Das Singer-Songwriter-Gen ist kein Defekt – Daisy Chapman

Mal ehrlich, welche Geschichten wollen wir erzählt bekommen? Etwa jene, die sich in von Beginn an absehbaren, albernen Verstrickungen ergehen? Boy meets Girl, aber Boy schämt sich für seinen in der linken Kniekehle befindlichen Leberfleck und das Girl hat ihre Brille verlegt, kann daher Quasimodo nicht vom Sexiest Man Alive unterscheiden. Möchten wir harmlose Storys, die tollpatschend dem Happy-End entgegentaumeln? Oder lieben wir es gar dramatisch? Beinamputierte Endvierzigerin ertappt ihren Gatten dabei, wie er seine langjährige, im Rollstuhl sitzende Geliebte mit einer blutjungen, anämischen Nymphomanin betrügt. Mögen wir per Milchmädchenrechnung aufgehäufte Konflikte der ganz und gar bedeutungsschwangeren Art? Im Falle von Liedtexten stellt sich generell die Frage, ob es überhaupt Geschichten braucht. Präferieren wir nicht vielmehr die aufgebretzelten Gefühlsregungen, die gejaulte Liebesbekundung für die guten wie auch für die suboptimalen Zeiten, ein Lamentieren über die nagende Einsamkeit? Aber es gibt sich eben auch, die starken Erzähler unter den Singer-Songwritern! Die Britin Daisy Chapman ist eine hervorragende Vertreterin dieser Gattung, wie ihr neues Album Shameless Winter Lied für Lied belegt.

Photo Credit: R. Herdman

Chapmans Ansatz fällt klassisch aus. Ihre starke, dennoch nie exaltierte Stimme erzählt mit fein gesponnener Theatralik, begleitet von einem sehr präsenten Piano, unterstützt von dem einen oder anderen streicherischen Pfiff. Mehr benötigt sie gar nicht. Als Resultat steht ein Song wie The Gentleman in 13B zu Buche. Ein Flug von Moskau nach London wird unter die Prämisse eines Aufbruchs, Neubeginns gestellt („As concrete turns to cloud/ And cloud turns into sky/ She contemplates her new found karma„). Doch wer nun meint, dass der neben der Protagonistin sitzende Gentlemen als romantischer Ritter in feinem Zwirn auftritt, ist schief gewickelt. Denn plötzlich auftretende Turbulenzen lassen ihn jämmerlich erscheinen, während die weibliche Hauptfigur den sich immer klarer ankündigenden Absturz mit großer Contenance wahrnimmt („The gentleman in 13B he turns to her/ Ashen faced and praying to survive/ The cabin gravity it shifts so suddenly/ But she just turns to him and smiles„), ihr Schicksal akzeptiert. Chapmans Charaktere sind keine Heroinen, doch auch weit davon entfernt als mit Schablone skizzierte Antiheldinen aufzutreten. Man fühlt sich mit aus dem Alltag gegriffenen Menschen konfrontiert, deren Schicksale wunderbar verdichtet dargestellt erscheinen. Der Song Better Me etwa erzählt von einer Kellnerin, deren künstlerisches Talent nicht genügend Rechnungen bezahlt („Work as a waitress/ Pouring coffee, laying tables/ It’s the default role/ For someone artsy with no credentials„). Chapman bekennt sich zum autobiographischen Inhalt des Liedes, bemerkt in den Liner Notes auf ihrer Webseite sarkastisch: „I often feel like I’m just doing this music thing until the waitressing really kicks off and I can go professional.“. Aber bevor wir uns hier falsch verstehen, sie lamentiert in ihrem Werk nicht über Sinn und Sein – oder gar widrige Umstände. Wer das wahre Singer-Songwriter-Gen in sich trägt, fühlt sich in der beobachtenden Rolle aufgehoben, klettert nicht waghalsig in den Untiefen des Gemüts umher oder stochert im ausgekotzten Elend der Protagonisten herum. Vor allem jedoch erzählt sie, wo sich andere nur in markigen Beschreibungen ergehen. Das macht The Life of Mary May auch interessant, weil es ein verpfuschtes Leben gnadenlos fortstrickt. Der Titelsong Shameless Winter wiederum füllt eine Reise durch eine kalte Winterlandschaft mit allerlei Erinnerungen, berichtet von einem warmen Idyll der Unschuld, wärmt sich an diesen Reminiszenzen. Denn schon Jean Paul wusste, dass die Erinnerung das einzige Paradies ist, aus welchem wir nicht getrieben werden können. Ein Trost. Und genau damit punktet die Künstlerin auch, der Aufruhr wird oft eine Prise Hoffnung und Trost beigemengt. Manch Schatten ist kleiner, als er wirkt.

Nach welche Geschichten gieren wir? Wünschen wir uns die Harmlosigkeit kitschigen Gefühlspalaver? Oder soll es lieber überfrachtete Schwere sein, welche stets einen schmückenden Strick um den Hals trägt? In beiden Fällen wird man mit den Liedern einer Daisy Chapman nicht glücklich werden. Die aus Bristol stammende Singer-Songwriterin bietet ihre Kunst pointiert dar, vermeidet jedwedes küchenphilosophisches Phlegma, umgeht künstliche Aufgeregtheit, befingert Emotionen nicht so lange, bis sie adrett wirken. Sie macht also alles richtig und liegt damit in den Ohren der breiten Masse leider falsch. Doch wer das Singer-Songwriter-Gen in sich trägt, ist eben nicht mit einem Defekt geschlagen. Shameless Winter überzeugt mich als grandios erzählendes Pflichtalbum für Liebhaber exquisiter Piano-Balladen. Man lausche.

Shameless Winter ist am 09.11.2012 auf Songs & Whispers erschienen.

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