Release Gestöber 33 (Dusted, Illute, The Lumineers, The Pharmacy)

Obwohl dieser Blog derzeit schon wohlig im Vorweihnachtsmodus schnurrt, wollen wir trotzdem auf all die Veröffentlichungen der letzten Wochen nicht völlig vergessen. Hier ein paar bereits überfällige Empfehlungen.

Dusted

Es gibt Alben, denen man mit Haut und Haar entgegenharrt, und dann wiederum existieren Platten, über welche man in absoluten Glücksmomenten stolpert. Total Dust fällt in die letztere Kategorie. Das kanadische Duo Dusted habe ich bereits vor ein paar Monaten für spleenigen, übersteuerten Lo-Fi-Folk mit sentimentaler Note gepriesen. Einige Hördurchläufe später erreicht die Anerkennung mittlerweile eine Dimension der Anbetung, rutsche ich mir begeistert die Knie wund. Dieser Folk-Rock der wachträumigen Sorte irrlichtert sanft durchs Gemüt, getragen von einem grüblerisch-dösigen bis sachte beschwingten Gesang. Mehr als einmal fühlt man sich an den wunderbaren Singer-Songwriter Damien Jurado erinnert. Neben den bereits früher auf dem Blog erwähnten großartigen Tracks (Into the) Atmosphere und Centuries of Sleep wären natürlich noch Property Lines und Bruises zu nennen. Fragile Emotionen, nie kalt und doch aus aus der Distanz schwebend, treten in all den Songs hervor. Dusted haben mit diesem Werk ein faszinierendes Stück Magie aus dem Hut gegriffen. Das Ungefähre, Unwirkliche wird zu einem Balsam eingedickt, der sparsam dosiert als musikalische Streicheleinheit wirkt, die die Seele bezaubert, ein bisschen transzendieren lässt. Total Dust verfängt durch einen Sound andächtiger Verzerrung, hallt nach und nach. Ein Glücksfall von einem Album eben! [Der Track Property Lines findet sich auf dem Blog von KEXP als kostenloser Download, (Into the) Atmosphere wiederum gibt es auf der Label-Seite gratis.]


Total Dust ist am 10.07.2012 auf Polyvinyl Records erschienen.

Illute

Gut zwei Jahre ist es her, dass ein kluges, poetisches Album namens immer kommt anders als du denkst erschienen ist. Anfang Oktober bat die Berliner Liedermacherin Illute mit der neuen EP die realität verschluckt die unendlichkeit in einer einzigen möglichkeit zur philosophischen Kaminandacht, quasi als Aufgalopp zur für Februar 2013 angekündigten LP. Freilich bin ich für allerlei Tiefsinnigkeit zu haben, aber solch ein Titel verknotet selbst meine Gehirnstränge. Mit Wohlwollen nehme ich daher zur Kenntnis, dass die vier Lieder eben nicht mit angestrengt in Falten drapierter Denkerstirn dargeboten werden. durch den selben wald sinniert so gescheit wie lieblich: „und auch wenn die wege sich irren, unsre schritte hallen nach, und der horizont bleibt, wo er immer war, in der ferne, der horizont bleibt, was er immer war, ein strich in der landschaft, eine grenze zwischen uns vielleicht„. Illute erleidet bei ihren Betrachtungen keinen kontemplativen Drehwurm, strahlt vielmehr eine wortspielerische Pfiffigkeit aus, die mit dem aufgeweckt poppigen Sound hervorragend harmoniert. kaputtgegangen wiederum besticht als um Orientierung ringendes Lamento („der zug ist abgefahren, über alle berge, alle wege führen dahin, wo nichts mehr ist„). Eine Wehklage, die sich nicht an Scherben aufritzt, vielmehr im Abschied trotzigen Stolz zeigt. Insgesamt löst diese CD das ein, was man sich als Fan Illutes erwarten darf. Solch intelligent betexter Indie-Pop ist der Masse nicht zuzumuten, dem Liebhaber leiser, fragiler, um Selbstbestimmung bemühter Töne jedoch schon. Ich für meine Teil freue mich wie ein Schneekönig auf das kommende Album.

die realität verschluckt die unendlichkeit in einer einzigen möglichkeit ist am 01.10.2012 auf Las Vegas Records erschienen.

The Lumineers

Folk-Rock-Pop in allen möglichen Facetten ist eigentlich nie aus der Mode, erlebte in den letzten Jahren allerdings eine ausgesprochene Hochblüte. Das Debüt der amerikanischen Formation The Lumineers ist eine ausgesprochen überzeugende Erstlingsplatte, die sich erfolgreich darum bemüht, aber auch ja alles richtig zu machen, auf der folkigen Erfolgswelle zu schwimmen. Nun kann man solch streberhafte Attitüde mit einer kurz hochgezogenen Augenbraue bedenken, am Gesamteindruck rüttelt dies jedoch nicht. The Lumineers haben mit dem gleichnamigen Album sowohl Hemdsärmeligkeit als auch sanfte Balladen im Gepäck, sie übertreiben es jedoch nicht mit dem bodenständige Flanell, flickschustern ihre Lieder nie auf rustikal getrimmten Mitstampf-Folk hin, trampeln nicht als in die Wildnis entfleuchte Städter verloren durch die Vegetation.

