Mit Nippes gefüllter Setzkasten – Binoculers

Als Kind in den Achtzigern habe ich noch die Tradition der mit Nippes gefüllten Setzkästen erlebt. Damals kam kaum eine Wohnung ohne solch süßes Zierschränkchen aus. Und wie die oft porzellanernen Kleinode zu einem mal kunterbunten, mal perfekt harmonierenden Gesamtbild arrangiert wurden, das kullerte mir in die groß staunenden Äuglein. Moden ändern sich, Setzkästen scheinen nicht länger einrichtungsgeständliche Pflicht. Zumindest nicht in den Wohnungen, in denen ich den Blick schweifen lasse. Als ich unlängst auf das Album There Is Not Enough Space In The Dark aufmerksam gemacht wurde, fühlte ich mich freilich sofort an einen Setzkasten erinnert. Die einzelnen Lieder wirken wie in Fächern platzierte Miniaturen, die in stimmiger Eintracht ein wohlkomponiertes Gesamtes ergeben. Der Blick wechselt den Fokus, erfreut sich am Ganzen, nur um dann doch die einzelnen Figuren zu mustern. Die unter dem Namen Binoculers werkende Nadja Rüdebusch hat mit ihrer jüngst erschienen Platte das Geschick bewiesen, ihre Lieder einfach und winzig zu belassen, sie dabei nicht zu Krimskrams zu verschmuddeln. Dieser reduzierte, gitarrenverbrämte Folk-Pop beschränkt sich auf eine Stimmung, eine Betrachtung, eine Situation und folgt diesen Dingen eine gefühlige Gedankenlänge. Und so fügt sich Stück um Stück zueinander, gerät There Is Not Enough Space In The Dark zu einem liebevoll zusammengestellten Sammelsurium.

Photo Credit: Inga Seevers
Photo Credit: Inga Seevers

Man darf sich von der Beschaulichkeit des Sounds nicht täuschen lassen. Binoculers ist weit davon entfernt, eine Lieblichkeit nach der anderen möglichst hübsch zu drapieren. Das Lied Sparks etwa offenbart eine Beziehungsfalle, der mit innerer Distanz begegnet wird. Wie auch beim Track Windbreak gerät die Hilflosigkeit der Protagonistin zu ihrem eigentlich Trumpf, weil sie den Schmerz ganz und völlig auskostet und damit letztlich bewältigt. Rüdebusch zeigt uns dabei nicht das Drama, vielmehr den Moment der Überwindung. Die Erkenntnisse ihrer Songs sind ungefähre, oft eine im Schritt zögernde Flucht oder ein auf Sehnsucht fixiertes Verharren, besser noch: fluides Schweben. Auch das trägt zur pittoresken Beklemmung der Texte bei. Grandmother’s House beispielsweise hält die Zeit an, begibt sich in eine Szenerie ohne Geschehen, in den Stillstand des Alters („Her cat on my knees/ Her knitting in my hands/ By the windowsill time is standing still, still, still„). Endless Tides andererseits fällt auf seinen introspektiven Charakter zurück, lässt Vogelschwärme davonziehen, macht sich zur wellenumtosten Insel, sehnt sich nach einem wärmenden Feuer im Inneren. Binoculers gibt ihren Stücken eine Versunkenheit, die der kammermusikalische Folk mit einer Rettungsleine versieht. Song For A River ist ein kleines Juwel, das sich in ein Idyll träumt, von der orgelnden Musik geradezu hinfort geschaukelt wird. Bei Beat wiederum erinnert die Sängerin fast schon an eine Vashti Bunyan, versprengt den Charme des zwischen zwei Träumen erlebten Unwirklichen. Vielleicht drücken die im letzten Song des Albums (Old Minds) intonierten Zeilen „I see the phantoms are all gone/ Old minds sometimes forget and faint/ Like chalk arrows on rainy days/ The pavement’s clear, direction’s new/ And nothing old to hold on to“ die bereits erwähnte angepeilte Überwindung der Stagnation und Traurigkeit am besten aus.

Kehren wir nochmals zum Bild des mit Nippes vollen Setzkastens zurück. Zyniker könnten hier billigen Plunder vermuten, darauf hinweisen, dass solch ein Kästchen bestenfalls als nette Harmlosigkeit durchgehen dürfte. Aber weil nicht an jeder Wand ein Nachdruck von Picasso oder Keith Haring hängen muss, nicht jede Vitrine von einer kleinen alten Vase geschmückt werden kann, sollte man den individuellen Reiz eines Setzkasten nicht unterschätzen. Weil er das vermeintlich Kleine in einen größeren Rahmen setzt. Rüdebuschs Lieder gewinnen in der Fülle nochmals, gehen über das hinaus, was man von Folk-Pop in der Regel erwarten darf. There Is Not Enough Space In The Dark erreicht somit den Stellenwert einer wertvolle Ergänzung der eigenen Plattensammlung. Denn auch diese ist, wenn mit Bedacht zusammengestellt, dem Wesen des Setzkastens verwandt. Einzigartig, mit Passion arrangiert, nie sorglos gruppiert, über viele Fächer verteilt. Und in ein solches gehört gewiss auch das Schaffen Binoculers.

There Is Not Enough Space In The Dark ist am 02.11.2012 auf Insular erschienen.

Konzerttermine:

15.01.2013 Mainz – Schon Schön
16.01.2013 Stuttgart – Café Galao, Stuttgart , Germany
17.01.2013 Saarbrücken – Das Modul
18.01.2013 Ravensburg – Figurentheater
19.01.2013 Heidelberg – Action House
21.01.2013 Konstanz – Schwarze Katz
22.01.2013 München – Südstadt
23.01.2013 Nürnberg – Salon Regina
24.01.2013 Tübingen – Café Haag
25.01.2013 Wiesbaden – Kreativfabrik

Links:

Offizielle Homepage
Binoculers auf Facebook

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