie an die Chance glauben (wollen), dass das Hören eines Songs zu einem Kaufimpuls animiert. Doch ach, drei Dinge stehen diesem Verlangen im Weg. Zunächst einmal die eigene pekuniäre Situation. Wohnen wird teurer, Strom auch nicht billiger, Gebühren und Steuern steigen unaufhörlich, Essen sollte man freilich auch. Die gegenwärtige Krise definiert für viele Menschen das Wort Luxus neu. Zumal Werbung Prioritäten gewichtet. Wir gönnen uns besonders das, was heftig beworben wird. Ein David Garrett verkauft sehr viele Platten, bei der talentierten schwedischen Indie-Combo sieht die Sache schon anders aus. Der zweite Punkt ist die Halbwertszeit von Klängen. Was den Musikenthusiasten rund um den Veröffentlichungstermin in Mark und Bein fuhr, geradezu in den Ohren schmolz, das scheint zwei Monate später längst von Dutzenden neuen Platten aus der Erinnerung gedrängt. Lohnt sich also tatsächlich ein Kauf? Doch nur bei Alben, mit denen einige schöne Jahre verbringen will! Für einen One-Night-Stand wird man doch in der Regel auch nicht so tief in die Tasche greifen wie für die ausgeguckte Lebensabschnittspartnerin. Und letztlich verhindert als drittes Motiv die Gratis-Kultur einen Kauf. Wir wollen naschen, stibitzen, auf Rechnungen legen wir im digitalen Dschungel keinen sonderlichen Wert. (Mehr zum Thema Stream hat Nicorola hier zusammengetragen.)

Das Internet ist eine lange Schlemmermeile voll frischer Leckerbissen. Ein paar Köstlichkeiten will ich auch diesmal wieder kredenzen. Wenn heute der internationale Kauf-Nix-Tag begangen wird, dann sehe ich das durchaus ambivalent. Eine Überprüfung des eigenen Konsumverhalten erscheint immer mal wieder angebracht, aber als Resultat sollte keine plakative Konsumverweigerung stehen, vielmehr ein klares Ja zum bewussten Kauf. Denn gerade im Bereich der Musik haben wir es vielfach verlernt, eine von penetranter Werbung unbeeinflusste Kaufentscheidung zu treffen. Vielleicht sollten wir sogar viel öfter mal musikalisch schlemmen – und dann auch unsere Zeche zahlen.

Dänentipp:

Drei dänische Mädels praktizieren den Spagat zwischen kecker Anmut und rotziger Attitüde. Als Nelson Can rocken sie voll Sixties-Charme die Bude, einen Song wie Apple Pie wird sogar der lieben, dem der ganze Indie-Pop-Rock längst zu den Ohren herauskommt. Das Lied Troublemaker dagegen wartet mit einem gerüttelt Maß an Verruchtheit auf. Eva-Maria vom Polarblog meint, dass dieses Trio so daherkommt, „als ob Nancy Sinatra mit Quentin Tarantino eine rauschende Party gefeiert oder die Bangles sich mit den Blues Brothers auf Abwege begeben hätten„. Welch guter Vergleich!

Wunderkindtipp:

Bei der britischen R&B-Sängerin Laura Mvula scheiden sich die Geister von meiner Co-Bloggerin und mir. Während die Co-Bloggerin sie furchtbar findet, bin ich zu Komplimenten aufgelegt. Vor allem die klassische Eleganz ihrer Stimme beeindruckt mich. Wo in diesem Genre sonst auf Teufel komm raus losgejodelt wird, glänzt Mvula mit souliger Geschmeidigkeit und einer unschmalzigen, ungepresst Stimme. Speziell der Titel Like The Morning Dew hat es mir angetan. Ich höre hier nicht mehr und nicht weniger als einen kommenden Star. Ihre EP She ist am 18.11.2012 auf RCA erschienen. (gefunden auf Prefix)

Zeitreisetipp:

Der werte Peter von den Schallgrenzen hat unlängst einen starken Song ausgebuddelt, der ihn an Manchester 1979 erinnert. Nun existieren nicht wenig musikaffine Zeitgenossen, die solch eine Zeitreise liebend gerne unternehmen würden. Ich für meinen Teil könnte mir da kuscheligere Orte und angenehmere Epochen denken, aber ich begreife natürlich den Charme dieser Ära. Was die kalifornische Formation The Soft Moon mit dem Titel Insides auftischt, zeitigt Retro-Charme ohne Ende. Post-Punk und Dark Wave sei Dank. Das neue Album Zeros ist ein in seiner Düsterkeit beeindruckendes, ohne billige Schauermärchen tönendes Echo aus der Vergangenheit. The Soft Moon touren derzeit durch deutsche Gefilde, um ihre am 05.11.2012 auf Captured Tracks erschienene Platte live vorzustellen. Man sollte sich das nicht entgehen lassen!

Konzerttermine:
01.12.12 Frankfurt – Nachtleben
02.12.12 Wien (AT) – Rhiz
03.12.12 München – Orangehouse

Drachentipp:

Nun zu einer norwegischen Formation namens Highasakite, welche uns mit sehnsüchtigem, verträumtem Indie-Pop erfreut. Ihre gleichnamige EP ist am 20. August erschienen und sehr kurzweilige 17 Minuten lang. Auf gewisse Weise ist dies Kleinod wie Sommersprossen, man hat sie in ähnlicher Gestalt bereits ungezählte Male erspäht und kann sich noch immer nicht daran  sattsehen. Highasakite machen also nichts Neues, das aber verdammt gut. Indian Summer etwa erfreut als famos eingängiger Song, ein Musterbeispiel für Wohlfühl-Pop. Dies Lied ist hier als kostenlose Mp3 erhältlich, den nicht minder schönen, choraligen Song The Heron gibt es an dieser Stelle gratis. (gefunden auf Muruch)

Downloadtipp:

Ein wenig Folk-Rock schadet nie. Deshalb will ich die aus dem Nordwesten der USA stammende Formation Weinland nicht unerwähnt lassen. Ich bin bei das klienicum auf die Band gestoßen, hab mir den Titeltrack des neuen Albums Los Processaur angehört und war sofort enthusiasmiert. Das Lied Los Processaur könnte durchaus aus der Feder eines Jason Molina stammen. Auch wenn nicht alle Titel der am 06.11.2012 auf Woodphone Records veröffentlichten Platte jenes Niveau halten können, Tracks wie Yesse Yames oder The Champ sind fraglos gelungen. Anhören!

Hypnosetipp:

Eine letzte Empfehlung soll es noch geben. Aus dem sicher jedermann auf Anhieb geläufigen Genre Persian Drone Doom. Hinter dem experimentell-elektronischen Projekt Sisters of Seance verbirgt sich der Kanadier Luka Rogers. Ich für meinen Teil finde seinen Track Tasnif for the Dead wirklich grandios, vor allem wegen dem exotischen Touch, den schwelgerischen Synthie-Melodien und der hypnotischen Percussion. Formidable fünf Minuten für Hartgesottene! (via Exclaim!)

Das soll es für dieses Mal wieder gewesen sein! Viel Vergnügen mit den Empfehlungen. Und bitte nicht aufs Kaufen vergessen!

SomeVapourTrails

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