Zu den besten Tracks der Platte zählt das gen Bluegrass tendierende Classy Girls, welches die kühne These aufstellt, wonach sich Mädchen mit Klasse nicht in Spelunken küssen lassen. Was sie dann dort überhaupt verloren haben, das hingegen bleibt unerörtert. Auch Ho Hey mit seinem fein schunkelbaren Refrain („I belong with you, you belong with me/ You’re my sweetheart„) ist ein Song, der das Herz am rechten Fleck hat. Bei The Lumineers wirken auch zum Grölen einladende Tracks unpeinlich. Ob Landei oder Student, ob alt oder jung, nahezu jedermann kann diesem Sound etwas abgewinnen. Dabei übersieht man fast, dass sich Big Parade keineswegs in textlicher Harmlosigkeit oder Konsensgefühlen ergeht, wenn es von Weltergewichtsboxern, Priestern und Schönheitsköniginnen handelt. Oder nehmen wir die sehr schlicht gehaltene Ballade Charlie Boy, bei der Liebesbefindlichkeiten einem ernsten Thema weichen („Charlie Boy, don’t go to war, first born in forty-four/ Kennedy made him believe, we could do much more„). The Lumineers sind beileibe keine Band, die man nur in geselliger Runde samt Bier in der Hand hören möchte. Ihr gemütlicher, ab und an besinnlicher Sound hat eine altbackene Note, die allerdings sehr wohl auch live Unbeschwertheit garantiert. Gerade bei einem Lied wie Flapper Girl, wenn sich die Zeilen „I been gone but you’re stilly my lady/ And I need you at home/ Cause if you ain’t behind my door/ Then I ain’t got a home anymore“ nicht um moderne Geschlechterrollen bemühen, tritt ihre treuherzig unzeitgemäße Attitüde hervor. Sie sind mehr retro, als man anfangs glauben möchte, und mindestens so gut, wie es der erste Eindruck vermuten lässt. Eine feine Band!

The Lumineers ist am 16.11.2012 auf Decca erschienen.

Konzerttermine:

27.02.2013 Köln – Luxor
28.02.2013 Berlin – Postbahnhof
02.03.2013 München – Muffathalle
04.03.2013 Hamburg – Grünspan
05.03.2013 Zürich (CH) – Komplex 457

The Pharmacy

Wenn man Pressetexte ohnehin in die Tonne werfen möchte, weil sie sich in allerlei Superlativen, Namedropping und schicksalshaft aufgeblähten Anekdötchen ergehen, stolpert man über eine Zeile, die der angepriesenen CD tatsächlich gerecht wird. Wenn es etwa in der Mitteilung zum Album Stoned & Alone heißt, dass die Band The Pharmacy Pianopassagen in einer auf einer Insel befindlichen Methodistenkirche aufnahm und dabei hinter der Kanzel das Marihuana des Priesters entdeckte, erschließt sich das Werk vollends. Es mag nicht verwundern, dass The Pharmacy diese Entdeckung als wahren Segen verstanden haben. Und das hört man! Stoned & Alone ist ein amüsantes Stoner-Rock-Album mit jeder Menge Sixties-Flair. Es klingt in seiner Gesamtheit dezent durchgeknallt, griffig im Sound, schmissig. Die Songs dauern in der Regel knapp über zwei zackige und knackige Minuten. Zu den Highlights gehört das psychedelisch dahinstrudelnde Sure, ein mit fanfarigem Hook ausgestattetes Dig Your Grave oder das mit einer tiefentspannten, wohl nur als schnurzpiepegal zu bezeichnenden Attitüde gesungene Lazy Bones. Nichtsdestotrotz funktioniert die komplette Platte als knallbuntes Kaleidoskop an schrägen 60er-Melodien. Chinese Finger Trap etwa wäre damals ein veritabler Hit gewesen. Wer also Musik mit nostalgischem Pep nicht abgeneigt ist, sollte sich an Stoned & Alone ergötzen. Wenn ich am Ende der Presseinfo den Satz „The band did sustain minor injuries during the recording of the album due to adopting an abandoned couch off the street in New Orleans.“ lese, dann rundet dies das Bild von ungestümen, tolpatschigen Grasköpfen ab. Grasköpfe allerdings, die sich ein verdammt gutes Album erraucht haben. (Dig Your Grave gibt es hier als kostenlosen Download.)

Stoned & Alone ist am 05.10.2012 auf Seayou Records erschienen.

SomeVapourTrails

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