Janusköpfige Transzendenz – Godspeed You! Black Emperor

Lassen wir uns zu einer kurzen Vorbemerkung über Post-Rock hinreißen. Man neigt ja dazu, all das, was kein unmittelbares Verständnis erweckt, dennoch angenehm wuchtig dahinmelodeit, eben solch Klänge mit dem Post-Rock-Etikett zu versehen. Das führt dazu, dass einem beim Öffnen dieser Genre-Schublade zwangsläufig auch immer irgendein Kastenteufel anspringt, mit dem man nun wirklich nicht rechnen durfte. Wenn es jedoch Vertreter dieses Musikstils gibt, denen man die uneingeschränkte Autorität zusprechen darf, das Genre in seiner ganzen Komplexität zu repräsentieren, dann ist dies wohl die kanadische Formation Godspeed You! Black Emperor. Auch deren neuestes Werk ‚Allelujah! Don’t Bend! Ascend! steht für eine Radikalität des Sounds, für die völlige Verschränkung von Geist und Gefühl. Es ist philosophisch und empfindsam zugleich, beredt und botschaftsbeladen, dabei letztlich auch das, was wir darin spiegeln. Es verkörpert die Essenz von Post-Rock.

Dem Post-Rock zugeneigte Zeitgenossen werden dieser Platte ebenso wenig entrinnen können wie Musikjournalisten, die solch ein Album natürlich in ihren Jahresbestenlisten anführen. Godspeed You! Black Emperor sind, so zumindest lautet der breite Konsens, eine Bereicherung für die Musikwelt, ihr erstes Werk nach 10 Jahren wohl fraglos Pflicht. Doch indem man es in den Kanon der erlesensten Platten aufnimmt, macht man es salonfähig, obwohl es dies nie und nimmer sein kann, noch mag. Im Kern gerät ‚Allelujah! Don’t Bend! Ascend! zu einer Herausforderung, die nur Hartgesottene als solche begreifen, geschweige denn meistern. Das beginnt bereits im Titel, wo der Banalität des Seins eine mit drei Ausrufezeichen schwangere Transzendenz entgegengestellt wird. Und setzt sich beim 20 Minuten umfassenden Mladic fort. Wie soll man mit einem Track umgehen, dessen Titel doch wohl auf einen Kriegsverbrecher verweist? Mladic erwächst zum Knackpunkt der Platte. Es trennt von Anbeginn die Spreu vom Weizen. Hier wird ein amokhafter Aufstieg mit dem Furor eines Derwisch vollzogen, diese opulente, mit Balkananklängen ausstaffierte Hymne klettert die Himmelsleiter nicht empor, sie erstürmt sie ohne Rücksicht auf Verluste. Mladic forciert ab der 5. Minute ein orchestrales Gemetzel, hämmert bei den Höhepunkten auf den Hörer ein. Es wirkt erbarmungslos, steigert sich in einen zielgerichtete, keineswegs blindwütige Trance. Das rohe Kalkül des Irrsinns bricht sich die Bahn. Man erfühlt die Chose voll Faszination – und Abneigung. Diese Ambivalenz wird radikal erfahren, will erst einmal verarbeitet werden. Mladic wächst zu einem pathetischen Blutrausch der genial-heimtückischen Sorte. Punkt. Ganz anders hingegen präsentiert sich We Drift Like Worried Fire, der zweite Track ausufernder Länge, quasi das gutmütige Pendant. Wo das Eröffnungsstück noch die Dunkelheit forcierte, reißen hier die dunklen Wolken auf, fallen verheißungsvolle Lichtstrahlen hinein, tänzeln verzerrt. We Drift Like Worried Fire klingt gleich einem Gebet, welches sich aus dem Jammertal erhebt. Hoffnung tief verspürt. Und in der Folge tatsächlich aufsteigt, sich beschwörerisch in die Aura des Unfassbaren wagt. Hier wird hier ein dynamisches Mantra in theatralische Höhen geschossen, Rakete ins Glück. Es surrt und fuhrwerkt in der Magengrube, man durchprescht das Firmament. Transzendenz als atemberaubend gezimmerte Science-Fiction Lemscher Prägung. Die Auflösung findet sich erst im Ambient-Stück Strung Like Lights At Thee Printemps Erable, welches in einem sphärischen Nichts angesiedelt ist. Geräusche von einer anderen Ebene des Bewusstseins, nervend, bedrohlich, dröhnend. Und plötzlich endet all dies, reduziert sich auf eine schwächer werdende Welle bis hin zu absoluter Stille. Das Nichts!

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Über Godspeed You! Black Emperor wird viel geschrieben. Das mittlerweile neunköpfige Ensemble hat mit seiner Wiederkehr nach einer Dekade überrascht, ja begeistert. Doch ist das zwischenzeitliche Tun von Mastermind Efrim Manuel Menuck ohnehin keinesfalls unbeobachtet geblieben. Menuck bescherte dem Post-Rock neue Verästelungen. Und dennoch wird erst mit ‚Allelujah! Don’t Bend! Ascend! ein neues Pamphlet geschrieben, dass das innerste Wesen dieses Genres manifestiert. Post-Rock hallt als Panoptikum des Fühlens und Denkens, als Synapsenfeuerwerk samt einhergehenden Grummeln der Eingeweide, als ganz große Geschichte ohne Worte nach. Godspeed You! Black Emperor zu interpretieren, die Formation zu begreifen versuchen, das zählt fraglos zu den reizvollen und lohnenden Beschäftigungen mit Musik. Auch darum gehört diese Platte zu den Jahresbesten 2012.

‚Allelujah! Don’t Bend! Ascend! ist am 15.10.2012 auf Constellation erschienen.

Link:

Künstlerseite auf Constellation Records

SomeVapourTrails

2 Gedanken zu „Janusköpfige Transzendenz – Godspeed You! Black Emperor

  1. Also es ist ja nicht so das ich mit experimenteller Rockmusik nichts anfangen kann , aber von GYBE bin ich dann doch etwas enttäuscht. Nichts was ich nicht schon so oder besser gehört habe Jetzt zweimal komplett gehört. Tendenz: zwischen Enttäuschung des Jahres und geht so.

  2. Du siehst mich sehr verwundert, dass ausgerechnet du nichts mit diesem außergewöhnlichen Post-Rock-Album anzufangen weißt. Das ist ja für mich so, wie wenn ein ausgewiesener Briefmarkenfuzzi die Blaue Mauritius verschmäht. 😉

    SVT

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