Der Musikblog im Jahre 2013 – Eine Selbstreflexion

Manch kritischer Stammleser dieses Blogs mag konstatieren, dass hier zwar viele Worte verloren werden, es mit dem Erkenntnisgewinn nicht immer weit her ist. Aber differenzierte Ansichten beinhalten oft keine klaren Antworten, werfen im Idealfall neue Fragen auf, vermeiden es zumindest in allzu offensichtliche Fallen zu tappen. Daher seien heute ein paar lose Gedanken zum Bloggen über Musik angeboten, keine Patentrezepte, vielmehr Beobachtungen ohne jedwede Lösungsansätze.

Nach mittlerweile über 4 Jahren des Bloggens sticht mir ein Trend immer stärker ins Auge. Aus Blogs werden vermehrt Magazine, aus den Interessen und Launen von ein paar Enthusiasten wächst ein journalistisches Angebot. Der Blogger tranzendiert zum Redakteur. Ein schlichtes Layout weicht Headlines und Rubriken, die Plötzlichkeit eines Post wird von einer klaren Taktung der Beiträge abgelöst. Man kooperiert ausgiebig mit Labels, präsentiert Touren, versucht sich an Interviews, bietet eigene Musiksessions an, setzt auf exklusiven Content. Diese Ansätze sind jeder für sich keineswegs problematisch, gewisse Dinge wurden auch auf diesem Blog ausprobiert, in der Fülle jedoch gaukeln sie etwas vor. Wer mit den Großen mitspielen möchte, sollte stets bedenken, dass professionelle Magazine ein Geschäftsmodell darstellen, eben mehr als Hobby sind. Da wird Geld in die Hand genommen, bevor selbiges dann auch mehr oder weniger in der Kasse klimpert. Passion und zeitliche Opfer können den Faktor Geld nie und nimmer aufwiegen. Und da es ja genügend Musikmagazine gibt, kann der Schuster ruhig bei seinem Leisten bleiben. Der Sinn des Bloggens besteht nicht in der Metamorphose zum Journalismus. Ein passionierter Radsportler tritt ja auch nicht bei der Tour de France an. Dazu mangelt es ihm an der High-Tech-Ausrüstung, Serviceteam, logistischem Know-How, Finanzkraft. Vom Zugang zu leistungssteigernden Substanz mal ganz abgesehen. Ein etwaiges Talent allein besagt gar nichts.

Deutsche Musikblogs sind in den vergangenen Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen. Viele fühlen sich dazu berufen, Musik zu empfehlen oder darüber zu schwadronieren. Dagegen spricht überhaupt nichts, Vielfalt schadet nie. Es wäre aber naiv zu meinen, dass ein gesteigertes Angebot auch dazu führt, dass die Zahl der Klicks auf Musikblogs dramatisch zunimmt. Jeder neue Blog konkurriert um Aufmerksamkeit. Denn die Masse an Musikfans ist enden wollend und nur ein Bruchteil davon schätzt die unabhängige Blogkultur. Der Rest sind Google hörige Menschen, die es vielleicht, vielleicht aber eben auch nicht auf Blogs verschlägt. Weiters sollte der Faktor Zeit nicht unterschätzt werden. Interessierte Leser haben auch ein definiertes Maß an täglichen Minuten, die sie für das Studieren von Beiträgen aufwenden. Mehr Blogs bedeuten nicht mehr Beschäftigung mit Musik! Das alles sollte man bedenken, ehe man seinem Hobby als Blogger frönt, allein schon um nicht bald im eigenen Frust zu schmoren.

Letztlich ähnelt die Bloggerszene einer Selbsthilfegruppe. Man kennt sich, tauscht Befindlichkeiten aus. Wenn freilich immer neue Teilnehmer kommen, eskaliert die Lage, der Einzelne kommt nur noch knapp zu Wort. Das ist ein größeres Übel, als man gemeinhin annehmen mag. Weil der Blogger generell sehr viel Feedback von den Kollegen erhält, dieser Zirkel relativ geschlossen bleibt. Der zufällige Besucher kommentiert bestenfalls aus einem Überschwang der Emotion heraus, der Stammleser entpuppt sich als Genießer – und schweigt. Somit sind es in nicht zu unterschätzender Zahl die werten Kollegen, die Gedankenspenden zu einem Beitrag abgeben. Ein größer Kreis sorgt also nur für eine stärkere Verteilung der Kommentare, sie nehmen in der Gesamtheit keineswegs automatisch zu.

Soziale Netzwerke sind eine feine Sache, sagt man. Und ohne jetzt die Vorteile der Vernetzung madig machen zu wollen, sind sie doch genauer betrachtet eine eigene Welt. Wer auf Facebook ist, ist eben auf Facebook und erst in zweiter Linie online. Wenn ein Blog eine eigene Facebook-Seite sein eigen nennt, klingt das zunächst fein. Es bedeutet jedoch zugleich, dass ein Teil der Kommunikation zwischen Blogger und Leser unter die Kontrolle von Facebook gestellt wird. Eine Rückmeldung auf ein „Gefällt mir“ reduziert wird, sofern der Hinweis zum neuesten Blogpost denn überhaupt im Feed der Anhängerschar auftaucht. Die Verwendung von Twitter oder Facebook ist trügerisch, wie hoffentlich folgender Vergleich veranschaulicht: Wenn ich mir jemanden in mein Haus einlade, dieser Person wortreich mein heimeliges Interieur zeige, bugsiere ich sie danach ja auch nichts in benachbarte Café, um dort bei Kaffee und Kuchen Beifallsbekundungen zu harren. Manch Blog geht mittlerweile sogar so weit, dass die Kommentare geschlossen sind und etwaiges Feedback nur noch via Facebook möglich ist. Das halte ich für völlig falsch.

Aus all diesen Überlegungen heraus sehe ich für das Medium Musikblog dunkelgrau. 2013 wird keine Renaissance der ursprünglichen Tugenden des Blogs erleben. Auch weil die Online-Promotion dies verhindert. Labels und Promo-Agenturen lachen sich doch ob des Wahns an Professionalisierung ins Fäustchen. Da sich vermeintliche Magazine natürlich auch einer umfassenderen Berichterstattung und Rezensionstätigkeit verpflichtet sehen, können noch mehr Artikel über diese und jene Band lanciert werden. Es sollte sich jeder vor Augen halten, dass Promo-Firmen zwar grundsätzlich nichts gegen Qualität einzuwenden haben, aber letztlich noch immer die Quantität ihre Leistung definiert. Welche dieser Marketingagenturen steht wohl eher mit vor Stolz geschwollener Brust da? Die, welche nur auf zwei großartig geschriebene Artikel verweisen kann oder aber jene, die mit drei Dutzend Rezensionen aufwarten darf. Selbst wenn eine von omakaetheskuecheneinmaleins.de stammt. Kleinvieh macht eben auch Mist. Blogger zählen als Medienpartner. In erster Linie sind sie jedoch oft kleine Fische, die man auch mit winzigen Ködern (eine kostenlose CD) an den Haken bekommt. Diese Sichtweise ist keineswegs anstößig, falls man um sie weiß. Dennoch, der Blogger muss sich keineswegs als Opfer fühlen. Denn das Buhlen um gefühlt hunderte wöchentliche Neuerscheinungen führt nämlich auch dazu, dass der Blogger die eine oder andere Forderungen stellen kann. Vielleicht aber um den Preis der Spontanität seines Tuns.

Das eigene Wirken kritisch zu reflektieren, hat noch niemandem geschadet. Dem Henker nicht, dem Parkwächter nicht, der Animierdame nicht, dem Musiker nicht und natürlich auch dem Blogger nicht. Leidenschaften sind allerdings auch Berufungen, mit Geld nicht aufzuwiegen, weil unbezahlbar befriedigend. Das wird ein Kaninchenzüchter oder Briefmarkensammler nur bestätigen können. Wer das Bloggen über Musik derart begreift, wird auch 2013 nicht davon lassen wollen.

SomeVapourTrails

2 Gedanken zu „Der Musikblog im Jahre 2013 – Eine Selbstreflexion

  1. Ich verstärke mal den Selbsthilfekreis, indem ich hier kommentiere. 😉 Interessante Gedanken zum Musikbloggen, die Du da äußerst. ja, diesen Schritt hin zum „Professionalisieren“ des Bloggens habe ich auch schon seit einer Weile beobachtet, bin aber nie selbst in diese Richtung gegangen, weil schon ein „normaler“ Blog ausreichend Arbeit bedeutet. Dass Facebook Besucher vom Blog abzieht ist ein interessanter Gedanke, da könntest Du Recht haben. Diese Instant-Kommunikation der „sozialen Netzwerke“ ist für viele offenbar sehr verlockend – ich finde sie eher schade, weil doch vieles im täglichen Gesumme, das auf Fb &Co. herrscht, unterzugehen droht.

  2. Ich vermisse ein wenig die persönlicheren, spleenigen Blogs, die nicht nur Newsletter abarbeiten. Ihr Fehlen ist m. E. nach eine der höchst unangenehmen Folgen der versuchten Professionalisierung, so werden Blogs schlimmstenfalls zu Newsletter kommentierenden Multiplikatoren.

    Auch Aktualität halte ich oft für überbewertet, sie mag für eine Zeit wichtig und reizvoll gewesen sein, als es so schien (oder womöglich auch war), als würden Blogs Hypes machen, heute ist sie vor allem durch Social Networks Standard.

    Alles in allem wäre ein wenig mehr Souveränität hübsch.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.